cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Schaubudenzauber Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Eva Mackensen  am  13. Mai 2011

Was man liebt, das isst man nicht - und wenn man am Verdursten ist. Tilmann Unger (Prinz), Cornel Frey (Truffaldino) und die drei Orangen. Foto: Lioba Schöneck

Tiefer Weltschmerz, schwere Philosophie. Lustige Schwänke, derbe Possen. Oder doch lieber lyrische Zartheit und schwärmerische Gefühle? Was, hochverehrtes Publikum, darf es heute sein?

In Prokofjews 1921 uraufgeführter Oper „L’amour des trois Oranges“ , die jetzt unter ihrem deutschen Titel „Die Liebe zu den drei Orangen“ im Gärtnerplatztheater Premiere feierte, fällt das Votum eindeutig aus. Das Publikum, das der Komponist im Prolog des Stück auftreten lässt, befindet kurzerhand: alles zugleich! Tatsächlich vereinen sich im Libretto des vieraktigen Stücks, das Prokofjew nach der Vorlage einer Commedia dell’Arte von Carlo Gozzi selbst verfasst hat, tragische, komische und lyrische Elemente zu einer märchenhaft surrealen Handlung.

Sie erzählt die Geschichte eines namenlosen, jedoch schwermütigen Prinzen, der von der bösen Hexe Fata Morgana dazu verzaubert wird, sich unsterblich in drei Orangen zu verlieben. Die Musik, die Prokofjew dazu komponiert hat, klingt, als dränge sie durch einen Zerrsverstärker: schrille, blecherne Seufzer sind aus dem Orchestergraben zu vernehmen, stampfende, hastig vorwärts drängende Rhythmen, melodische Versatzfetzen und Wucherungen, die sich pompös auftürmen, um im nächsten Moment wieder in sich zusammen zu fallen. Der Dirigent Anthony Bramall transportiert damit nicht nur musikalisch couragiert den prokofjewschen Brachialhumor, er zeigt auch und gerade in den subtileren Momenten der Partitur, dass sich der Komponist Prokofjew stilistisch vor allem einem verschrieben hat: der Groteske.

Regisseur Immo Karaman will den Komponisten, so hat man den Eindruck, darin noch überbieten. Bei ihm wird die phantastische Opernhandlung zu einer grellen Revue. Passend hierzu haben Timo Dentler und Okarina Peter auf einer Drehbühne einen schon etwas heruntergekommenen, von Art Déco inspirierten Ballsaal errichtet, der ohne Rückwand immerzu um die eigene Achse kreist. Darin lässt Karaman die Darsteller, die in burleske Kostüme im Stil der 20er Jahre gekleidet sind, mit völlig überzeichneter Körpersprache agieren und in den von Fabian Posca erarbeiteten Choreographien wie entmenschte Marionetten tanzen. Wie ein schaurig verwachsenes Körperteil in einer Schaubude wird vor allem das Böse, Niederträchtige und Gemeine unter das Vergrößerungsglas gehalten und ausgestellt: Rita Kapfhammer darf als Fata Morgana mit mondäner Zigarillospitze und schlangenartigen Bewegungen ganz die dämonische femme fatale spielen, Gary Martin löst als aalglatter Intrigant Leander das Versprechen seiner in schleimigem Gelbgrün gehaltenen Frackweste voll ein. Das ist genauso gewollt plakativ wie vorhersehbar langweilig – und lässt die große Spielfreude und Einsatzbereitschaft des Ensembles an vielen Stellen einfach verpuffen.

So etwa im dritten Akt. Wie Tilmann Unger und Cornel Frey als Prinz und Spaßmacher Truffaldino auf ihrer Suche nach den drei Orangen allein zwischen Chaiselonge und Jugendstilstühlen herumturnen, macht schon einen verlorenen Eindruck. Hätten sich Dentler und Peter nur getraut, zusammen mit dem ungleichen Paar auch das Bühnenbild und den ganzen Retro-Firlefanz in die Wüste zu schicken! Wie reich hätte man die Reise der beiden kauzigen Sonderlinge dann bebildern können.

An Vorlagen hat es Prokofjew sicher nicht mangeln lassen: Mit dem Bild der bösen Köchin, in deren Küche sich Prinz und Truffaldino schleichen und die Orangen stehlen müssen, bietet der Komponist einen geradezu klassischen kinderalptraumhaften Topos feil, und in Truffaldinos verzweifelter Lage in der Wüste steckt die ganze abgehalfterte Commedia dell’Arte-Komik des Dieners, der seinem Herrn auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist – auch wenn dieser kurz vor dem Verdursten lieber gedankenverloren über die wissenschaftlich korrekte Bezeichnung des Sturms räsoniert, der sie gerade heimsuchte, anstatt sich der dringlicheren Frage nach der nächsten Wasserquelle zuzuwenden. Solche wunderbaren und komischen Versatzstücke hätte Karaman – ganz beiläufig und im Vorübergehen – nur aufheben, ihnen ein wenig den Staub abklopfen und sie vielleicht auch einmal gegen die Musik wenden müssen. Er tut es nicht. Er lässt sie einfach liegen.    Eva Mackensen

Share |


Einen Kommentar schreiben