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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Illusionen vom Leben Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Philipp Mitterwieser  am  5. Mai 2011

Köngliche Phantasien: (v.l.) Lucia Lacarra, Tigran Mikayelyan und Marlon Dino. Foto: Charles Tandy

Irgendwann ist ihm alles zu viel. Die Täuschung der möglichen Braut. Die mühsam aufgebaute Fassade vor der Mutter und den lästigen Gästen. Während eines Faschingsfestes schlägt der junge König um sich und wird abgeführt. Doch das Ende ist eigentlich der Anfang.

John Neumeiers Neuinterpretation des Balletts „Schwanensee“ unter dem Titel „Illusionen – wie Schwanensee“ beginnt mit einem stillen Vorspiel, in dem der Herrscher von der Hofgesellschaft in einen Kerker gesperrt wird. Von hier aus träumt er sich in die Vergangenheit zurück und erlebt wichtige Momente seines Lebens noch einmal.

Die zentrale Figur in Neumeiers Choreographie, die er mit dem Bayerischen Staatsballett einstudiert hat, ist ein König, der zweifelsfrei als Ludwig II. zu identifizieren ist: Tigran Mikayelyan ist frisiert wie der Bayernkönig und widmet sich am liebsten einem Modell von Schloss Neuschwanstein. Laut John Neumeier ist dieses Werk entstanden, weil er frappierende Gemeinsamkeiten zwischen dem historischen König Ludwig und dem Prinzen Siegfried aus dem Ballett „Schwanensee“ entdeckt hat. Neumeier erfand eine psychologisch subtile und dramaturgisch komplexe Erzählweise, in der Räume, Zeiten und Wirklichkeiten ineinander verschachtelt sind.

Als der König im düsteren Gefängnis aufwacht, schiebt sich die bühnenhohe Rückwand zur Seite und gibt den Blick frei auf einen Festplatz. Vor einem Alpenpanorama feiert jede Menge Landvolk das Richtfest für Schloss Neuschwanstein.

Die Musik hat Neumeier aus Kompositionen von Pjotr Tschaikowski zusammengestellt. Es kommen auch, aber nicht nur, Teile von dessen „Schwanensee“-Musik vor. In den ersten Minuten begeht Neumeier einen Stilbruch. Der legendäre „Schwanensee“-Walzer wird verschandelt von Landpomeranzen in rosa Dirndlkleidern und von Naturburschen, die sich als Armdrücker und Bierzapfer versuchen.

Dem König gefällt es, im Mittelpunkt zu stehen und mit raumgreifenden Sprüngen die Aufmerksamkeit der einfachen Leute zu gewinnen. Als seine Verlobte Natalia eintrifft, führt er sie selbstbewusst über das Gelände. Aber die mögliche Partnerin ist nicht sein Ein und Alles. Auch auf dem Festplatz ist das Schlossmodell aufgestellt. Als hochoffiziell gekleidete Männer es begutachten, scheucht der König sie energisch weg und es wird klar: Der Traum vom eigenen Schloss ist ihm sehr viel wichtiger als das Leben mit einer Frau.

Als das Fest vorbei ist, sind der König und die Verlobte vereint – und doch einander fremd. Immer wieder entwindet er sich ihren Umarmungen, bis zuletzt eine große Lücke zwischen ihnen klafft. Natalia will den König mit sich ziehen, doch er bleibt reglos stehen. Von hinten nähert sich ein schwarz gekleideter Mann und schiebt sich zwischen die beiden. Der König landet in dessen Armen und wird nach vorne geführt, zurück ins Gefängnis.

