cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Allgegenwärtige Abwesenheit Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Lukas Wilhelmi  am  31. Oktober 2011

"Nicht in dem Ton, Fraulein." Foto: Hofer Filmtage

Ein Klischee wie ein Messer: Mutter, Vater, Kinder sitzen am Tisch. Man isst zu Abend, es klingelt. „Wir essen“, raunt es, jetzt nicht. Nur ist es nicht einer der Erziehungsberechtigten sondern der zu Erziehende höchst selbst, der da vorgibt, an Tischmanieren und familiärer Eintracht interessiert zu sein.

Was komödiantisch anmutet, ist letztlich alles nur nicht das. „Bastard“ ist ein Thriller, ein Familien- und Sozialdrama – und Eröffnungsfilm der Hofer Filmtage 2011.

Warum das abendliche Speisen dem Betrachter mehr auf den Magen schlägt als auf die Schenkel, hat seine Gründe. Der 13jährige Junge, der sich selbst nur den Namen des Films gibt, hat den neunjährigen Sohn der ihm gegenüber sitzenden Eltern entführt und zwingt die beiden damit zum Gehorsam. Perfide Familienaufstellung: Beine auseinander, Hände hinter den Kopf, Gesicht zur Wand. Dabei und mittendrin noch die Kriminalpsychologin Meinert, die versucht das Verlies des Kindes zu erfahren und die Mitschülerin Mathilda, eine Art Komplizin wieder willen für den Jungen ohne Namen.

„Bastards“ erzählt von diesen zwei Jugendlichen, ihrer Generation. Menschen, die weder den Biologieunterricht der örtlichen Gesamtschule benötigen, noch die hilflos von Mutter über den Tisch geschobenen Pariser. Gleichzeitig aber ihren Stoffhasen bei sich brauchen und auch der Gute-Nacht-Geschichte ihre volle Aufmerksamkeit schenken. Zwischen den Welten wandeln, einer Kindheit, die nie unbeschwert war und einer Zukunft, die nichts Gutes verheißt. Ausgerüstet mit einer moralischen Überheblichkeit, als Schutzschild gegen die allgegenwärtige Abwesenheit der Eltern – qualitativ wie quantitativ.

Langfilmdebütant Carsten Unger erzählt nach eigenem Buch von diesen Heranwachsenden in einer Deutlichkeit, die das Subersive als unverständliches, heuchlerisches Erzählmittel zurückweist. Das Schwimmbad, ein Sammelbecken der familiären Zerstreuung und sexueller Aufladung. Überhaupt: Wasser. Er regnet viel in dieser dunkel, blauen Tristesse. In den Strömen, Duschen und Abgüssen verschwimmen die Leadschatten mit den dunklen Vergangenheiten um die Wette. Dagegen die Kirmes, eine immerzu funkelnde Glitzerwelt, ein dröhnender und pulsierender Jahrmarkt der Anonymität. Ein übergroßer Platz zum Verlassenfühlen. In der Illustration und Mittel seiner Protagonisten macht „Bastard“, im Gegensatz zu seiner Hauptfigur, keine Gefangenen. Mathildas Mutter ist eine aus der Gesellschaft geschiedene Verwahrloste, die sich ihre Stütze mit Prostitution aufbessert. Bastards Eltern sind oberflächliche Oberklässler. Ein goldener Käfig aus Milchglas. Also flüchten sich die Pubertierenden in die Gewalt, in den Sex und in die sexuelle Gewalt. Also jene Dinge, die sie von den Eltern vorgelebt oder nicht-abgelebt bekommen. Es ist das Nichts, aus dem Böses erwächst in diesem Film. „Manchmal ist es besser, eine schlechte Vergangenheit zu haben, als gar keine“, sagt eine Krankenschwester dazu. Unger erzählt mit viel Dramatik eine Geschichte von der Abwesenheit, von der Anwesenheit des Nichts, das gefüllt werden muss. Mit Wasser, Macht, Schmerz und Körperlichkeit. Jugendliche als Produkt einer nicht stattgefundenen Erziehung.

