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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Zeitschleife mit Blümchensofa Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Cornelia Fiedler  am  27. März 2011

Foto: Ellen Coenders

Ein Atemzug genügt, und man ist im Kino – Popcorngeruch durchzieht den theatralen Raum. Im Dunkel der Bühne springt die Mikrowelle an. Leises Surren, sanftes, verheißungsvolles Leuchten aus dem Inneren, Ping!, fertig. Der Startschuss zu “Record of Time”, einer Parforce-Übung in Film und Theater. Das eine Medium jagt das andere, die Ebenen verschwimmen schon mit dem ersten Auftritt: Es ist nur die Filmprojektion einer Türe, die im weißen, an zwei Seiten offenen Bühnenraum aufschwingt, und eine Filmfigur, die eilig den Raum betritt. Sekundenbruchteile später fliegt an exakt der selben Stelle die wirkliche Türe auf. In schnellem Wechsel treten die Schauspielerin und ihr Kollege auf, räumen, rücken, schleppen Gegenstände von A nach B, verschwinden, kommen wieder. Feuerlöscher, Blümchensessel, Blumenvase, Tisch, Metronom, Koffer und antike Büste wechseln mehrere hundert Mal ihre Plätze – je nach Interpretationslaune als Krempel oder als allegorische Bruchstücke der halben Kulturgeschichte. Immer werden die Protagonisten verfolgt, überholt, ja persifliert von den Projektionen ihrer selbst im Hintergrund. Mit der gleichen stoischen Miene räumen auch diese Dinge von links nach rechts, vom Tisch auf den Boden, von vorne nach hinten.

Das schnelle, konzentrierte Tun der beiden, ihrer Abbilder und ihrer Schatten vermischt sich, prallt aufeinander, überfordert die Wahrnehmung des Publikums und entwickelt eine absurde Komik. Zwei, drei, viele Sisyphose sind hier am Werk, nicht glücklich, wie Camus es propagiert, doch zumindest gleichgültig und gefasst.

Lea Letzel und Alexander-Maximilian Giesche springen  mit ihrer Performance zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Die Geräuschkulisse aus Türenschlagen, Poltern und Möbelrücken wird geloopt, flattert einem als als unruhiger Rhythmus um die Ohren. Text gibt es auch mal, der wie die Bilderflut mehr vobeizieht, denn eine Interpretationshoheit beansprucht: Andy  Warhol, dann Rolf Dieter Brinkmann. Den lässt Giesche etwa in der Mitte der performativen Zeitschleife das Fazit ziehen: „Die Geschichtenerzähler machen weiter, die Atomindustrie macht weiter . . .“, und weiter machen auch die beiden auf der Bühne, die Mikrowelle und das Metronom, dass sich mehr und mehr in den Vordergrund drängt, zum Maßstab macht. Dass plötzlich das Bild eines vor sich hin strahlendes Reaktors vor dem inneren Auge vorbeizieht, ergibt sich so zufällig, wie vieles in diesen nie langweiligen 25 Minuten. Hier geht es vor allem um Irritation, im besten Sinne. Dass auch ein paar Gedanken freigesetzt werden, ist ein willkommener Nebeneffekt. Marius Nobach

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