Auch am Beginn des zweiten Akts erwacht der König im herrschaftlichen Kerker, wo er ein Bühnenbildmodell entdeckt. Er spielt mit den kleinen Figuren und träumt sich in die Zeit zurück, als er im Münchner Nationaltheater in den Genuss von Vorstellungen kam, die allein für ihn stattfanden. Der König nimmt an der Rampe Platz und bekommt den zweiten Akt von „Schwanensee“ vorgeführt. Ein Spiel im Spiel: Neumeiers Kunstgriff besteht darin, dass er Ludwig II. und Siegfried als Parallelfiguren deutet. Beide Männer sind Herrscher, ohne es sein zu wollen. Beide sollen heiraten, wollen aber nicht. Beide flüchten aus der unliebsamen Wirklichkeit in eine Kunst- und Märchenwelt. Der König erkennt sich in Siegfried wieder. Das Bühnengeschehen packt ihn so sehr, dass er vom Zuschauer zum Spieler wird und Siegfrieds Rolle übernimmt. Für ihn verschwimmen Wunsch und Wirklichkeit immer mehr, und er nähert sich der Prinzessin Odette. Zwischen ihnen entsteht eine perfekte Harmonie, die vom bösen Zauberer Rotbart hintertrieben wird. Zuletzt wirft der Widersacher seinen prunkvollen Umhang ab und es kommt wieder der schwarze Mann zum Vorschein, der den Herrscher erneut in den Kerker zurückdrängt.

Im dritten Teil träumt der König, wie er als Gastgeber im mittlerweile fertig gestellten Schloss ein Faschingsfest eröffnet. Im Verlauf des Maskenballs lässt Natalia ihren Umhang fallen und steht als Schwanenprinzessin vor ihm. Weil sie heimlich die Separatvorstellung mitverfolgt hat, glaubt sie, ihren Geliebten in dieser Aufmachung erobern zu können. In Neumeiers Version wird jetzt die historische Choreographie des Schwarzer-Schwan-Pas de deux nach Marius Petipa und Lew Iwanow getanzt. Für kurze Zeit herrscht zwischen dem König und seiner Verlobten eine vollkommene Harmonie. Doch zuletzt erträgt der König das falsche Spiel nicht länger. Er stößt die Verlobte von sich und ohrfeigt seine Mutter.

Im Kerker sehen sich der König und Natalia ein letztes Mal. Sie besucht ihn und es erweist sich, wie es um ihr Verhältnis bestellt ist. Lucia Lacarra und Tigran Mikayelyan nähern sich einem neoklassischen Tanzstil an. Die Prinzessin sucht die Nähe des Königs und klammert sich an ihn, weil sie erst nicht wahrhaben will, dass eine gemeinsame Zukunft aussichtslos ist. Mikayelyans Bewegungen sind kraftlos und veräußerlichen den seelischen Zustand des Königs. Er schleift Natalia über den Boden, zuletzt kauert er sich in ihren Schoss. Sie formieren sich nicht zu einem Paar, sondern zu einer Pietà.

Den Schluss dominiert der schwarz Gekleidete, der in allen Akten und vielen Rollen in Erscheinung tritt. John Neumeier nennt ihn den „Mann im Schatten“. Der dunkle Unbekannte und der vollkommen weiß gekleidete König nähern sich einander. Der König nimmt jetzt unverkennbar die weibliche Rolle ein und lässt sich führen. Auch die zwei Männer bilden eine Pietà. Zuletzt trägt der Mann im Schatten den König kopfüber nach hinten weg. Sie verschwinden unter einem riesigen blauen Tuch. Das sieht aus, als ob der wagnerbegeisterte König einen tristanreifen Liebestod erlebt: „ertrinken, versinken, unbewusst, – höchste Lust!“

Der Mann im Schatten, von Marlon Dino getanzt und gespielt, ist der heimliche und undurchschaubare Protagonist. In der Interaktion mit dem König ist er Verführer und Retter, Spielmacher und Schicksalsfigur, Erlöser und Todesengel. Oder ist er die zweite Hälfte des Königs, die Verkörperung seiner unausgelebten Homosexualität? Auf jeden Fall beendet er eine über alle Maßen gelungene Premiere, der man nie anmerkt, dass Neumeiers Choreographie bereits 1976 in Hamburg entstanden ist. Philipp Mitterwieser

Die nächsten Vorstellungen: 6. und 15. Mai (jeweils 19.30 Uhr) sowie 18., 21. und 23. Mai (jeweils 19 Uhr).

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