Sie beginnen ihre Berufsausbildung meist im Kindesalter, treten mit 19 oder 20 ihr erstes Engagement an und müssen aufgrund der starken körperlichen Belastung ihre Karriere mit Mitte, Ende Dreißig beenden. „Ich war schon 40 und dachte mir, du musst jetzt aufhören, wenn du mit 80 noch laufen können möchtest“, erinnert sich Trudie Campbell, Ballettlehrerin an der Bayerischen Theaterakademie August Everding und ehemalige Cranko-Tänzerin. Sie trat noch bis 45 in Charakterrollen an der Staatsoper München auf. Zeitgleich begann sie zu unterrichten und konnte nahtlos in ihre „Zeit danach“ hinübergleiten. Das ist eine Ausnahme und glückliche Fügung, so wie vieles in ihrem von Disziplin geprägten Leben.
Dass sich für viele ihrer Kollegen der Abschied vom Bühnenleben nicht so einfach gestaltet, davon weiß auch sie zu berichten. Ein guter Freund und Kollege verletzte sich so stark, dass er eine ganze Spielzeit brauchte, um sich wieder zu erholen. Währenddessen spürte er, dass er die Rückkehr nicht schaffen würde, so Campbell. Er begann, mithilfe eines ausgeliehenen Laptops noch vom Krankenbett aus, Informatik zu studieren. Eine andere Kollegin und gefeierte Solistin gibt heute im Fundus die Spitzenschuhe aus. Wieder eine andere arbeitet in der Requisite mit. Sie wurde entlassen, kurz bevor sie mit 40 unkündbar geworden wäre. Oft sprechen Insider über die positiven Eigenschaften, die sich Tänzer im Laufe ihres Berufslebens anerziehen: Durchhaltevermögen, Ausdauer, Disziplin, Integrationsfähigkeit, Hingabe. Das klingt wie eine Idealausstattung an social skills. Doch auf dem Arbeitsamt gelten sie als Ungelernte. Balletttänzer ist in Deutschland kein Ausbildungsberuf.
Viele denken während ihrer aktiven Zeit nicht an das Nachher. Die Welt, in der sie sich bewegen, ist zu aufregend, fordernd, speziell. Die Realität, dass der Körper altert, dass sie Hochleistungssportler sind, deren Hochleistungsphase vorübergeht, wird ausgeblendet.
2005 hat die ehemalige Tänzerin Maja Langsdorff das Buch „Ballett – und dann?“ veröffentlicht (Books on Demand), in dem sie Lebensbilder von 26 Tänzern und Tänzerinnen, die nicht mehr tanzen, aufzeichnet. Das Buch wirkt auf den ersten Blick wie ein Fachbuch, spezialisiert, scheinbar nur interessant für Kenner. Man spürt auch überdeutlich die Hingabe, die Begeisterung für das Tanzen. Wie uneinheitlich die Wege sind, die die Tänzer nachher einschlagen, wie unterschiedlich ihre Erfahrungen mit der Berufspraxis waren. Langsdorff kreiert ein Bild quer durch die deutsche Szene und quer durch alle Facetten des Berufs. Verletzungen, Enttäuschungen über ausbleibende künstlerische Entwick-lungsmöglichkeiten, Essstörungen, fehlende soziale Kontakte – manchmal auch schon das Problem am Anfang, den Einstieg in eine Kompagnie zu finden, sind nur einige der Themen, die die Menschen in dem Buch umtreiben.
Der 28-jährige Stefan Schmitz, der 2002 die Ausbildungsklasse an der Hamburger Staatsoper beendete, erinnert sich an das Vortanzen an der Staatsoper Berlin, als Vladimir Malakhov seine Tänzer suchte: „Da waren 600 Leute, die sie in Männer, Frauen und nach Altersklassen aufteilten, und trotzdem war es so eng, dass man, wenn man merkte, dass man keine Chance hatte, freiwillig aufhörte. So wie ich, da offen-sichtlich nur Männer ab einem Meter achtzig gesucht wurden. Ich gab einem anderen den Platz, der mehr Chancen hatte.“ Er ging anschließend nach Dortmund und konnte sich quer durch alle Stile tanzen. Ein schwerer Unfall zwang ihn schon in der ersten Spielzeit aufzuhören. Er wechselte an die Joop van den Ende Academy in Hamburg und ließ sich zum Musicaldarsteller ausbilden. Mit eiserner Disziplin und großer Demut durchlief er den Wandel. Seit 2004 arbeitet er durchgängig in dieser Sparte. Doch seine intensivste Erinnerung ist nach wie vor, zu der Premierenbesetzung von John Neumeiers „Nijinsky“ gehört zu haben: „Ein unglaublicher Prozess, bei einem Jahrhundertstück wie diesem, wenn auch nur als kleines Rad in einer großen Maschinerie aus Tänzern, von Anfang an dabei gewesen zu sein und immer zu wissen, das war ich mal, und wenn es nur über die Bühne laufen war.“
Insgesamt arbeiten in Deutschland 1300 Tänzer und Tänzerinnen in festen Engagements. Trotzdem gab es bis August 2010 keine einzige Institution, die sich mit der sogenannten Transition, dem Übergang eines Tänzers in ein neues Berufsleben, befasste. Es gab nicht einen einzigen Berater. Aber die Sache mit dem Aufhören ist eine schwierige Sache. Trudie Campbell erzählt, dass sie sich im Ensemble der Staatsoper sehr wohl darüber unterhalten haben. Mit 40 sei offiziell Schluss. Sie hat damals ein zusätzliches Jahr bekommen und erkennt rückblickend, dass das ein Segen war. „Ich konnte in dem Jahr Schritt für Schritt Abstand nehmen. Und ich spürte, ich musste etwas machen, das körperlich nicht so schwierig war wie Tanzen.“ Tänzer sprechen davon, dass ein Leben für sie endet, wenn sie die Bühne verlassen.
