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Geschrieben von Marius Nobach  am  18. Mai 2011

Zwei Jonathane im Walfischbauch: Harrie van der Plas und Gregor Dalal (v. li.). Foto: Hermann Posch

Das Skelett eines gewaltigen Brustkorbs, das mindestens das eines Wals zu sein scheint, ragt in der Mitte der Bühne empor. Unter diesem gigantischen Knochenüberbau liegt das altehrwürdige Schloss der Familie Usher, zusammengehalten von den Säulen, welche die riesigen Rippen des Skeletts bilden. Es ist ein großartiges Bühnenbild, das sich Rifail Ajdarpasic für die Inszenierung von Philip Glass’ Oper „Der Untergang des Hauses Usher“ am Gärtnerplatztheater ausgedacht hat. Überzeugend verbildlichen das Verwinkelte und Verschlungene dieses Schlosses die Morbidität und seelische Zerrissenheit seiner Bewohner. Hinzu kommt ein stimmungsvoll eingesetztes bläuliches Licht, das an verschiedenen Stellen auf die Bühne fällt.

In der Inszenierung des Venezuelaners Carlos Wagner schreitet der Hausherr Roderick Usher eine auf einer schiefen Ebene stehende hölzerne Treppe herab, um seinen Jugendfreund William zu begrüßen. Usher, der – bleich, zusammengekauert und mit unstetem Blick – wie ein Vampir auf Blutentzug wirkt, führt ein zurückgezogenes Leben, das er nur mit seiner todkranken Schwester Madeline teilt. Diese verbringt ihre letzten Tage scheinbar nur damit, als somnambules, gespensterhaftes Wesen durch die Gänge des Schlosses zu schreiten. Carlos Wagner verrät dem Zuschauer durch einen mithilfe der Drehbühne möglich gewordenen Blick auf die Rückseite des Bühnenbildes jedoch, dass Usher in seiner Schwester auch die letzte Hoffnung auf einen Familienerben sieht und deshalb zu drastischen Mitteln greift. Gefesselt und an Kabel angeschlossen wird Madeline als Gebärmaschine missbraucht, der Hausarzt kann ihr jedoch nur verkümmerte Missgeburten aus ihrem Schoß ziehen. Anders als Edgar Allan Poes Erzählung, die der Oper zugrunde liegt, lässt Wagner keinerlei Zweifel offen über die inzestuöse Beziehung, die Bruder und Schwester unterhalten. Usher kann den Gedanken an seine Schwester kaum ertragen, wird aber doch immer wieder von ihr angezogen und wälzt sich mit ihr auf dem Boden, in Gegenwart von William, der sich beschämt die Augen zuhält.

Philip Glass hat in seiner erstmals 1988 aufgeführten Oper die Atmosphäre der Ungewissheit und des unbestimmt fühlbaren Grauens von Poes Erzählung in Musik umzusetzen versucht. Das für seine Minimal Music charakteristische Kreisen der Töne in scheinbar immer gleichen Abfolgen lässt sich als Ausdruck für das Gefangensein der Ushers in ihrem Haus, in der Tradition, in ihren Wahnvorstellungen sehen. Dem in Kammermusik-Besetzung spielenden Gärtnerplatzorchester unter Leitung von Lukas Beikircher gelingt es an diesem Abend allerdings nicht immer, alle Nuancen der Musik zu erfassen. Stärker präsentieren sich die Sänger der drei zentralen Figuren: Gregor Dalal als William setzt seinen Bariton je nach Erfordernis mal zurückhaltend, mal kraftvoll ein. Harrie van der Plas entwirft mit ergreifend klagender Tenorstimme eine bewegende Studie des leidenden Roderick Usher. Zwischen die beiden drängt sich immer wieder die Madeline von Ella Tyran, die ihren Gesangspart, der nur aus Vokalisen besteht, mit großer Ausdrucksstärke gestaltet.

Neben den Hauptfiguren tummeln sich in Wagners Inszenierung aber auch noch weitere Gestalten auf der Bühne. Im Gothic-Fummel, wahlweise mit und ohne nacktem Oberkörper, bewegen sich sechs Tänzer ständig um das Riesenskelett herum. Dabei vollführen sie seltsame ruckartige Bewegungen mit Kopf und Händen oder auch mit dem ganzen Körper. Das Unverständliche dieser Choreographie ist gewollt, denn der Regisseur versucht mit ihr, den japanischen Butoh-Tanz in die Aufführung miteinzubeziehen. Bei dieser Form des Tanzes gibt es keine feste Form, sondern der Tänzer soll aus seinen Gefühlen und Seelenempfindungen heraus die angemessene Tanztechnik entwickeln. Das funktioniert im Gärtnerplatztheater jedoch nicht wirklich: Die Mitglieder des Extraballets, die diese Butoh-Bewegungen ausführen, wirken nicht wie Tänzer, die gerade das Innerste ihrer Seele ausbreiten, sondern eher wie desorientierte Zombies.

Die Folge ist, dass die durch Bühnenbild und Sänger geschaffene Atmosphäre nicht lange erhalten bleibt. Als weiteres Problem erweist sich die Handlungsarmut von Poes Erzählung, die weder Arthur Yorkins’ Libretto der Oper noch Carlos Wagner in seiner Inszenierung wesentlich erweitert haben. Wagner beschränkt sich darauf, die Pausen zwischen den Handlungsstationen mit einem Dauereinsatz der Drehbühne aufzufüllen. Das bietet dem Zuschauer zwar reichlich Gelegenheit, das Bühnenbild ausführlich von allen Seiten zu betrachten, hat aber keinen darüber hinausgehenden Erkenntniswert. So breitet sich Langeweile aus und der Abend schleppt sich dahin bis zu einem enttäuschend fantasielosen Ende. Wo Poe das Haus der Ushers unter Krachen und Bersten in sich zusammenstürzen lässt, versinkt es bei Wagner leise und unspektakulär im Bühnenboden. Marius Nobach

Die nächsten Aufführungen: 18. und 27. Mai, 7. und 19. Juni sowie 9., 17. und 24. Juli 2011.

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