Institutionen und der Bürokratie ist grundsätzlich nicht zu trauen. Für die Vorgesetzten zählen nur schnelle Erfolge und der eigene berufliche Aufstieg, selbst wenn es bedeutet, ihren wenigen engagierten Mitarbeitern Steine in den Weg zu legen. Das ist die Erkenntnis, die sich für den Zuschauer aus der amerikanischen Serie „The Wire“ ziehen lässt. Da verwundert es nicht, dass beispielsweise die Polizisten in Baltimore fatalistisch und äußerst pessimistisch auf die eigene Arbeit blicken. Über die Erfolgsaussichten im Kampf gegen das Verbrechen macht sich in der Serie keiner eine Illusion. Man könne nicht ernsthaft von einem Krieg gegen den Drogenhandel reden, wird etwa ein Ermittler des Rauschgiftdezernats einmal sagen. Kriege würden schließlich irgendwann zu Ende gehen.
Eine pessimistische Weltsicht wie in „The Wire“, deren zweite Staffel aus dem Jahr 2003 gerade in Deutschland auf DVD veröffentlicht wurde, prägte bereits die früheren Arbeiten des Serienerfinders und Chefautors David Simon. Die auf seinen Erfahrungen als Polizeireporter der „Baltimore Sun“ beruhende Krimiserie „Homicide: Life on the Street“ wurde in den neunziger Jahren von der Kritik als die wohl realistischste Polizeiserie aller Zeiten gelobt und brachte es trotz schwacher Quoten auf sieben Staffeln. Eine Situation, die sich bei „The Wire“, von Simon gemeinsam mit dem ehemaligen Polizisten Ed Burns für den Bezahlsender HBO entwickelt, wiederholte. Auch dieses ambitionierte Projekt wurde vom Fernsehpublikum weitgehend ignoriert, während die Kritiker sich bei ihren Lobeshymnen überschlugen, bis hin zu der immer wieder aufgegriffenen Behauptung, dass es sich um die vielleicht beste Serie der Fernsehgeschichte handele. Die euphorische Aufnahme bewirkte, dass HBO dem von Anfang an auf fünf Staffeln angelegten Projekt über sechzig Folgen lang bis zum Schluss die Treue hielt.
Ästhetisch kommt „The Wire“ ohne optische oder technische Innovationen aus, die Bilder bleiben im Rahmen dessen, was auch andere Fernsehserien bieten. Die Einzigartigkeit der auf den ersten Blick durchaus konventionell inszenierten Krimiserie liegt in der Erzählweise. Simons und Burns’ Absicht war es, basierend auf den eigenen Erfahrungen, in „The Wire“ ein möglichst vollständiges Abbild der Lebensrealität in einer amerikanischen Großstadt zu liefern, ein Ansatz, der an literarische Werke von Balzac, Tolstoi oder Dos Passos erinnert. Ungewöhnlich breit angelegt und dadurch auch tief lotend werden die Ermittlungen der Baltimorer Drogen- und Morddezernate dargestellt. Dabei wechselt die Serie ständig die Perspektive, zeigt Tätigkeit und Privatleben der Polizisten ebenso wie der Kriminellen. Auf diese Weise wird ein ganzer faszinierender Kosmos enthüllt, der bereits in der ersten Staffel an die dreißig Hauptpersonen umfasst. Ihre Rollen im Zusammenspiel mit den anderen Figuren stellen sich oft erst mit der Zeit heraus, so dass die Serie vom Zuschauer auch ein Höchstmaß an Konzentration verlangt.
