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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Komm, süßer Tod. Wir wollen musizieren. Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marko Pfingsttag  am  20. Juni 2011

Heimatlieder: Der Sound der Fleet Foxes wurzelt tief in der Musik Amerikas. Foto: Sean Pecknold

Sie könnten die Söhne Bob Dylans sein, oder die Enkel Hank Williams’: Bands wie die Fleet Foxes, The Low Anthem oder O’Death. Sie haben die Diskographien ihrer musikalischen Ziehväter rauf- und runtergehört, sich die Gitarren umgehängt und katalysieren das ganze Spektrum des american spirit. Als hätten sie in ihrem noch jungen Leben nicht anderes gemacht als ihn zwischen Highways, Prärie und den Appalachen aufzusaugen. Religiosität und Entrücktheit, Wehmut bis Todessehnsucht, schwankend zwischen Rausch und Resignation. Beherzt, besessen, fern jeder blinden Nachahmerei.

Es ist eigentlich ein trübsinnig-konventionelles memento mori in „Montezuma“, mit dem die Fleet Foxes ihr nunmehr zweites Album „Helplessness Blues“ eröffnen: „In dirth or in excess / Both the slave and the empress / Will return to the dirt I guess / Naked as when they came“. Doch die Vision vom letzten Stündlein, bevor der Schöpfer uns heimholt, nimmt bei den Foxes eine ganz zuckersüße Form an: perlende Gitarren, die sich in Dur-Akkorde bündeln, und darüber die Foxes-typischen Gesangsharmonien. Von einem Flirren umschmeichelt, zwischen Zither und Windspiel, ein bis zur None aufgeschichteter Akkord, der bereits von der Auffahrt kündet – aber nur spekulieren kann, was uns erwartet: „I wonder if I’ll see / Any faces above me / Or just cracks in the ceiling / Nobody else to blame.“

Ähnlich der Titelsong: Hoffnungslosigkeit weicht einer Schicksalsergebenheit; jedoch nur im Text, im Künden von einer Liebe und im Abschiednehmen von dieser, haust der Blues. Die Musik indes prescht frohgemut und beschwingt voran. Bis alles – Tempowechsel! – von einem lichtdurchfluteten Traumbild abgelöst wird: „You would wait tables and soon run the store / Gold hair in the sunlight, my light in the dawn / If I had an orchard, I’d work till I’m sore.“

Man kann nur mutmaßen, warum sich ein Sound wie Indie Folk in Deutschland wachsender Beliebtheit erfreut. Der seine Wurzeln in der Americana music hat, im Bluegrass, im . . . Da geht die Kenner- und Wissenschaft los, die der obigen Überlegung aber nicht weiterhilft. Vielleicht sind es die bezeichnenden und prägenden Landschaften Amerikas, die wir hierzulande so nicht vorfinden. Beispielsweise die Bluegrass region, die man nach dem dort wachsenden Gras benannt und wo man selbiges in pathetisch-ernsthafter Albernheit zum Staatsgras erklärt hat.

Land, das man sich über Generationen mühsam hat Untertan machen müssen, und das heute nach wie vor kaum erschlossen ist und kaum erschließbar scheint. Weit und felsig und dröge und widerspenstig, so dass man in all der Einsamkeit an dem wenigen festhält, das man hat: der Glaube – und die Musik, wie sie von den Vorvätern komponiert, zusammengefügt wurde. Zumindest dies ein unbestrittenes Verdienst des melting pot USA: Die Instrumente hungriger Iren und den Soul schwarzer Sklaven vermochte man zu assimilieren.

Bei The Low Anthem bringt der Rückgriff auf zahlreiche Musiktraditionen, zusammen mit jenem pathetisch-ernsthaftem Ansatz, dem nicht selten der Ruch der Parodie anhaftet, das Album „Smart Flesh“ hervor. Da stampft dann der Song „Boeing 737“ bei jedem einzelnen Taktschlag kraftstrotzend auf, mit Pauken und Trompeten und Mundharmonikas, ein Bob-Dylan-satter Protestsong. Oder Friedenssong. „Hey little bird, would you be the one / To nest beneath my Gatling gun?“ Ob die Jungs von The Low Anthem damals überhaupt geboren waren? 1974, als Philippe Petit seinen Drahtseilakt zwischen den Türmen des World Trade Centers vollführte, und welchen sie besingen, so wie auch den 11. September? „I was in the air when the towers came down / As the prophets entered boldly into the bar, on the Boeing 737 / There’s nothing left I call my own / Come down and build me a home.“

„Smart Flesh“ vibriert zwischen diesen Polen „urban“ und „ländlich“, bewegt sich von Song zu Song immer weiter weg vom Pulsieren der politisierten Stadt, hinaus ins weite Feld, wo spartanische Country music ertönt. Das Album legt sich dort, zwischen langgezogenen Mundharmonika-Tönen und sogar singenden Sägen, auf die Wiese und vergisst die Zeit und – während eines Interludes ineinander verschlungener Klarinettenlinien – sich selbst.

