Das Verlassen der Heimat und der Aufbruch in ein fremdes Land: Das heißt meist, einen Weg voller Mühsal auf sich zu nehmen – und vielleicht nur eine perspektivlose Gegenwart für eine ungewisse Zukunft einzutauschen. Da wirkt die Migration des südkoreanischen Video- und Performance-Künstlers Sung Hwan Kim (nicht zu verwechseln mit dem Fußballspieler Kim Sung-Hwan) reichlich unspektakulär. Kim, 1975 in Seoul geboren, zog 2009 nach New York, erlebte mithin nur den Wechsel von einer Multi-Millionen-Metropole in eine andere. Der Ortswechsel war ihm dennoch Grund genug für ein künstlerisches Projekt, mit dem er seine Umzugserfahrungen thematisieren wollte: die Videoinstallation „Manahatas Dance“, die jetzt in Avignon in der École d’Art gezeigt wird. Der Titel verweist auf Kims neuen Wohnort: Manahatas war im 16. Jahrhundert der indianische Name für das Land rund um den Hudson River.
Kim kombiniert in „Manahatas Dance“ Bilder aus New York mit Performance-Passagen sowie Textmaterial. Die New York-Aufnahmen sind enttäuschend banal: Begleitet vom Klang von Kriegstrommeln sieht man Stadtautobahnen, auf denen der Verkehr an den für New York charakteristischen Mietshäusern vorbeibraust. Kalt und entmenschlicht, eher Gefängnisse als Wohnhäuser.
Andere Aufnahmen zeigen den New Yorker Hafen, Hochhäuser oder Brücken, alles in der groben Bildqualität eines mittelmäßigen Amateurvideos. Ein in der Stadt nicht sonderlich bewanderter Tourist würde bei einem Tagesaufenthalt interessanteres Material zutage fördern. Der von Kim selbst verfasste Text – teils von elektronisch verzerrten Stimmen chorisch vorgetragen, teils auf dem Bildschirm erscheinend – macht es nicht besser. Ein wiederkehrendes Thema ist Kims Alter zum Zeitpunkt seines Umzugs, das er mit kryptischen Phrasen belegt: „When 33 / In the day / There is the sun / The sun moves from here to there.“
Dazwischen lässt Kim in den nicht logisch verbundenen Performance-Teilen junge Erwachsene auftreten: Einmal sind zum Beispiel zwei Männer zu sehen. Der eine springt auf und ab, der andere nicht, dann tauschen sie die Rollen. In einer anderen Sequenz knieen drei Personen auf dem Boden, tragen Frisierumhänge, die nur den Kopf frei lassen, und werden von Leuchten angestrahlt. Zu folkloristischer Musik schwanken sie rhythmisch hin und her. Der titelgebende Tanz?
Omnipräsent ist eine blau-schwarze Perücke, die zuletzt in den Händen eines lateinamerikanischen Bauarbeiters auftaucht, der vor der Kamera posiert. Dadurch wird nochmals das Thema Migration angedeutet, insgesamt aber wirken Kims Performance-Sequenzen zu beliebig, um zu überzeugen. Dass seine Arbeiten in Ausstellungsankündigungen gerne als enigmatisch gepriesen werden, lässt sich auch als Verteidigungsstrategie gegen den Vorwurf der Einfallslosigkeit verstehen. Marius Nobach