Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Am Abgrund

Es kommt hier nur auf einen an. Foto: Hofer Filmtage

Wann immer in den letzten Jahren für einen französischen Film die Rolle eines geborenen Verlierers im alltäglichen Kampf ums Überleben, eines Mannes, dem alle Perspektiven geraubt werden und der jeden Halt zu verlieren droht, besetzt werden musste, dann kam kein Regisseur an Jean-Pierre Darroussin vorbei. Darroussins Figuren sind unglücklich, neurotisch, einsam, oft auch arbeitslos oder alkoholabhängig, vergeblich kämpfen sie gegen das Schicksal an. Die physische Erscheinung des Schauspielers, der fast kahle Kopf, die großen Ohren, die nach unten gezogenen Mundwinkel und – als markantestes Merkmal – die traurigen Hundeaugen, vollbringen ein übriges.

Und doch ist da immer wieder diese unauslöschliche Würde des kleinen Mannes, die Darroussin in sein Spiel mit hineinbringt. So wie zuletzt in „Le Havre“, wo er als Kommissar zunächst unberührt von den Problemen anderer scheint, dann aber den Plan unterstützt, einen kleinen afrikanischen Flüchtling nach England zu schmuggeln.  Selten einmal erlebt er Augenblicke des Glücks so wie in Cédric Klapischs „Un Air de Famille“, wo er als Barmann mit der unglücklich verheirateten Schwägerin seines Chefs tanzt und bei beiden ein kurzer Moment der ungetrübten Freude in ihren trostlosen Leben besteht. Häufiger stehen Darroussins Figuren vor den Trümmern ihrer Existenz, so etwa der Versicherungsagent in Cédric Kahns „Nächtliche Irrfahrt“, dessen Frau verschwindet. Wenn er immer wieder die Nummern von den Orten wählt, an denen sie sich aufhalten könnte, macht Darroussin die zunehmend panische Angst des Mannes eindrucksvoll spürbar.

Auch in Jean-Marc Moutouts „De Bon Matin“, der auf den Hofer Filmtagen seine Deutschlandpremiere feierte, spielt Darroussin wieder einen Mann am Abgrund seiner Existenz. Es ist der bislang beste Auftritt seiner Karriere. Paul Wertret heißt seine Figur in diesem Film, ein etwa 50-jähriger Kundenberater einer Bank, unauffällig, aber wegen seiner Zuverlässigkeit von Mitarbeitern und Kunden geschätzt. Am Anfang des Films sieht man, wie Paul sich für die Arbeit fertig macht, als wäre es ein ganz normaler Morgen: Er zieht Anzug und Krawatte an, küsst seine schlafende Frau, geht mit seiner Aktentasche aus dem Haus, nimmt den Bus zu einem Bürogebäude und fährt in das Stockwerk hinauf, in dem die Bank residiert, in der er seit dreißig Jahren arbeitet. Erst hier zeigt sich, dass es für ihn keineswegs ein ganz gewöhnlicher Tag ist. Paul entnimmt seiner Aktentasche eine Pistole und erschießt zwei seiner Vorgesetzten. Dann begibt er sich wortlos an seinen Arbeitsplatz, legt die Pistole neben sich und wartet auf das Eintreffen der Polizei.

Nach dieser Eröffnung zeigt Moutout, dessen Film auf einer wahren Begebenheit beruht, was Paul zu seiner Tat getrieben hat. Es ist die Geschichte eines beruflichen Abstiegs, der seinen Anfang nimmt, als Pauls Bank durch die Finanzkrise in Schwierigkeiten gerät. Das soll den Kunden nach dem Willen der Chefs möglichst verborgen werden, eine Taktik, gegen die Paul Einspruch erhebt. Fortan gilt er als Problemfall, ihm wird ein Großteil seiner bisherigen Aufträge entzogen, und er muss die undankbare Arbeit übernehmen, einen Bericht über die finanzielle Lage der Bank zu erstellen. Es kommt zu Entlassungen, für die Paul die Schuld bekommt, was ihn auch innerhalb seiner Kollegen isoliert. Auch zuhause gewinnt er keinen neuen Rückhalt: Für den Sohn ist er ein Versager, für seine Frau ein Duckmäuser, der nur noch die Zeit bis zu seiner Pensionierung abarbeiten will. Beklemmend in ihrer Unausweichlichkeit nimmt Pauls Tragödie ihren Lauf.

Moutout inszeniert den Film als ungeheuer stilles Drama, in dem fast keine Filmmusik und auch sonst kaum ein lautes Geräusch zu hören ist. Die soziale Kälte im Inneren der Bank findet sich in den Filmbildern wieder, in denen Grau- und Blautöne dominieren. Pauls Isolation wirkt umso inhumaner, da seine Chefs keineswegs als Monster erscheinen und man ihren Versicherungen, dass sie persönlich gar nichts gegen ihn hätten und nur die Umstände sie zu ihrem Verhalten zwängen, durchaus glauben kann. Jean-Pierre Darroussin verleiht Paul Wertret eine anfangs kraftvolle Persönlichkeit, die langsam zusammenbricht, und trotz der durchweg ausgezeichneten Darsteller ist er das unumstrittene Zentrum des Films. Seine Versuche, mit seinen Freunden in der Bank oder mit seinem Sohn zu kommunizieren, gleichen zunehmend Verzweiflungstaten, da Paul seine wahren Gefühle verbirgt. Einem Psychiater erklärt er: „Mir ist die ganze Zeit nach Weinen zumute.“ Aber er weint nicht. Nur einmal scheint er kurz vor dem Eingeständnis seiner Qualen zu stehen: Eines Nachts ruft er einen früheren Freund an, mit dem er 26 Jahre nicht gesprochen hat und bittet ihn um Entschuldigung dafür, dass er damals das Ende ihrer Freundschaft herbeiführte. Darroussins Gesicht ist in dieser Szene nur im Halbschatten zu sehen, doch in seinen behutsam gesprochenen Worten steckt eine schier unglaubliche Traurigkeit. Dann legt er auf. Wieder hat das Reden nicht geholfen. Marius Nobach

 

Schreibe einen Kommentar

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.

Subscribe to this comment feed via RSS