Zu den Besonderheiten der Serie gehört auch, dass sie in jeder Staffel ein anderes Milieu und eine damit verbundene Subkultur in den Mittelpunkt stellt. Während die erste Staffel sich der Welt der Drogendealer und -konsumenten widmete, ist der Schauplatz der zwölf etwa einstündigen Folgen der zweiten Staffel der Hafen der Stadt. Inhaltlich knüpft die zweite Staffel nahtlos an die erste an. Nachdem die gegen den Widerstand der Polizeioberen gegründete Sondereinheit am Ende der letzten Staffel aufgelöst wurde, sind ihre Mitglieder zum Teil strafversetzt worden. Der Einheitsleiter Cedric Daniels wurde bei einer Beförderung übergangen, der geltungssüchtige Jimmy McNulty, der sich aus Sicht seines Vorgesetzten ihm gegenüber illoyal verhalten hat, ist nun bei der Hafenpolizei. Dort fischt er eines Tages eine tote osteuropäische Frau aus dem Wasser, kurz darauf werden im Hafen die Leichen von 13 weiteren Frauen entdeckt, die in einem Container erstickt sind. Aus Sicht des Morddezernats ein undankbarer Fall, drohen 14 Morde ohne große Hoffnung auf Entlarvung des Täters doch die Aufklärungsbilanz der Abteilung zunichte zu machen. Aktiv wird die Polizei aus einem anderen Grund: Ein ranghoher Polizist hegt aus persönlichen Gründen Groll gegen die Gewerkschaft der Hafenarbeiter und insbesondere gegen den Funktionär Frank Sobotka. Auf sein Betreiben wird unter Leitung von Daniels eine Einheit ins Leben gerufen, die beweisen soll, dass die Gewerkschaft in kriminelle Geschäfte verwickelt ist. Die Einheit, die im Wesentlichen mit der aufgelösten identisch ist, findet bald heraus, dass ein Zusammenhang zwischen den Todesopfern und Sobotka besteht. Durch das erprobte Mittel des Abhörens von Telefonen geraten die Ermittler auf die Spur eines global agierenden Menschenhändlerrings.
„The Wire“ zeigt auch in der zweiten Staffel vielschichtige Figuren und verzichtet auf simple Gut/Böse-Abgrenzungen. Die Hafenarbeiter werden als Angehörige einer untergehenden Klasse dargestellt, die angesichts schwindender Arbeit kaum Perspektiven in ihrem Beruf hat. In der Beschreibung dieses Milieus konzentriert sich die Staffel im Wesentlichen auf drei Personen. Frank Sobotka, der für die Mitglieder seiner Gewerkschaft wie ein Vater ist, setzt all seine Hoffnung auf den Bau einer Fahrrinne, um seinen Arbeitern auch in Zukunft den Verdienst zu sichern. Weil er zum Erreichen seines Ziels einflussreiche Politiker bestechen muss und das notwendige Geld nicht anders besorgen kann, hat er sich auf die Geschäfte mit den Menschenschmugglern eingelassen. Die jüngere Generation, vertreten durch Sobotkas Sohn und Neffen, macht sich anders als der Funktionär keine Illusionen mehr über ihre Berufsaussichten und steigt ihrerseits in den Drogenhandel ein.
In der Beschränkung auf eine einzige Familie, in der sich der Niedergang der Hafenarbeiter spiegelt, statt der Multiperspektivität, durch die in der ersten Staffel das Drogenmilieu vorgestellt wurde, lässt sich eine gewisse Konventionalisierung der Serie beobachten. Auch sonst ist ein wenig die Tendenz zu spüren, sich auf dem bereits Etablierten auszuruhen. Das führt dazu, dass die zweite Staffel von „The Wire“ trotz des weiterhin hohen inhaltlichen und schauspielerischen Niveaus nicht ganz die Qualität der ersten erreicht. Dennoch übt die Serie immer noch eine Sogwirkung aus, da es ihr weiterhin gelingt, die unterschiedlichen Handlungsstränge auf einfallsreiche und spannende Weise miteinander zu verknüpfen. Hierzu zählt auch die als Fortführung der ersten Staffel gezeigte weitere Entwicklung des Drogensyndikats. Nach der Inhaftierung ihres Bosses Avon Barksdale ist die Organisation wichtiger Kontakte im Drogengeschäft beraubt und beginnt, ihre Kunden zu verlieren. Avons bisheriger Stellvertreter Stringer Bell, der Gefallen an seiner neuen Machtstellung findet, will daraufhin das Syndikat nach seinen Vorstellungen umgestalten. Mit dem vorläufig nur unterschwellig ausgefochtenen Streit über die richtige Führung der Organisation bereitet „The Wire“ bereits den Boden für die dritte Staffel vor, in der es zum offen ausgetragenen Konflikt kommen wird. Marius Nobach
„The Wire – Die komplette zweite Staffel“. USA 2003, 5 DVDs, 703 Minuten. Vertrieb: Warner Home Video. Regie: Daniel Attias, Rob Bailey, Ed Bianchi, Robert F. Colesberry, Ernest R. Dickerson, Elodie Keene, Steve Shill, Timothy Van Patten, Thomas J. Wright. Darsteller: Dominic West, Chris Bauer, Paul Ben-Victor, John Doman, Idris Elba, Frankie Faison, Larry Gilliard, Jr., Wood Harris, Deirdre Lovejoy, Clarke Peters, Wendell Pierce, Lance Reddick, Andre Royo, Amy Ryan, Sonja Sohn. Im Handel seit 06.05.2011, ca. 35 Euro.