Über die enge Straße vor dem Hauptgebäude der Villa Concordia gelangt man zu Geirþrúður Finnbogadottir Hjorvars Wohnung im Neuen Ebracher Hof. Fast wirkt es, als würde man über den schmalen Aufgang die Stufen zu einem Märchenturm erklimmen. Rätselhaft und geheimnisvoll wirkt Hjorvar, als sie die Tür öffnet – als wäre sie ein menschgewordenes Fabelwesen aus der isländischen Sagenwelt. Im grauen Schlafanzug und einem überweiten gelben Malerhemd wandelt sie umher, setzt schließlich Tee auf.
Hjorvar ist eine von sechs isländischen Stipendiaten, die seit Mitte April Gäste des Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg sind. Elf Monate können sie hier an eigenen Projekten arbeiten – ohne den Druck, diese fertigstellen zu müssen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass das kleine skandinavische Land am Rande Europas als diesjähriges Gastland der Villa Concordia ausgewählt wurde. Auf der Frankfurter Buchmesse war Island im Oktober als Ehrengast das erste nordische Gastland überhaupt. „Damit öffnet sich den Verlagen und Lesern ein Fenster zu einem der produktivsten Buchmärkte der Welt“, sagte der Direktor der Frankfurter Buchmesse, Juergen Boos, zur Begründung der Auswahl. Trotz seiner lediglich 320.000 Einwohner hat Island eine pulsierende kulturelle Szene, die sich nicht nur auf das aufregende Reykjavíker Nachtleben beschränkt. Internationale Aufmerksamkeit konnten in den letzten Jahrzehnten besonders Musiker wie die Ausnahmekünstlerin Björk und die Postrock-Band Sigur Rós auf sich lenken.
Auf einer großflächigen Landkarte, die an der Wand in ihrem Atelier hängt, hat Geirþrúður Finnbogadottir Hjorvar den Weg von Amsterdam in das 650 Kilometer entfernte Bamberg mit Edding nachgezeichnet. Es ist wohl ihre Art, sich für fast ein Jahr aus einer Stadt zu verabschieden, die für sie seit 2007 zu einer zweiten Heimat geworden ist. Nach einem zweijährigen Akademieaufenthalt an der Amsterdamer Kunstschule Reichsakademie der bildenden Künste beschloss sie damals, in der Stadt zu bleiben. „Ich wollte mich nicht länger wie ein Flüchtling fühlen und aus der Peripherie der Insel näher an das Zentrum Europas heranzurücken“, sagt Hjorvar. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts gelangt die bildende Kunst Islands international zu Anerkennung, denn viele künstlerische Erzeugnisse vergangener Jahrhunderte wurden aufgrund des rauen Klimas und zu geringer Ressourcen im Laufe der Zeit vernichtet. Ähnlich wie die isländische Literatur zeichnet sich auch dieser Teil der isländischen Kultur durch seinen engen Bezug zur einheimischen Natur aus. Nachdem die Malerei lange Zeit eine vorherrschende Rolle in der isländischen Kunst gespielt hatte, markierten die 1960er Jahre den Beginn der Konzeptkunst im Land. Sie ist bekannt für ihre geglätteten Formen und ihre Abwendung von der retinalen Ästhetik, die nach einem wahrnehmbaren Objekt als Kunstgegenstand verlangt. Der bekannteste zeitgenössische Vertreter dieser Kunstgattung, Sigurður Guðmundsson, erweiterte sie ungeachtet möglicher Formproblemen und Grenzen des Genres. In dieser Tradition entwickelt auch Geirþrúður Finnbogadottir Hjorvar ihre Konzeptperformances im Spannungsfeld unterschiedlicher Kunstformen wie Text, Zeichnung, Installation, Skulptur und Fotografie. Im Moment sei es vor die Unmöglichkeit der Wiedererweckung der Vergangenheit, die sie in ihren Werken beschäftige, meint Hjorvar. „Ich habe ein besonderes Faible für das Römische Reich entwickelt – ein Fetisch, aber kein ganz ernst gemeinter“, sagt die Künstlerin. Langsam legt sich ihre anfängliche Scheu. Sie erzählt nachdenklich davon, dass sie Island vermisse und dass mit gemischten Gefühlen nach Bamberg gekommen sei. Denn dieses Jahr bedeute schon wieder einen Neuanfang. Sie liebe es aber, in einem Land wie Deutschland zu leben, in dem sie die Sprache nicht verstehe. „Nur so kann ich meine Beobachterposition aufrechterhalten und die Welt um mich herum auf meine ganz eigene Art und Weise wahrnehmen.“
Ähnlich wie Hjorvar sind auch die anderen Stipendiaten der Villa Concordia, die 1997 von der bayerischen Staatsregierung gegründet wurde, bereits etablierte Künstler und wurden auf Vorschlag eines vom Minister für Wissenschaft, Forschung und Kunst ernannten Kuratoriums nach Bamberg eingeladen. „Velkomnin“ – „Willkommen“ steht in großen Lettern auf den Treppenstufen geschrieben, die in das barocke Gebäude führen. Im Erdgeschoss des Hauses sind nicht nur die Büros der Direktorin Nora-Eugenie Gomringer und ihres Teams untergebracht, sondern auch die Wohnung der 1973 geborenen Schriftstellerin Sigurbjörg Þrastardóttir. Sie gilt als eine der bedeutendsten isländischen Lyrikerinnen der Gegenwart, hat neben Gedichtbänden auch Romane und Dramen veröffentlicht. Nicht nur in Bezug auf ihre farbenfrohe Kleidung wirkt die zierliche Autorin wie eine erwachsen gewordene Pippi Langstrumpf, sondern auch aufgrund ihres neugierigen und offenen Wesens. „Das Erzählen von Geschichten hat meine Vorfahren immer am Leben erhalten“, erzählt sie.
