Es gibt diesen Point of no return in Beziehungen, ein kleines, aber umso schwerwiegenderes Ereignis, das durch nichts wieder gut gemacht werden kann. Ein Tritt aus dem Gleichgewicht, der das fragile Gebilde zwischen zwei Menschen irreparabel schädigt. Oft genug ist es eine scheinbare Banalität, eine Nichtigkeit, eine winzige Erschütterung mit gravierenden Folgen. Ein Blick, eine Geste, ein Wort. Ein Film, der diesen bestimmten Augenblick der Entfremdung erforscht, ist „The Loneliest Planet“, der zweite Spielfilm der US-amerikanischen Künstlerin und Regisseurin Julia Loktev. Hani Furstenberg und Gael Garcia Bernal spielen darin Nica und Alex, ein Paar aus den USA, das gemeinsam nach Georgien gereist ist, um eine Wanderung im abgeschiedenen und zivilisationsfernen Kaukasus zu unternehmen. Mit leiser Ironie portraitiert Loktev die beiden als typische Lonely-Planet-Touristen, weltoffen und ignorant zugleich. Sie heuern Dato an, einen Georgier (Bidzina Gujabioze), der sie führen soll.
„The Loneliest Planet“ ist eine Literaturverfilmung, basierend auf Tom Bissells Kurzgeschichte „Expensive Trips Nowhere“. Loktev übersetzt sie in poetische Bilder. Zu unruhigen Streicher-Tremoli ist in weiten Totalen die karge, georgische Wildnis zu sehen, deren bizarre Steinlandschaften und starre Hügelformationen einen eigenartigen Kontrast zum aufwühlenden Charakter der Musik bilden. Lange Blicke wirft das reglose Auge der Kamera auf diese Natur, die drei Expediteure darin wie winzige, wandernde Punkte. In den Nahaufnahmen leuchtet Furstenbergs Haar flammend rot vor dem endlosen grünen Grasteppich.
Loktev Film ist handlungsarm, ohne eintönig zu sein. In Unterhaltungen und kleinen Spielereien zur Zerstreuung entfaltet sich subtil die Dynamik zwischen den drei Protagonisten, in scheinbar banalen Szenen – einer Rast, einer Flussüberquerung – schleicht sich unvermittelt die Frage ein, wer wem in dieser lebensfeindlichen Umgebung vertrauen kann. Nur einmal gibt es einen kurzen Moment atemloser Spannung, in dem durch eine kleine Geste klar zutage tritt, dass Alex Nica opfern würde, um sich selbst zu retten. Danach geht die Wanderung weiter, nichts hat sich verändert, und doch ist alles anders: Alex und Nica sind sich zu Fremden geworden.
In ganz anderer Weise erzählt Gilles Legrands Film „Tu sera mon fils“ von einer radikalen Fremdheit zwischen Vater und Sohn. In klassisch narrativer Art, mit Niels Arestrup und Lorant Deutsch in den beiden Hauptrollen großartig besetzt, kreist der Film um die Frage der Vererbung eines großen und traditionsreichen Weinguts in Saint Emilion vom Vater Paul de Merseul an seinen Sohn Martin. Es ist eine Frage biblischer Größe, eine „Isaak und Esau“-Geschichte. Jakob, der vom Vater Bevorzugte, ist hier jedoch kein leibliches Kind, sondern der Sohn des Kellermeisters, Philippe. Umso schwerer wiegt die Schuld des Vaters, der das Gut unter völliger Missachtung der natürlichen Erbfolge nicht an Martin, sondern an Philippe vermachen möchte.
Mit der präzisen und unerbittlichen Logik einer antiken griechischen Tragödie entwickelt sich zwischen den lichten Weiten der Weinhügel, dem Territorium des Vaters, ein lautloses, in seiner psychischen Brutalität bestürzendes Drama, das unaufhaltsam auf die Katastrophe zusteuert. Als primum movens genügt Legrands brillantem Drehbuch eine einzige, aber unumstößliche Prämisse: die Ablehnung des Sohnes durch den Vater. Wie Arestrup den unumschränkten Herrscheranspruch Pauls durch seine bloße, unheimliche und permanente Anwesenheit auf der Leinwand verdeutlicht, ist beinah eine Ungeheuerlichkeit. Deutschs Martin hingegen hat von Anfang an die Waffen gestreckt, er tritt seinem Vater bloß und blank gegenüber, er hofft, verschont zu werden. Bald ist klar, dass einer zuviel ist in dieser perfiden Dreierkonstellation. Zu den hellen Klängen des cum dederit aus Vivaldis Stabat Mater kommt es zum Mord, ausgeführt mit kalter Berechnung und analytischer Präzision.
Den Fokus weit gestellt hat die junge kanadische Regisseurin Anne Émond in ihrem Debutfilm „Nuit #1“. Ein sehr intimer Film, in dem die 29-jährige Émond es schafft, am Leiden ihrer beiden Protagonisten das Leiden einer ganzen Generation zu verdeutlichen. Clara und Nicolaï lernen sich kennen und verbringen eine Nacht zusammen in Nicolaïs Wohnung. Eine Zufallsbegegnung, ein One-Night-Stand. Beide erzählen über sich; beide spüren jene eigenartige Distanz zwischen sich und der Welt, sind im eigenen, unfreiwilligen Exil gefangen. Die Kluft, die sie vom Leben trennt, scheint unüberbrückbar. Es ist die vollkommene Isolation, die durch das alltägliche Leben hindurch bestehen bleibt.
In diesem Film geht es nicht um die „Generation Praktikum“, es geht nicht um die Auswirkungen der Globalisierung und der Wirtschaftskrise. Zwar ist Émonds Film nicht ganz unpolitisch – er setzt sich peripher auch mit den separatistischen Tendenzen im Québec auseinander –, aber das „eigene Land“, von dem Clara spricht, ist jederzeit und unbedingt auch metaphorisch zu verstehen. Was hier abgehandelt wird, ist grundlegend. Es ist die pure, existenzielle (und existenzialistische) Problematik eines Daseins, das sich der Welt fremd fühlt. Es ist der unartikulierbare, aber dringende Wunsch, gerettet zu werden, vor etwas, das seinerseits unbestimmbar bleibt. Es ist die teuflische Lethargie trüber Tage, die aus der Empfindung einer radikalen Handlungsunfähigkeit erwächst. In Einstellungen von teilweise über 10 Minuten Länge reden Clara und Nicolaï. Doch ein Dialog findet nicht statt. Es sind Monologe, die die beiden halten; und dass diese an sich theatralen Szenen von den Möglichkeiten des Films profitieren, liegt an Catherine de Léan und Dimitri Storoge, den beiden Schauspielern. Beide öffnen sich der schonungslosen Nähe der Kamera, gehen bis an die Grenzen des Darstellbaren. Finden und retten können sich Clara und Nicolaï nicht, aber für eine Nacht eint sie die Einsamkeit. Eva Mackensen