In der Mitte der Turnhalle befinden sich in direkter Nähe zwei Objekte. Weißlackiertes Holz und Glasplatten bilden einen Schaukasten, in dem sechs quadratische Flächen aus rötlichem Wachs liegen. Auf diesen und um sie herum befinden sich hunderte kleiner Frauenköpfe aus Kunststoff, sie gleichen einander in Form und Lächeln, nur ihre Haarfarbe variiert. Wenige Schritte davon entfernt, im Mittelkreis des Basketballfeldes, liegt der abgeschlagene Kopf eines Hirsches. „Le Massacre“ heißt das Objekt, dessen lakonische Brutalität in einem beängstigenden Spannungsverhältnis zur Leichtigkeit des vorangehenden steht.
Die Turnhalle Gymnase Paul Giéra liegt eine Viertelstunde Fußmarsch vor den Stadtmauern Avignons, vorbei am Parkplatz eines überdimensionierten Supermarktes, an Plattenbauten und heruntergekommenen Einfamilienhäusern. Hier zeigen der bildende Künstler, Theater- und Filmemacher Jean Michel Bruyère und die Marseiller Künstlergruppe LFKs ihre Ausstellung „La Dispersion du Fils“. In dieser erzählen sie in fast dreißig Objekten in abstrakter, roher Form den Mythos des griechischen Heros Aktaion. Dieser soll während der Jagd die Göttin Diana beim Baden überrascht haben, die ihn daraufhin aus Zorn in einen Hirsch verwandelte. Während seiner panischen Flucht durch die Wälder erblickte seine Jagdgesellschaft den Hirsch, und Aktaion wurde von seinen eigenen Hunden zerfleischt.
Das Bad, die Verwandlung und der Wald sind die Eckpunkte in Bruyères Interpretation des Mythos, ohne jedoch den eigentlichen Fokus zu bilden. Denn die Hauptakteure sind hier die Hunde des Aktaion, die ihren Herren irrtümlicherweise verschlingen und hernach auf der Suche nach ihm heulend durch die Wälder streifen. Dabei erkennen sie nicht, dass Aktaion stets bei ihnen ist, er ihre Organe durchwandert, die sein Fleisch verdauen und seinen Körper zu einem Teil der ihren werden lässt. Es ist diese zweite Metamorphose, der Akt der Verdauung, dem Bruyère und LFKs besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen.
Am Gepäckträger eines Fahrrads sind gräulich-braune Schläuche befestigt. Wurstartig erstrecken sie sich acht Meter weit über einen Papierstreifen, erinnern in ihrer Oberflächenstruktur an Därme, die ein Mediziner aus den Leichen des Präparationssaals mitgebracht hat. Daneben läuft auf einer kleinen Leinwand das Video einer Koloskopie. Beide Stationen stimmen ein auf das organische Herzstück der Ausstellung. Am Ende der Halle ist ein Raum erbaut, verhangen mit schwarzem Stoff. Ein diffuses Rauschen dringt von dort beständig nach außen. Innen ist er kreisrund, sein Durchmesser beträgt etwa zwölf Meter. Die Wand ist eine durchgängige Leinwand. Auf dieser wechseln sich rosige Oberflächen organischer Strukturen mit Versatzstücken anderer Filme ab, Gesichter blitzen auf und verschwinden wieder. Die mehr als zwanzig Stunden lange Filmschleife besteht aus Versatzstücken von Filmarbeiten, die LFKs seit 1999 angefertigt haben. Immer wieder reist der Betrachter mit seiner 3-D-Brille durch röhrenförmige Gänge, umschwebt schlauchartige Strukturen.
Zwar sehen die wabernden Gebilde manchmal sehr nach Computer-Grafik-Experimenten aus den Neunzigern aus. Doch die Kombination aus dreidimensionalem 360°-Video und beständig-brutalem Dröhnen des Soundtracks saugt den Betrachter tief hinein in die konvulsiven Kontraktionen des hündischen Kolons. Immer mehr nimmt er auf dieser intestinalen Reise den Platz der Partikel Aktaions ein, dessen Verdautwerden durch die Hundemeute beinahe körperlich erfahrbar wird. Wenn der Besucher – den Nachhall des aktaionischen Traumas im Kopf – aus diesem Videorausch hinaus und zurück in die Halle torkelt, ändert sich auch der Blick auf die anderen Objekte, entfalten diese eine ganz neue Dimension der Archaik. In dieser gleichsam abstrakten wie greifbaren Erfahrung zeigt sich die erschreckende Größe des Mythos in ihrer rohsten Form. Peter Sich