Ein Bühnenarbeiter mit orangem T-Shirt steht neben einem weißen Sarkophag vor der Kulisse des Avignoneser Papstpalastes. Vor der Bühne erblickt man Sitzreihen, die von steinernen Quadraten durchzogen sind, hinter ihr Balkonfenster, die asymmetrisch verschoben scheinen. In der linken Bildhälfte wurde ein großer Schrank neben einem Teil der Mauern des Papstpalastes platziert, in der rechten eine Waschmaschine neben einer roten Getränkekiste.
In seiner Foto-Ausstellung „Melting Point – Avignon“ zeigt Couturier in seinen schachbrettartig angelegten Bildkompositionen durch die Verbindung zweier zeitlicher Ebenen den Kontrast zwischen der Winter- und der Sommersaison an verschiedenen Spielstätten des Festival d’Avignon: im Cour d‘Honneur des Papstpalastes, im Karmeliterkloster und im Innenhof des Lycée St. Joseph. Seit Mitte der 1990er Jahre ist Couturier, einer der bedeutendsten französischen Fotografen der Gegenwart, weltweit für seine großformatigen fotografischen Tableaus bekannt, in denen er in den letzten Jahren die architektonische Entwicklung im Wandel befindlicher Großstädte dokumentierte. Durch die Montage verschiedener Realitätsebenen erschafft der Künstler Zustände im Spannungsfeld zwischen sachlicher Dokumentation und fiktionaler Aneignung seiner Sujets und beschäftigt sich mit der Frage nach der Konstruktion beziehungsweise der Dekonstruktion von Wirklichkeitskategorien.
Schon einmal gab es eine „Melting Point“-Serie von Couturier. Damals zeigte er anhand der verschiedenen Produktionsstadien in einer Toyota-Montagefabrik nördlich von Paris die ewige Bewegung der rationalisierten und automatisierten Industrie. Auch in der „Melting Point“-Ausstellungsserie im Maison des Vins in Avignon erfasst Couturier räumlich-zeitliche Momente von großer Intensität, an denen die Vergangenheit jedoch im Gegensatz zu seinen früheren Werken nicht von der Zukunft verdrängt wird, sondern mit ihr eine untrennbare Symbiose eingeht. Vor dem Hintergrund jahrhunderteralter, majestätischer Bauwerke zeigt Couturier Ausschnitte aus Inszenierungen, die 2010 beim Festival d’Avignon aufgeführt wurden, etwa aus Christoph Marthalers „Papperlapapp“ oder aus „Pour en finir avec Bérénice“ des avantgardistischen Choreographen Faustin Linyekula. Couturiers Bildkompositionen aus einer in der Realität nicht funktionierenden Kombination von Details, Perspektiven und Fluchten bieten ein faszinierendes Schauerlebnis, verlieren sich durch ihre Detailgenauigkeit nicht in der Abstraktion. Das Kunstwerk wird hier als transitorischer Prozess verstanden, in dem der Besucher zum Regisseur seiner ganz eigenen Betrachtungsweise gemacht wird. Ein ähnlicher Ansatz, wie ihn Theatermacher wie Marthaler verfolgen, deren Avignoneser Inszenierungen Couturier in seine Tableaus eingebaut hat.
Ganz Avignon ist in Bewegung, ob tanzend oder gehend, wie in der Videoinstallation im nächsten Raum gezeigt wird. Couturier hat dazu Aufnahmen von Tänzerbeinen aus Anne Teresa De Keersmaeker’s „En Atendant“ und aus „Chouf Ouchouf“, einem Stück des Schweizer Künstlerduos Zimmermann & de Perrot, mit Aufnahmen von Besucherbeinen aus der Avignoneser Innenstadt kombiniert. Ein gelungener Kontrast zu der Ruhe seiner Bildkompositionen, auf denen das belebte Bühnengeschehen oft wie ein in Schönheit erstarrtes Gemälde wirkt. Eine gelungene Ausstellung im Maison des Vins, die einen interessanten Perspektivwechsel bietet. Lena Kettner