Die Sprache brachte Licht in das Dunkel des Landes, besonders in den strengen Wintermonaten. Bis heute nimmt die Literatur eine herausragende Stellung im Kulturleben des Landes ein. Denn ein Mensch ohne Bücher ist blind, besagt ein isländisches Sprichwort. Die Isländer gelten als außergewöhnlich lesefreudig, außergewöhnlich viele von ihnen werden im Laufe ihres Lebens selbst schriftstellerisch tätig. Die mittelalterlichen Isländer-Sagas sind nicht nur Teil des traditionellen Kulturguts, sondern finden oft Eingang in die Romane und Erzählungen zeitgenössischer Schriftsteller. Galt der Nobelpreisträger Halldór Laxness lange Zeit als der bedeutendste Vertreter der isländischen Literatur, erfreuen sich in den in den letzten Jahren insbesondere die Werke von Krimiautoren wie Arnaldur Indriðason großer Beliebtheit im Ausland. Seit jeher habe das Geschriebene einen hohen Stellenwert in ihrer Heimat, so die Schriftstellerin. „Es gibt dazu einen schönen Spruch: Die Menschen trauen dem Wetter nicht, dafür aber der Wettervorhersage. Denn diese ist schließlich schriftlich fixiert.“
Kaum eine Literatur der Welt ist so eng mit der Geographie ihres Entstehungslandes verbunden wie die isländische. Die Kraft der Naturgewalten, die karge Schönheit der isländischen Landschaft und die überraschenden Kombinationen der Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft bieten den Autoren Inspiration für ihre faszinierenden Geschichten. Doch so sehr die Isländer ihre Heimat lieben, so sehr lockt es sie immer wieder aus der Abgeschiedenheit des Inseldaseins hinaus in die Ferne. Auch Sigurbjörg Þrastardóttir verlässt Island immer wieder für längere Zeit, um die Begegnung mit anderen Schriftstellern im Ausland zu suchen. Dieses Jahr wird sie zum Internationalen Poesiefestival in die kolumbische Stadt Medellín fliegen, hinzu kommt eine Reise nach China. Doch ihren Lebensmittelpunkt hat die Lyrikerin weiterhin in Reykjavík. Denn auch wenn ihre Landsleute traditionell ein reiselustiges Volk sind, kehren viele nach einer Zeit gerne in die Heimat zurück.
Jahrzehnte lang zählte Island zu den Gewinnern der Globalisierung, galt als eine der zukunftsfähigsten Regionen Europas. Alles wurde auf Pump gekauft, ob Häuser oder Geländewagen, bis eine schwere wirtschaftliche Krise das Land im Jahre 2008 erschütterte. Während Þrastardóttir isländische Süßigkeiten anbietet, erzählt sie, wie sie diese Umbruchsphase in Island erlebt hat. „Ich war gerade in Argentinien, als mich die Nachricht vom Zusammenbruch unseres Finanzsystems erreichte. Eine sehr seltsame Stimmung machte sich breit, denn laut der isländischen Medien und laut der Anrufe von zu Hause war nun der Weltuntergang in unserem Land programmiert.“ Sie habe sich eine kriegsähnliche Situation ausgemalt, war sich sicher, dass alle Geschäfte und Unternehmen geschlossen seien. Doch es sollte anders kommen, als sie nach sechs Wochen in ihr Heimatland zurückkehrte. „Natürlich war die Situation hart, aber die Leute machten weiter wie bisher. Das beruhigte mich sehr.“ In der Krise besannen sich die Isländer zurück auf sich selbst – und auf ihre Kultur. Während die einen die Krise auf dem jährlich stattfinden Musikfestivals Airwaves in Reykjavík einfach wegtanzten, wählten die anderen den Komiker Jón Gnarr mit seiner Künstler-Spaßpartei „Beste Partei“ zum Bürgermeister der Stadt. Schließlich hatte er den Bürgern kostenlose Handtücher für die städtischen Schwimmbäder, einen Eisbären für den Zoo und ein drogenfreies Parlament bis 2020 versprochen. Singen und lachen als kreative Lebensstrategie in einem Land, das trotz wirtschaftlich unruhiger Zeiten seinen Humor nicht verloren hat.
Es ist früher Nachmittag, als Þrastardóttir sich wieder an den Schreibtisch begibt und Geirþrúður Finnbogadottir Hjorvar aus ihrem Atelier huscht, um einkaufen zu gehen. Fasziniert blickt man ihr nach, als sie beinahe schwebend um die nächste Straßenecke biegt. Es geht vorbei am E.T.A.-Hoffmann-Theater hinaus aus Bamberg, in Vorfreude auf weitere, spannende Begegnungen mit Schriftstellern aus einem Land, das trotz aller Innnovationen im Bereich der schönen Künste nie seine Wurzeln vergessen hat. Lena Kettner