Und wie Markus Krojer als Bastard und Antonia Lingemann als Mathilda diese innere Verrohung verkörpern, ist großes Kino. Ihre Darstellungen sind immer gleichsam gefährlich und gefällig. Es macht Spaß an ihrer Macht, ihrer Manipulation, ihrer Verzweiflung teilzuhaben – und es macht Angst und betroffen und wütend. Da brauch es auch kein Relativlob, das sich daran begeistert, wie jung die Beiden erst sind. Nein, man vergisst immer wieder – und damit erreicht der Film ein ganz wesentliches Ziel – dass beide noch nicht mal alt genug sind, um Auto zu fahren.

Auch Martina Gedeck als reservierte Kommissarin Meinert hat, auch beim Cocktail im Bikini, eine Menge Unglück hinter ihren Augen verschlossen. Auch sie honoriert das tiefe Spiel ihrer Mitspieler, kapituliert aber, genauso wenig wie ihre Figur, davor. Seinem gesamten Ensemble verdankt der Film alles. Ohne sie würden die wüsten Bilder und dumpfen Klänge, Gefahr laufen, ins Plumpe abzudriften. Bis in die Nebenrollen, Hanns Zischler und Sibylle Canonica als verbittertes Karrieristenpaar sind da zu nennen, ist es „Bastard“ möglich zu gelingen.

Weil sich ausnahmslos alle Darsteller so eindrucksvoll durch die schummrigen Kulissen bewegen, werden weder der Ghetto-Skatepark, das notgeile Spaßbad, das Problemviertel-Hochhaus, noch das Vorstadt-Einfamilienhaus zum biederen ARD-Vorabend-Klischee. Stattdessen sind ernstzunehmende Szenarien zu beobachten, die zwar immer deutlich und intensiv sind, aber nie überzogen oder unglaubwürdig. „Bastard“ ist ein positiv-Beispiel für die Bedeutsamkeit, die Abhängigkeit des Spielfilms vom Schauspiel.

Leider weiß Unger zu sehr um diese Stärke und stellt seine Figuren und die krassen Dynamiken mit zunehmender Filmdauer immer mehr aus. Dann wird der Regisseur vom eigenen Voyeurismus getrieben, der sich an der selbst geschaffenen Konstellation ergötzt. Unger steckt alle seine Figuren in ein wohnzimmerlich eingerichtetes Labor und schaut seiner eigenes kreierten Welt beim (Ver-)Wachsen zu. Da verliert der Film zwischenzeitlich seine Zielstrebigkeit, die er abschließend zum Glück wieder erreicht. Und doch glaubt man hin und wieder, die 126 Minuten sind 15 Minuten zu viel.

Bis Mathilda die Straße entlang rennt, einen Weinkelch vor sich hertragend. Die Kamera umkreist sie schwermütig wie eine Schlange das Schwert. Die kirchenkritische Symbolik, ein Blowjobversuch auf Priesterroben, hat der Film halbherzig dazu geworfen, um das Mädchen durch die Nacht zu geleiten. Ihr Gesicht zeigt sie sowohl als Heilige, Hure und nicht zuletzt: als Kind. Auf dem Weg zum heiligen Gral, auf dem Weg zum Bäcker, zum Familienfrühstück.

Es ist das Mädchen aus dem Hartz-IV-Haushalt – und nicht der jugendliche Wohlstands-Kidnapper – an dem der Film abschließend seine streitbarste und somit auch stärkste Aussage trifft, wer in der gezeigten Gesellschaft durchs Raster fällt und wer nicht. Wer Schutz und Zuneigung bedarf und wer noch mehr Schutz und Zuneigung bedarf, benennt der Film ohne große Umschweife. Und diese Brutalität, mit der „Bastard“ wuchert, sie hätte ein fieses, großes Finale geben können. Doch dann verlässt Unger der Mut. Mit einer bitteren Anbiederung an die Harmonie-Sucht seines Publikums – oder die eigene. Natürlich kann und soll hier nicht das Ende verraten werden, weshalb es an dieser Stelle abstrakt bleiben muss. Nur so viel: Es ist ein Ende mit Schrecken, dass sich und dem Zuschauer versucht, diesen zu nehmen, und sich damit verzettelt, verleugnet, vielleicht sogar verrät.

Doch Filme sind ihr Ende. Und letztlich kratzt „Bastard“ mit nur ein paar abschließenden Einstellungen, am eigenen Lack eines leidenschaftlich aufgebauten Stücks, eines ungemein bildgewaltigen, radikalen Thrillers, mit selten erlebter, deutscher Schauspielkunst.

Lukas Wilhelmi

Share |


Einen Kommentar schreiben