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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Im Zweifel gegen Willy Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marius Nobach  am  9. November 2011

Rhys Ifans als der bessere Shakespeare. Foto: Sony Pictures

Wenn Roland Emmerich etwas kaputt macht, macht er keine halben Sachen. Ob New York, Amerika oder die ganze Welt, nichts ist vor ihm sicher. Und auch wenn der passionierte Zerstörer in seinem neuesten Film „Anonymus“ die Welt verschont, hat er einen adäquaten Ersatz gefunden: den Mythos William Shakespeare. Bei Emmerich hat der Mann aus Stratford nicht nur kein einziges seiner Werke selbst geschrieben, sondern ist vielmehr ein geldgieriger Betrüger und Erpresser, miserabler Schmierenkomödiant, eingebildeter Lackaffe, Analphabet, Trunkenbold, Hurenbock und mutmaßlicher Mörder seines Kollegen Christopher Marlowe.

Wer derart mit Schlamm wirft, braucht eine Absicherung: Daher lässt Emmerich am Anfang von „Anonymus“ einen Leumundszeugen ins Scheinwerferlicht auf einer Theaterbühne treten. Einen Mann mit einer Mission. Sir Derek Jacobi, der gefeierte Shakespeare-Mime, darf bei Emmerich die gleiche Funktion ausüben wie in Kenneth Branaghs „Henry V“ und mit einem Prolog in die Geschichte einführen. Leidenschaftlich spricht er von Shakespeare, dem größten Literaten aller Zeiten, und erzählt, wie wenig Fakten von diesem doch bekannt seien. Könne das mit rechten Dingen zugehen? Wie hätte der historisch greifbare Schauspieler und Sohn eines Handschuhmachers all diese Werke verfassen können, mit dem immensen Wissen, das darin enthalten ist?

Zweifel an Shakespeare sind angebracht, findet Emmerich. Selbstbewusst stellt sich der Regisseur in Interviews und einem eigens gedrehten Promotion-Video als Aufklärer dar, der sein Publikum aus einer jahrhundertealten Täuschung über Shakespeare befreien will. Was er in „Anonymus“ über die Zweifel an Shakespeares Autorschaft verrät, wird allerdings nur für die Sorte Zuschauer überraschend sein, die in „Pearl Harbor“ aus allen Wolken fielen, als plötzlich die Japaner angriffen, oder es gar nicht fassen konnten, als die Griechen in „Troja“ auf den Trick mit dem hölzernen Pferd verfielen. Emmerichs Favorit als Verfasser der Shakespeare-Stücke ist der übliche Verdächtige, Edward de Vere, 17. Earl of Oxford, der adlig sowie nachweislich Italienreisender und Verfasser mittelmäßiger Sonette war. „Lassen Sie mich Ihnen eine andere Geschichte über Shakespeare erzählen!“, ruft Sir Derek, auch er bekennender Oxfordianer, im Film den Zuschauern noch zu. Dann kann das Zerstörungswerk beginnen. Emmerich zitiert den Anfang von Laurence Oliviers „Henry V“-Verfilmung, indem er mit der Kamera von der Theaterbühne auf den eigentlichen Schauplatz seines Films schwenkt: London um 1590, ein gefährliches Pflaster, wo überall die königliche Geheimpolizei lauert und arglose Bürger beim geringsten Verdacht in den schrecklichen Tower gesperrt werden.

Der ehedem strahlende Jüngling Edward de Vere – Rhys Ifans spielt ihn als müden Misanthropen – residiert in diesen finsteren Zeiten zurückgezogen in einem abgeschiedenen Schloss. In den labyrinthartigen Gartenanlagen lassen sich trefflich Intrigen schmieden: Oxford will endlich seine gesammelten Werke aufgeführt sehen, doch das Gesetz untersagt es Adligen, für das Theater zu schreiben. Also sucht er einen Strohmann, der für ihn als Autor posieren kann. Sein Kandidat, der polternde Ben Jonson (Sebastian Armesto), zögert jedoch zu lange, und so schlägt die Stunde William Shakespeares (Rafe Spall), eines drittklassigen Schauspielers. Notgedrungen akzeptiert der Earl of Oxford Shakespeare, schließlich will er mit seinen Werken vor allem die Königin beschützen: Vanessa Redgrave gelingt in dieser Rolle nur eine blasse Kopie von Judi Denchs Glanzauftritt in „Shakespeare in Love“. Einst war die Queen die heißblütige Geliebte des Earls, doch inzwischen ist sie eine hilflose alte Frau, die immer wieder hereinfällt auf die fiesen Intrigen der bösen Cecils (David Thewlis: bärtig, Edward Hogg: bucklig). Also schreibt Oxford Stücke mit bärtigen oder buckligen Schurken, um den Umsturz herbeizuführen. Kunst ist für Emmerich ein messbare Einheit, deren Wert sich daran misst, wie gut sie zu Gewalt aufstacheln kann (oder zu Sex – funktioniert insbesondere bei der Königin).

