DJ Ipek (İpek İpekçioğlu) ist eine Berliner DJ und Produzentin, die mit ihrem ungewöhnlichen Soundmix aus modernen und traditionellen orientalischen Klängen, Minimal Electro, Balkan Beats und Drum’n’Bass in den neunziger Jahren begann, die Berliner Clubszene aufzumischen. Mit ihrem Style, den sie als Eklektik BerlinIstan bezeichnet, gewann sie die World Beat DJ Competition 2005 in London. Ipek wurde als Kind türkischer Einwanderer in München geboren und ist studierte Sozialpädagogin. Auf ihrer letzten bei Trikont erschienenen CD „Beyond Istanbul 2“ (2009) versammelte sie einen bunten Querschnitt der türkischen Musikszene. Patrick Bethke traf sich mit DJ Ipek auf dem Radikal jung-Festival, wo sie am vergangenen Dienstag auflegte.
Du bist Berlinerin mit Leib und Seele. Geboren bist du aber in München. Hast du einen besonderen Bezug zu dieser Stadt?
Kaum, mein Münchner Kontakt beschränkt sich eigentlich auf Trikont, mein Plattenlabel.
Mit Nurkan Erpulat, der dieses Jahr als Regisseur von „Verrücktes Blut“ auf dem Radikal jung-Festival vertreten ist, hast du bereits zusammengearbeitet. Kannst du darüber etwas erzählen?
Nurkan und ich kennen uns seit Jahren. Nurkan ist am Ballhaus Naunynstraße tätig, ich mache da die DJ- und Bandbookings. Ich habe mit Nurkan im Rahmen des Beyond Belonging Festivals die Musik für sein Theaterstück „Faked Identities“ gemacht.
Das Theater liegt dir am Herzen?
Ja, auch weil meine Mutter uns, als wir Kinder waren, genötigt hat, Theater, Operetten und Musicals zu besuchen. Wir sind schon auch bildungsbürgerlich aufgewachsen. Neben meiner Tätigkeit als DJ produziere ich aber auch, und daraus haben sich einige Arbeiten für das Theater, Film und Fernsehen ergeben. Gerade bin ich dabei, für das Festival Delighted Operetten-Rap zu produzieren. Wie funktioniert Puccini elektronisch? Das ist eine sehr interessante Mischung: klassische Musik, Rap, Breakdance und auch Sounddesign.
Das Radikal jung-Festival ist dieses Jahr deutlich internationaler ausgerichtet, einige Stücke befassen sich dezidiert mit der Migrationsproblematik. Dein eigener migrantischer Hintergrund wird bei deiner Einladung zum Festival auch eine Rolle gespielt haben. Nervt dich als DJ manchmal diese Wahrnehmung als kulturelle Brückenbauerin?
Eigentlich nicht. Kulturelle Vielfalt ist auch ein Thema für mich. Ich hab mir auf die Fahnen geschrieben: Ich mache internationale Musik, ich mache nicht nur einen Style. Natürlich werde ich oft als die lesbisch-türkische DJ-Frau, als die Migrantin oder als die Politaktivistin betrachtet, aber das sind alles Teile meiner Identitäten.
Das ist ein schöner Identitätsbegriff, dass man nicht nur eine Identität hat, sondern sich nimmt, was einem gefällt.
Ich nehme mir ja nicht nur, was mir gefällt. Teilweise werden mir diese Identitäten auch aufgezwungen. Aber die Gesellschaft ist so. Sie braucht Definitionskategorien, Fremdbilder und Selbstbilder. Ich nehme diese Bilder durchaus an und spiele mit diesen Klischees. Ich fühle mich nicht reduziert durch diese Wahrnehmungsbilder. Ich fühle mich als Teil dieser Gesellschaft aber auch verantwortlich, sie mitzugestalten. Ich möchte das Umfeld, in dem ich lebe, auch für mich lebbar machen.
Ist das Verständnis von Identität als etwas Festgelegtes, etwas Einheitliches gerade in unserer Zeit veraltet?
Was in Deutschland tatsächlich der Fall ist, ist, dass Identität und auch Kultur als etwas Stationäres angesehen werden. Aber natürlich verändert sich die Welt, die Identitäten und Kulturen erweitern sich. Der Identitätsbegriff müsste dynamischer werden. Ich fände es sehr traurig, wenn der Mensch sich als etwas Starres wahrnimmt. Die Welt wird kosmopolitischer, transkultureller, internationaler. Identitäten sind dynamisch, was auch sehr schön ist: In der Türkei kann ich sehr Deutsch sein, in Deutschland sehr türkisch.
Ironischerweise wirst du im Ausland als Repräsentantin deutscher Kultur wahrgenommen, während du in Deutschland gern an einen exotischen Rand gedrängt wirst.
