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Sneak-Kritik: Urknall und Überwältigung Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Lena Kettner  am  10. Juni 2011

Zum Himmel gestreckt, und dabei jederzeit vom Einsturz bedroht: die Familie O'Brien. Foto: Concorde Filmverleih

Ein einziges Mal sind sie ganz oben auf, dem Himmel näher als je zuvor. Die Geburt ihrer Kinder liegt da noch in weiter Ferne. Es ist der Tag, als Mr. O’Brien seiner Frau zum High-School-Abschluss einen Rundflug geschenkt hat. Leicht und unbeschwert ist ihre kurze Zeit in der luftigen Höhe, klein und unbedeutend scheint alles aus der Distanz betrachtet.

Die Beziehung der O’Briens ist in „The Tree of Life“ zunächst geprägt von Vertrauen und tiefer Zuneigung. Liebevoll legt Vater O’Brien (Brad Pitt) sein Ohr an den Bauch seiner schwangeren Frau (Jessica Chastain), zärtlich kümmert er sich um seinen Erstgeborenen Jack und die zwei weiteren Söhne. Doch dann ändert der einst gütige Vater sein Verhalten, um seine Kinder für den täglichen Überlebenskampf zu stärken.

Nun, Jahrzehnte später, wird aus der Rückblende die Geschichte des ältesten Sohns Jack O’Brien (Sean Penn) erzählt, den die schmerzlichen Erinnerungen an seine Kindertage fast zerbrechen lassen. Heute lebt er in einer gläsernen Welt, nimmt seine Umgebung durch große Fenster in seiner Wohnung und in dem anonymen Hochhauskomplex wahr, wo er als Architekt arbeitet. Auch sein Herz ist wie aus Glas und droht zu zerspringen. Denn der Blick auf einen künstlich gepflanzten Baum im Innenhof des Hochhauskomplexes lässt ihn seine eigene Entwurzelung und den Schmerz über den unaufgearbeiteten Tod des Bruders in Jugendjahren erkennen. In atemberaubenden Bildern führt „The Tree of Life“ den Zuschauer an Jacks Seite durch die Welt, während dieser nach dem Sinn des Lebens und einem Ankerpunkt im Leben sucht.

Terrence Malicks wenige Werke sind so rätselhaft wie ihr Schöpfer, und jeder seiner Filme ist ein mit großer Spannung erwartetes Ereignis. Nicht einmal in Cannes zeigte sich der publikumsscheue Regisseur, und so nahmen seine Produzenten die Goldene Palme für „The Tree of Life“ an seiner statt entgegen. Wie in diesem epischen Familiendrama spiegelt sich auch in den früheren vier Filmen Malicks der Gegensatz zwischen der unberührten Schönheit der Natur und dem zerstörerischen Wesen des Menschen wider. Kontrastiert der Regisseur die Naturaufnahmen in „Der schmale Grat“ mit erschreckenden Bildern von Krieg und Zerstörung, dienen sie in „The Tree of Life“ als Gegengewicht zu der vom Vater erzwungenen puritanischen Strenge im Haus der O’Briens. Mit dem Vater wird die Natur des Vorgartens domestiziert, damit sich das gesamte Haus nahtlos in die amerikanische Reihenhaussiedlung einfügen kann. Als er einmal auf Geschäftsreise geht, wird selbst die künstlich geschaffene Natur des Vorgartens für die Kinder zu einem kleinen Paradies. Endlich können sie zusammen mit ihrer Mutter, die sie zu mitfühlenden Menschen erziehen will, auch die Umgebung erkunden, sie erleben, sie fühlen.

Nie wird diese Familie jedoch mehr ganz oben sein wie am Tag des elterlichen Flugzeugrundflugs. Ihr Leben verläuft fortan in der Schwebe. Mr. O’Brien bewegt sich auf dem instabilen Baugerüst in seiner Firma auf sehr unsicherem Boden, blickt kaum hinauf in den Himmel. Das macht dafür sein ältester Sohn, wenn er sich einen liebevolleren Vater erträumt. Von oben sollen die Kinder nach Meinung ihres Vaters auf andere Menschen herabschauen, sich ihnen überlegen fühlen. Doch O’Briens Erziehung in amerikanischer Pionier-Mentalität macht seine Söhne nicht zu selbstbewussten Persönlichkeiten, sondern schmälert nur ihre Bewunderung für den Vater. Brad Pitt ist als Mr. O’Brien eine so bemitleidenswerte wie unsympathische Figur, der durch sein geändertes Verhalten jedoch lediglich seine Familie zu beschützen versucht.

Vielleicht ist dieser Film stellenweise zu pathetisch, zu schwer aufgeladen mit melancholisch-beseelender Musik von Bach bis Berlioz. Schwer fassbar sind Malicks lyrische Bildkompositionen über den Verlauf der Zeit, eine Hymne an die Evolutionsgeschichte mit Urknall und Dinosauriern. Doch genau in dieser Unbegreiflichkeit liegt die Faszination dieses Films, der die Reflexion über die Entstehung unseres Kosmos’ als Ausgangspunkt für die Evolutionsgeschichte einer Familie betrachtet. Emmanuel Lubezki erschafft mit der Handkamera durch präzise Nahaufnahmen ein Gefühl für die Sehnsucht der Söhne nach Liebe und Anerkennung. Er zeigt das langsame Schwinden der kindlichen Gefühle zugunsten einer rationalen, oft grausamen Denkweise.

„Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese drei. Aber das größte unter ihnen ist die Liebe“, heißt es in der Bibel. Der gealterte Jack O’Brien trifft am Ende des Films in einer traumartigen Sequenz seine Familie am Strand wieder. Es ist die Kraft der Liebe, die in diesem Moment den Hass und das Misstrauen des Sohns verschwinden lässt. Neu ist diese Botschaft nicht. Doch dieser Film bleibt trotz des zeitweiligen Abdriftens in kitschige Gefilde bis zum Schluss glaubwürdig. Auch in der Schlusssequenz sind es wieder diese überwältigenden Bilder, die den größenwahnsinnigen Film so unerklärlich schön erscheinen lassen. Lena Kettner

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Ein Kommentar zu “ Sneak-Kritik: Urknall und Überwältigung ”

  1. Dennis schrieb

    Der Facebook Like Button wuerde sich gut im Blog machen, oder habe ich ihn uebersehen?

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