Das Bemerkenswerteste an „Anonymus“ ist, dass Emmerich letztlich auch bei diesem Film der alten Hollywood-Maxime treu geblieben ist, mit einem Erdbeben zu starten und sich dann langsam zum Höhepunkt vorzuarbeiten. So viel Ränkeschmieden, Inzest und dramaturgisch eingesetzte Gewitter gab es selten in einem Kostümfilm zu sehen. Wenn schon Intrige, dann satt, selbst wenn der Film bald wie die 5346. Folge von „Verbotene Liebe“ wirkt. Immerhin ist „Anonymus“ Literaturwissenschaftlern zu empfehlen, die mal wieder herzhaft lachen wollen.

Die Zweifel an Shakespeares Autorschaft, die Emmerich als revolutionäre Erkenntnisse verkauft, gehören freilich seit langem zu den großen Kuriositäten am Rande der Literaturgeschichte. Nachdem Shakespeare 1616 starb, vergingen fast 200 Jahre, in denen die Meinungen über ihn schwankten, kein Mensch jedoch auf die Idee kam, an ihm als Urheber seiner Stücke zu zweifeln. Erst Ende des 18. Jahrhunderts entstand der Kult um Shakespeare, eine Folge der gänzlich neuen Vorstellung, dass jene Schriftsteller am bedeutendsten seien, die etwas völlig Neues erschüfen. Shakespeare, der geflissentlich alle Regeln der aristotelischen Dramaturgie missachtete und sorglos mehr als 1700 neue englische Wörter erfand, war fortan kein Dilettant mehr, sondern ein Held. Doch das neue Interesse an Autoren und der Versuch, so viel wie möglich über sie zu erfahren, wurden Shakespeare zum Verhängnis. Er hatte versäumt, jenseits seines Werks Spuren zu hinterlassen, welche die langen Jahre der allgemeinen Gleichgültigkeit gegenüber Schriftstellern, die Herrschaft der theaterfeindlichen Puritaner, den Großen Brand von London und annähernd zwei Jahrhunderte hätten überdauern können. Eine unverzeihliche Nachlässigkeit.

Wenn Shakespeare vorerst noch unangegriffen blieb, so lag das an der Vorstellung vom Originalgenie. Doch auch sie wurde problematisch, als das 19. Jahrhundert sich der Aufklärung bemächtigte und ihre Aussagen trivialisierte. Auf einmal hieß es, Genies seien ja schön und gut, doch müsse bitteschön jeder ihrer genialen Einfälle auch für kleinere geistige Leuchten nachvollziehbar sein. Der Barde aus Stratford-upon-Avon spielte da nicht mit, sein Genie war mit rationalen Mitteln nicht zu erklären. Kurz entschlossen suchten die Anhänger seiner Werke sich einen Ersatz, der eher ihrem Bild von einem genialen Autor entsprach. Dabei bedienten sie sich Methoden, die seriöse Literaturwissenschaftler tunlichst vermeiden: Vom Leben eines Schriftstellers darauf zu schließen, wie seine Werke sein müssten. Und umgekehrt.

Im Laufe der Zeit schmückten die Anti-Stratfordianer den Autor, den sie haben wollten, immer weiter aus: Adlig und belegbar gebildet musste er ohnehin sein. Doch außerdem sollte er auch in einer schönen Handschrift Berge von privaten Notizen für die Nachwelt verfasst haben, viel gereist sein, großzügig sein Genie an die Familie weitergegeben haben – und bei all dem unerhört sympathisch geblieben sein. Nach den Versuchen mit Francis Bacon (intelligent und gebildet, aber irgendwie kein echter Dramatiker), Christopher Marlowe (gebildet und Dramatiker, aber dummerweise viel zu früh verstorben) und etwa 70 anderen Zeitgenossen – fand man endlich in Oxford den idealen Kandidaten.

