Sie sind das pessimistischste Volk der Welt: die Franzosen. Zu diesem Ergebnis kamen die Verfasser einer Studie des Meinungsforschungsinstituts Gallup. Nach der Auswertung von Umfragedaten aus 54 Ländern – darunter so hoffnungsfrohe Staaten wie der Irak oder Afghanistan – bezeichneten sie die Franzosen als „world champions of pessimism“. Die Comictrilogie „Der König der Fliegen“ des französischen Duos Mezzo (Zeichnungen) und Pirus (Text) unternimmt recht wenig, um diese Feststellung zu widerlegen. Stattdessen führt sie vor, was geschieht, wenn sich die sinnentleerten Überbleibsel der Spaßgesellschaft mit familiärer Vororthölle vereinen. Mit „Hallorave“ liegt nun der erste Band auf Deutsch vor.
Darin spinnt das Duo in zehn Einzelepisoden eine verstörende Geschichte, die beherrscht ist von Drogen, Sex und Gewalt. Von Jugendlichen, die in Dinerlokalen oder Shopping Malls abhängen, Männern mit überdimensionierten Fliegenkopfmasken, Familienvätern mit dissoziativen Persönlichkeitsstörungen. Das alles hat wenig von der Vorstellung französischer Lebenswelten, dafür viel von amerikanischer Postmoderne, irgendwo zwischen White Trash, David Lynch und „American Beauty“; irgendwo zwischen Hoffnungslosigkeit und suburbaner Langeweile.
Um das gestörte Verhältnis, in dem jede der Figuren zu ihrer Umwelt steht, auf den Leser zu übertragen, haben Mezzo und Pirus eine eigenwillige und wirkungsstarke bildliche Erzählweise entwickelt. Getragen wird die in dreckig-düsteren Farben gehaltene Geschichte von inneren Monologen. In den klar konturierten Panels werden die Figuren oftmals in Frontalansicht präsentiert. Dies zieht einen doppelten Effekt nach sich. Die Unnatürlichkeit der Perspektive schafft eine befremdliche Distanz. Gleichzeitig versetzt sie den Leser in die Position des direkten Gegenübers, was ihn dazu zwingt, sich direkt angesprochen zu fühlen.
So fühlt man sich stets als ungebetener Beobachter, der einen Blick in diese marode Lebenswelt wirft. In eine Lebenswelt, zu deren Teilhabe man durch die direkte Adressierung gleichsam gezwungen ist, von der man auf Grund ihrer Kaputtheit aber stets ausgeschlossen ist. An der man auch gar nicht teilhaben will: Mit genüsslicher Abscheu betrachtet man das ausgebreitete Tableau aus lakonischer Coolness und struktureller Neurose. Wirklich schön ist das alles natürlich nicht.
Doch Mezzo und Pirus ist ein verstörendes Stück grafischer Erzählkunst gelungen, das durch abgründigen Humor, komplexe Storykonstruktion und ambitionierte Bildsprache überzeugt. Man mag das alles zu düster, zu kaputt, zu sexistisch finden, aber „Der König der Fliegen: Hallorave“ ist so überzeugend trashig, dass es avantgardistisch ist. Peter Sich
Mezzo & Pirus: „Der König der Fliegen. Band 1: Hallorave“. Avant Verlag, Berlin 2010. 64 Seiten, 19, 95 Euro.