Was zum Gefühl der Zeitreise und Entrücktheit beiträgt, ist die Produktion des Albums. „Smart Flesh“ wurde in einer stillgelegten Nudelsoßenfabrik geschrieben und aufgenommen. The Low Anthem haben sich und ihr Material ganz der Klangcharakteristik des Raumes untergeordnet, Songs verworfen, die in diesem Raum nicht klangen. „On my way home, by that lonesome graveyard / A ghost jumps up and says ‚Come on, be my man!‘“, singen The Low Anthem in ihrem „Ghost Woman Blues“ , mit dem das Album eröffnet. Erst in dem blechern widerhallenden Raum wird der Song so richtig zur gespenstischen Elegie, die sich unglaublich langsam, wie im Nebel, vorantastet. „That young ghost woman, she keeps, she keeps me thin.“

Solch eine gespenstische Atmosphäre generieren O’Death durchweg. Bereits auf dem Cover von „Outside“ galoppiert ein an Johann Heinrich Füsslis „Nachtmahr“ gemahnendes Ross durch ein unwirkliches Dunkel, einem noch unwirklicheren Glimmen entgegen. O’Death vermögen es, den ganzen Wüstengrusel, der dem Alternative country innewohnt, zu akkumulieren und in einem Trauerzuglied wie „The Lake Departed“ zu verdichten, mit dem Duft von Patina, Schellack und kratzeligem Grammophon. Das Ganze bieten sie mit der energischen Wucht großstädtischer Punkmusik dar. Ja, O’Death verheimlichen ihre härteren Einflüsse nicht, die sie in ihrer gar nicht folkig-ländlichen Heimat Brooklyn, New York, gesammelt haben. O’Deaths an Komplexität nicht arme Arrangements legen nie den Schrammel- und Schraddelgitarrengestus ab. Anders gesprochen: Live wird wild auf alles eingedroschen, was dem Schlagzeuger als willfähriges Perkussionsinstrument dienlich scheint, die Mandoline muss einiges erleiden, Schweiß, Dampf, Feuer.

Brooklyn also. Bedarf es der bezeichnenden Landschaften gar nicht, um solche Musik zu erschaffen? Weder Ozark Mountains noch Mississippi Delta? Und keine prägende Jugend als Kind eines Wanderpredigers? Dann können wir sie rasch ad acta legen, etwaige Versuche, deutsche Entsprechungen für diese Musiken zu finden, beispielsweise in das Niedersächsische Hochmoor zu fahren, eine Musik ausfindig zu machen und sie nach der ortsansässigen Moorschnucke, einer Schafrasse, zu benennen. Moorschnuckenmusik vielleicht. Ähnlich albern wie Staatsgräser, wenn auch weniger staatstragend.

Ein mittlerweile etwas abgetragener T-Shirt-Spruch versuchte immer, das deutsche Wesen zusammenzufassen, oder eher das mangelnde Selbstwertgefühl, das man ihm unterstellt: „The USA have Bob Hope, Johnny Cash, Stevie Wonder. We have no hope, no cash, no wonder.“ Berechtigter Neid aus Mangel an Musik, Identität und spirit?

So what. Wir müssen die Musik nicht in Deutschlands wenigen Wüstenlandschaften suchen. Wir müssen Alben nicht in einer Spätzlesoßenfabrik, in keinem Kirchenkeller aufnehmen. Wir müssen nichts nachahmen und nichts zu Vergleichszwecken ins Feld führen – ein zum Scheitern verurteiltes, unsinniges Ansinnen. Nein, wir dürfen uns neidlos am einzigartigen Sound dieser Bands und ihrer Kollegen bedienen wie im Supermarkt, sie ungestüm abfeiern und den nachfolgenden Alben entgegenfiebern. Wir dürfen auch ruhigen Gewissens die verkopfte Frage verwerfen, wie viel schwärmerisches Pathos bei dieser Musik echt und angebracht, wie viel Todesnähe gesund ist. Mit einem Ohr weghören, gewissermaßen, und sich auf den Derwischtanz von O’Death, The Low Anthems Hippie-Hymnen oder die verspielte Fröhlichkeit der Fleet Foxes kaprizieren.

Selbst mürrisch veranlagte Liebhaber dieser Genres legen für eine Weile die Alben von Woven Hand oder William Elliott Whitmore beiseite. Künstler, mit deren Sounds im Ohr man, von Gott und der Geliebten gleichermaßen verlassen, in den Wald gehen und sich an den Baum hängen oder in ein Erdloch legen möchte. Aber nicht jetzt. Jetzt ist Sommer. Banjos und Fiedeln raus. Der Winter kommt noch früh genug.

Marko Pfingsttag

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