Wenn zerstören, dann richtig. Roland Emmerich hat Shakespeare von der Bühne geschubst und sonnt sich dort nun selbst im Lichte Nietzsches. Foto: Sony Pictures

Als jüngste Anhänger der Theorie verweisen Emmerich und sein Drehbuchautor John Orloff gerne auf prominenten Beistand, um ihre Seriosität zu untermauern. Schaut man sich die angebliche Masse von berühmten Zweiflern an Shakespeare allerdings genauer an, kommt man auf lediglich zehn bis zwölf Schauspieler und etwa genauso viele bekannte Schriftsteller, einige aristokratisch eingestellte Politiker (Bismarck, DeGaulle, Disraeli), eine Handvoll amerikanischer Bundesrichter, ein paar Journalisten und Akademiker (allerdings keinen einzigen bedeutenden Literaturwissenschaftler) sowie zwei Geistesgrößen mit eigenwilliger Weltanschauung (Nietzsche und Freud). Eine überschaubare, aber dennoch illustre Gesellschaft, als deren Mitglied sich Roland Emmerich stolz präsentiert. Ist ja auch attraktiver, als sich auf die eigentlichen Urheber alternativer Autorschaftstheorien zu beziehen. Menschen wie die Schriftstellerin Delia Bacon, die von Amerika aus entschied, Shakespeares Werke müssten notwendig von ihrem Namensvetter Francis Bacon geschrieben worden sein. Oder wie J. Thomas Looney, jener Provinz-Schullehrer, der 1920 zum ersten Oxfordianer wurde.

Dass die Autorschaftsdebatte in den letzten zehn Jahren wieder neue Impulse erhielt, zahlreiche neue Kandidaten präsentiert und alte wieder aufgegriffen wurden, ist nicht verwunderlich. Verschwörungstheorien gedeihen prächtig in Zeiten gesellschaftlicher Krisen. Das eigentlich Interessante an dieser Diskussion ist die Heftigkeit, mit der sie mitunter geführt wird. So stilisieren sich die Anti-Stratfordianer zu Verfolgten, die ständig kurz davorstehen, sich für den Rest ihres Lebens an geheimen Orten verstecken zu müssen, um nicht den fundamentalistischen Stratfordianern – furchtbar sind sie in ihrem Zorn – in die Hände zu fallen. Auf der anderen Seite schießen aber auch die Stratfordianer bisweilen weit übers Ziel hinaus, wenn etwa der Harvard-Professor Stephen Greenblatt die Vertreter der Verschwörungstheorien wissenschaftlich in die Nähe von Kreationisten und moralisch gar in die von Holocaust-Legnern rückt.

Angesichts dieser maßlosen Übertreibungen fragt man sich: Gibt es nicht Wichtigeres, als den Streit über eine Person zu führen, die seit fast 400 Jahren nicht mehr am Leben ist? Wer profitiert wirklich davon, wenn Shakespeares Ehre verteidigt wird oder einem der anderen 70 Kandidaten die Autorschaft zugesprochen wird? Im Beharren auf ihren Positionen enthüllt sich das gemeinsame Dilemma aller Beteiligten: Bei einer derart dünnen Faktenlage kann jeder angebliche Beweis für oder gegen Shakespeare als unzureichend abgetan werden. So wird die Debatte wohl noch lange unergiebig weitergeführt werden, bis endlich jemand die Zeitmaschine erfindet und eine sichere Verifizierung des Autors möglich macht.

Derweil widerfährt Shakespeare durch die vehementen Zweifel an ihm im Grunde eine sehr spezielle Form der Ehrerbietung. Vielleicht haben die Anti-Stratfordianer ja insofern recht, als unbedingt noch mehr Schriftsteller hinterfragt werden müssten? Was ist zum Beispiel mit Goethe? Hat er wirklich sein ganzes Werk selbst geschrieben? Vielleicht stammt zumindest „Faust II“ ja in Wahrheit von seinem Sekretär Johann Peter Eckermann. Das würde jedenfalls Goethes überschwängliche, für viele unerklärliche Dankesbekundungen nachvollziehbar machen. Und was ist mit diesem Proust? Soll man glauben, dass dieser Mann jahrelang ein Leben als Salonlöwe führt, sich dann aber mit Mitte 30 plötzlich ins stille Kämmerlein zurückzieht und mal eben einen vieltausendseitigen Roman schreibt? Ach komm! Manche glauben auch alles! Marius Nobach

 

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