Karin Kreitner, 38, hat schon früh nach Alternativen gesucht. Bodenständig und realistisch, wie sie ist, hat sie mit 31 eine dreimonatige Fortbildung zur Requisiteurin gemacht. Mittlerweile ist sie außerdem Eigentümerin eines Ballettladens. Ihre Tänzerrealität bewegte sich zwischen Fernsehballett, Modenschauen und künstlerisch befriedigenderen Aufgaben bei den Bregenzer Festspielen und im Opernballett München. „Das Geld vom Tanzen hat nie gereicht. Da hab ich gejobbt und Souvenirs im Hofbräuhaus verkauft.“ Als Requisiteurin arbeitet sie heute nebenher im Abenddienst an der Staatsoper: „Mir hat die Backstageatmosphäre immer so gut gefallen.“ Sie verdient dort weniger, als sie ihrer Aushilfe im Ballettladen bezahlt, aber das ist es ihr trotzdem wert. „Das Gefühl der Anerkennung und der Zugehörigkeit hast du nirgendwo sonst so stark wie im Theater.“
Aber so zupackend sind Tänzer nicht immer. Viele fallen in ein tiefes Loch. Der Körper muss sich an den neuen Alltag gewöhnen, das Training fällt weg, die Auftritte. Niemand ist mehr da, der ihren Einsatz braucht und schätzt.
Dass es Handlungsbedarf gibt, erkannte man in einem Arbeitskreis der TaMeD e.V., der Tanzmedizin Deutschland, 2005 in München. Damals entschlossen sich zwei Tänzerinnen, die sich schon längere Zeit mit der Thematik des Übergangs beschäftigt hatten, endlich zu handeln. Sie gründeten die Initiative „Transition in Dance“. Vorbildorganisationen gibt es in den USA, Kanada und Großbritannien seit vielen Jahren. Gründungsmitglied Stefan Maria Marb, Tanztherapeut und Psychologe, berichtet heute, die Initiative sei eingeschlafen, weil man „an zu wenig Tänzer rangekommen sei“. Das Thema des Berufsendes sei zumindest in der Offszene ein Tabu. Selbst zum Tänzerstammtisch, den die Gruppe alle sechs Wochen in München abhielt, seien zwar viele Tänzer gekommen, aber man habe über das wesentliche Thema nicht reden wollen. „Tänzer arbeiten mit ihrem Körper. Sie sprechen nicht gerne über die Dinge. Sie machen alles mit sich selbst aus oder lösen Probleme mit ihrer Disziplin.“ Marb berichtet, dass man auch in Nachbarländern wie der Schweiz und den Niederlanden wesentlich fortschrittlicher sei, was die Unterstützung am Karriereende angeht. „In London wurden wir einmal dazu aufgefordert, auf einen Zettel zu schreiben, was wir tun würden, wenn wir uns morgen das Bein brechen und nie tanzen würden. Da war ich 17“, erinnert sich Trudie Campbell. In deutschen Ausbildungsstätten wird bewusst darauf verzichtet, die Jugendichen auf ein mögliches Aus hinzuweisen, schreibt Maja Langsdorff: „Darauf sprechen wir unsere Schüler nicht an, weil es sie demoralisieren könnte.“
„Leistungssportlern stehen in Deutschland 33 Laufbahnberater zur Seite. Für Tänzer gibt es eine einzige Anlaufstelle – und das erst seit diesem Sommer“, schrieb die „Welt am Sonntag“ im Dezember. Der Tanzplan Deutschland, eine Initiative der Kulturstiftung des Bundes, gründete im August das erste Transition Zentrum Deutschland, die Stiftung Tanz in Berlin. Ende Januar konnte durch die Geschäftsstelle der Stiftung bekannt gegeben werden, dass die Finanzierung für 2011 gesichert sei. Eine einmalige Förderung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien in Höhe von 50 000 Euro, die zuerst abgelehnt worden war, konnte doch bewilligt werden. Das Transition Zentrum unterstützte bislang 50 Tänzer dabei, die bürokratischen, finanziellen und psychologischen Hürden beim Übergang in einen neuen Beruf zu überwinden. Nicole Baumann