Ja, das ist immer wieder erstaunlich. Ich arbeite zum Beispiel sehr eng mit dem Goethe Institut zusammen, in Russland, Ägypten oder den USA. Deren Wunsch war es explizit, dass die Deutschen im Ausland anders wahrgenommen werden. Da bin ich also Repräsentantin eines kulturell vielfältigen Deutschlands und vermittle, wie offen wir mittlerweile sind. Hier in Deutschland werde ich immer noch als die türkische Migrantin betrachtet.
Man hört ja hierzulande immer wieder, dass Multikulti gescheitert sei.
Ich sehe da nicht so schwarz. Es gibt Hoffnung, es ist gut, dass wir darüber reden. Es ist nicht gut, dass Menschen wie Sarrazin daraus Profit schlagen und dabei alles banalisieren. Bildung ist das A und O. Und Deutschland bestimmt über die Bildungspolitik. Was Integration angeht, kann Deutschland noch sehr viel mehr leisten. Ich wurde in Berlin-Wedding in eine türkische Klasse eingeschult. Natürlich war es so sehr schwer für mich, Deutsch zu lernen. Als ich ein Jahr als Au-pair in London war, habe ich dann gemerkt, dass ich Deutschland liebe, und ich wollte zurück, um zu studieren. Dabei hatte ich meine Probleme, auch sprachliche Probleme. Aber wer hat mir dieses Problem mitgegeben? Nicht ich, sondern Deutschland. Wobei ich es auch sehr problematisch finde, Integration nur auf Sprache zu reduzieren. Aber Deutschland hat für meine Integration nicht wirklich viel getan.
Ein Youtube-Nutzer schrieb unter eines Deiner Videos: „Das ist DIE moderne türkische Frau von heute.“
Das ist ok. Aber eine Kopftuch tragende Türkin kann genau so gut „modern“ oder „integriert“ sein wie ich, wobei ich mich ja nicht als integrierte Türkin betrachte, denn ich weiß nicht, woran man einen Integrierten wirklich festmacht. Dem Bild einer Türkin entspreche ich ja nicht wirklich, weder in Deutschland noch in der Türkei, aber ich fühle mich in manchen Punkten sehr, sehr türkisch, so wie ich mich in anderen Punkten sehr deutsch fühle. Früher hatte ich Probleme, das Deutsche an mir anzunehmen. Mittlerweile finde ich es aber sehr cool und schätzenswert. Es wäre schön, wenn wir Vieles wären.
Siehst Du die Tätigkeit eines DJs als Dienstleistung am Publikum oder als künstlerischen Ausdruck?
Es ist beides. Ich lebe immerhin von Musik, ich biete auch einen Service, es kann also nicht immer nur Spaß machen. Die Musik muss die Leute ansprechen, aber man muss die Leute auch miterziehen, ihnen neue Inputs geben. Ich spiele nie einen Track, der mir nichts bedeutet. Und manchmal stoße ich die Leute gern vor den Kopf.
Kommen die Leute während eines Sets zu Dir und äußern Musikwünsche?
Das kommt vor. Wenn ich es habe und es passt, spiele ich es auch gern. Aber manchmal denke ich mir schon, warum die Leute nicht bei sich zu Hause eine Party schmeißen und selber auflegen. Wenn sie sich über den Sound beschweren, dann finde ich die Art und Weise manchmal unverschämt und respektlos. Das passiert aber Gott sei Dank sehr, sehr selten.
Du leistest auch Nachwuchsarbeit für junge Frauen im DJ-Bereich.
Ich gebe je nach Bedarf DJ-Workshops, dabei geht es sehr professionel und umfassend zu, vom Aufbauen der Anlage übers Beatmixing, DJing, Scratching und Remixing. In Wien habe ich einen sechsmonatigen Workshop mit 20 Mädels geleitet, das hat sehr viel Spaß gemacht. Einige von den Teilnehmerinnen legen auch heute noch auf.
Warum gibt es so wenig weibliche DJs?
Das ist einfach ein noch sehr von Männern dominierter Beruf. Es gibt aber auch sehr wenig bekannte weibliche DJs. Aber unsere Zahl wird größer, auch durch diese Workshops. Ich finde, man muss und Frau muss die neue Generation mitnehmen, sie an die Hand nehmen und sagen, führe das weiter.
„Gott ist ein DJ“ hieß ein Stück beim Radikal jung-Festival. Würdest du zustimmen?
Ich glaube nicht, dass Gott ein DJ ist. Und ich glaube auch nicht, dass DJs Götter sind. Generell denke ich, dass der DJ viel zu sehr überschätzt wird.