Eigentlich hätte sich Joschka Fischer freuen müssen, im Spätsommer 1998: SPD und Grüne hatten die Bundestagswahl gewonnen. Endlich raus aus der Opposition, ran ans Regieren! Als Gewinnertreppchenfotos geschossen wurden, blafft Gerhard Schröder ihn an: „Lach’ jetzt! Lachen!“ Aber Fischer dachte da bereits voller Sorgen an ein militärisches Eingreifen im Kosovo, dessen Notwendigkeit sich immer deutlicher abzeichnete. „Nie wieder Auschwitz, nie wieder Völkermord“ würde er bald energisch auf dem Grünen-Parteitag rufen, wo Fundis ihn einen Kriegshetzer schimpften und mit einem Farbbeutel bewarfen. Bereits 15 Jahre zuvor, als Fischer über Nacht und fast schon zufällig politischen Einfluss erhielt, machte er den Eindruck eines Hundes, der widerwillig zum Jagen getragen werden muss.
Zumindest gefällt Fischer sich selber in diesen Bildern: trotz allen energischen und leidenschaftlichen Spontitums besonnen und weitsichtig, traurig ob der schweren Politikerbürde. Und auch Regisseur Pepe Danquart („Am Limit“, 2007) gefällt es, wie er in seinem Dokumentarfilm die womöglich ungewöhnlichste deutsche Politikerkarriere, ja, mehr inszeniert als dokumentiert. Nicht unbedingt anhimmelnd und unrühmliche Passagen in Fischers Biographie komplett ausklammernd, doch es bleibt das kaum getrübte Gefühl: Der Joschka, der ist schon ein superdufter Typ!
Aber „Joschka und Herr Fischer“ ist kein journalistisches Politikerportrait, es verzichtet auf relativierende Off-Kommentare, lässt allenfalls in Exkursen Zeitzeugen als ergänzende Stimmen zu Wort kommen. Vielmehr ist der Untertitel Programm: „Eine Zeitreise durch 60 Jahre Deutschland“. Und da erweist sich Fischers Biographie als Parabel auf die Entwicklung der Bundesrepublik: dem konservativen Mief der Nachkriegszeit entwachsen, durch die gesellschaftliche Umwälzung mit Linksdrall und gewalttätigen Auseinandersetzungen hindurch, Anti-Atomkraft-Bewegung, und zuletzt: Realpolitik, die Deutschland wieder in Kriege schickt. Und Fischer war stets ganz vorne mit dabei.

"Es geht voran, Geschichte wird gemacht."
Danquart hat in einer Mischung aus Krypta und Bunkeranlage zwölf halbtransparente Projektionsflächen arrangiert, in diesem „Dokumentationszentrum“ betrachtet und kommentiert Fischer Filmaufnahmen, von seiner Geburtsstadt und dem katholisch-konservativen Milieu, Szenen aus seiner Karriere, und viele andere Motive aus dem kollektiven deutschen Bilderschatz: Oft, sehr oft dreschen hier Polizisten auf Demonstranten ein, auf Hippies, Landwirte und Studenten im Anzug, und bringen Wasserwerfer zum Einsatz – und Demonstranten gehen mit Knüppeln und Steinen auf Polizisten los. Danquart lässt in seiner Montage diese Bilder in einer atemberaubenden Explosivität miteinander kollidieren, und im Kopf ergänzt man sie mit den Szenen aus dem Jahr 2010, als man in Stuttgarts Schlossgarten mit Wasserwerfern gegen langhaarige Baumumarmer und arrivierte Bürger gleichermaßen anrückte.
Geschichte wiederholt sich, und Geschichte durchdringt sich: Die Kameramänner Christopher Häring und Kolja Brandt filmen tief in diesen Installationsraum hinein, die Projektsflächen überlagern einander, Fischer selbst wird zur Leinwand und ein bisschen transparent. Die visuelle Ästhetisierung ist grandios, überschreitet nie die Grenze zu Selbstzweck und Kitsch. Danquarts Souveränität und Sicherheit verlassen ihn jedoch, wenn euphorisch-wehmütige Musik Katharina Thalbachs euphorisch-wehmütige Ausführung zur DDR unterspült, oder wenn ein Startbahn-West-Gegner verhalten, aber doch freudvoll berichtet, wie man damals planmäßig Polizisten verdrosch, ‘ne Mordsgaudi war das eigentlich. Pop-Rock baut sich derweil im Hintergrund auf und wird, auf dem Höhepunkt der Erzählung, von Mariachi-Trompeten gekrönt. Geradezu Tarantino-Dramatik.
Nach 140 Minuten weiß man, dass Fischer – Sponti, der er ist, und was er an sich liebt und lobt – sich jäh und effektvoll aus der aktiven Politik verabschiedete. Nicht aber, dass ihm Großkonzerne und Energieerzeuger fortan gute Geldgeber waren. Im Gegenzug wiederum weiß man, wo und wie Fischer zum Realo wurde, nämlich während seiner Zeit als Taxifahrer. Irgendwie doch einer von uns, der Joschka, und zudem ein superdufter Typ.
Marko Pfingsttag
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“Joschka und Herr Fischer”, Deutschland 2011
Laufzeit: 140 Minuten
Regie und Drehbuch: Pepe Danquart, Produktion: Mirjam Quinte, Bildgestaltung: Christopher Häring, Kolja Brandt, Montage: Toni Froschhammer