cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Die Unordnung der Dinge Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Eva Mackensen  am  17. Juli 2011

Die Eglise des Célestins in Avignon, die William Forsythe für seine Installation „Unwort“ gewählt hat, ist ein eindrucksvoller und atmosphärischer Ort. Kahle, weiße Wände im Inneren, hoch emporstrebend, gotische, spitze Bögen, die sich präzise und akkurat auf das Mauerwerk stützen und dabei so leicht wirken, als wollten sie dort für immer in einem instabilen Schwebezustand verharren. Licht fällt durch flächige und filigrane Fenster herein, die die Wände nicht weit unterhalb der Spitzbögen durchbrechen. Der Boden ist hell und sandig, nur das Mittelschiff ist bedeckt von weißen, quadratischen Steinfliesen.

Es ist ein Raum der Abwesenheit. Altar, Sitzbänke und Kruzifix fehlen. Dieser leere Raum trifft auf Forsythes gedehntes Verständnis von Choreographie, das sie ihres flüchtigen und transitorischen Mediums, des Tanzes, beraubt. „Unwort“ ist die Dominanz der Dinglichkeit. Die Arbeit besteht aus „choreographischen Objekten“. Der Betrachter verliert die ihm traditionell zukommende privilegierte Position der Reglosigkeit und der stummen Beobachtung an das Kunstwerk. Die Choreographie der Dinge impliziert den sich bewegenden Betrachter.

„Unwort“ fordert diese Bewegung heraus, aber sie lässt ihr auch genügend Raum. Nie beherrschen Forsythes Objekte den Blick und das Denken, nie maßen sie sich eine einzige, wahre und gültige Bedeutung an. Sie sind nichts als vage Annäherungen, die mal spielerisch sind und leicht, mal unhörbar, mal mechanisch und brutal, mal leise knirschend, knarrend. Gleich links hinter dem Eingang, in einem Seitenschiff, steht eine große Kamera auf dem Sandboden. In ihrer Linse erscheint ein Text. Weiße Buchstaben auf schwarzem Grund, einzelne Sätze. Sie sind der Ausdruck einer kollektiven Bewegung. Jeder Satz beginnt mit Nous (Wir). „Wir, die wir uns fragen, welches unsere Gründe waren, daran zu glauben“, lautet ein Satz (in seiner deutschen Übersetzung). „Wir, die davon ausgingen, dass man sich darum kümmern werde“, ein anderer. Ein Bollwerk des einmündigen Eingeständnisses wird errichtet, das allen Versuchen trotzt, es ins Wanken zu bringen, es einstürzen zu lassen. Und das gerade dadurch zum Widerspruch aufruft.

Dass sich bereits am ersten der insgesamt sechs Objekte die Nähe der Bewegung zur Sprache zeigt, dass die (kollektive) Bewegung dort etwas ist, was durch die Sprache entsteht, ist kein Zufall. Ebenso wie das gesprochene Wort ist auch die Bewegung flüchtig. Beide sind nur einen kurzen Moment lang anwesend, werden unsichtbar, unhörbar. Was bleibt, ist die Notation des Flüchtigen, die Schrift. Forsythes Choreographien können als der Versuch begriffen werden, der Schrift eine räumliche Dimension zu verleihen, mit den Körpern den Raum zu beschreiben. Die Installation „Unwort“ ist vielleicht die genaue Verkehrung dessen: die Schrift in Bewegung zu versetzen, sie flexibel und durchlässig zu machen. Die Buchstaben zum Tanzen zu bringen.

Das zentrale Objekt der Installation ist „Wirds“. Es besteht aus zwei Teilen: In einer Nische links des Altarraumes befindet sich ein Holzregal, in dem in alphabetischer Ordnung Buchstaben aus schwarzem Schaumstoff aufgestellt sind. Drei Tänzer bedienen sich dieses Vorrats, nehmen hier ein V, dort ein Q, ein J oder ein F aus dem Regal und tragen die Schriftzeichen in das Mittelschiff, wo sie auf großen hellen Holztischen platziert werden, wahllos und willkürlich. Vollkommene Ordnung wird überführt in vollkommene Unordnung. Die Buchstaben türmen sich auf den Tischen zu kleinen Haufen, sie reihen sich aneinander, werden umgeworfen, ausgetauscht. Hier und dort scheinen zufällig einige Silben auf, Wortfragmente, die im Kopf hin und her geschoben werden, ergänzt, verändert und zusammengefügt, bevor sie wieder verschwinden. Eva Mackensen

Share |


Einen Kommentar schreiben

Autor: 

Abgelegt unter: Ausstellung

Schlagwörter dieses Artikels:

, , , ,