Afrikanischer Tanz – das weckt beim unbescholtenen Mitteleuropäer Assoziationen von lebensfrohen Schwarzen, die sich in Baströcken zu Trommelklängen drehen. Urtümlich und traditionell, so mag man seine Afrikaner. Derartige Vorstellungen gehen an der Vielfalt und Modernität afrikanischer Lebenswelten natürlich genauso weit vorbei wie die Reduktion deutscher Kultur auf schuhplapptlernde Lederhosenträger. Aber desto weniger man über eine Kultur weiß, desto exotischer imaginiert man sie sich – und desto einfacher fällt das Denken in Abziehbildern gängiger Klischees. Dabei ist schon die Rede von einer „afrikanischen Kultur“ fragwürdig in Anbetracht eines Kontinentes mit mehr als 50 Staaten und mehr als 2000 Sprachen. Noch fragwürdiger ist aber die Reduzierung dieser Kulturen auf ihre Stammestraditionen, so als lebe „Der Afrikaner“ noch immer in Wüsten und Steppen, wo er in farbenfroher Tracht unablässig seinen Stammestänzen frönt. Aber neben dem bunten Afrika der Erlebnisparks und den Armutsbildern der TV-Dokus gibt es auch zwischen Tunis und Port Elisabeth ein zeitgenössisches und modernes kulturelles Leben. Und wenn Kunst stets auch durch ihre jeweilige Tradition gespeist wird, muss sie nicht in dieser erstarren.
Und so existiert auch in vielen Teilen Afrikas eine Kultur des zeitgenössischen Tanzes, innerhalb derer sich die Choreografen eher an internationalen Entwicklungen orientieren als an dem, was man gerne als afrikanischen Tanz begreifen würde; nämlich irgendetwas zwischen authentischer Stammestradition und disneyhafter Buntheit in bester König-der-Löwen-Manier. Um die Akteure der zeitgenössischen Choreografie afrikanischer Provenienz zusammenzubringen, findet alle zwei Jahre an wechselnden Orten das Festival „Danse l’Afrique danse“ statt, zuletzt 2010 in Bamako in Mali. Die Gewinner des Wettbewerbs, der Solotänzer Junior Zalafialison aus Madagaskar und die Ensembles von Florent Mahoukou (Kongo) und Horacio Macuácua (Mosambik), erhielten die Möglichkeit zu einer Welttournee. Die deutsche Erstaufführung der aktuellen Preisträger-Tournee von „Danse l’Afrique danse!“ fand im Düsseldorfer Tanzhaus NRW statt.
Auf dem schwarzen Bühnegrund reihen sich Blätter von Knoblauchknollen in parallelen Linien. „Ail? Aïe! Aïe!“ (Knoblauch? Hilfe! Hilfe!) ist der Titel des Solo-Stückes des jungen madagassischen Tänzers Junior Zafialison. Mit entblößtem Oberkörper sitzt er am Boden. Geduldig zerstampft er eine Knoblauchzehe im Mörser. Mit den Füßen ahmt er die festen rhythmischen Stöße seiner Hände nach. Es ist ein nahezu bukolischer Anblick, der romantisierte Bilder südstaatlicher Baumwollfelder evoziert und damit gleichzeitig verklärend wie anklagend wirkt. Dazu singt Zafialison mit brüchiger Stimme: „Jesus loves me that’s for sure“. Wüsste man es nicht besser, man könnte es für ein Negro-Spiritual halten und nicht für ein Lied des Schwestern-Duos CocoRosie. Die zusammengesunkene Haltung des einsamen Tänzers täuscht nur vordergründig darüber hinweg, dass die Anklage weißer christlicher Heuchelei noch verstärkt wird, wenn eine schwarze Stimme Textzeilen singt wie „Jesus loves me, but not my wife – not my nigger friends and their nigger lives“. In einem Mix aus nahezu klassischen Ballettposen, modernen Einlagen und artistischen Sprüngen wirbelt Zafialison über die Bühne, spinnt die Mörser-Bewegung fort, begleitet von der krächzenden Originalaufnahme CocoRosies.
Fragen nach Identität und Geschlecht, aber auch nach Evolution und Gewalt prägen das Stück „Oroboy, Stop!“ (etwa: Gedanken, stoppt!) des mosambikanischen Choreografen Horacio Macuácua. In Frauenkleidern und aggressiver Pose bewegen sich zwei männlichen Tänzer aufeinander zu. Neben den spaßigen Effekten verzerrter Grimassen, in deren weit aufgerissenen Münder weiße Zähne die schwarzen Gesichtern kontrastieren, kommt es immer wieder zu Eruptionen der Gewalt. Etwa, wenn die einzige Tänzerin beginnt das Publikum in mehreren Sprachen zu begrüßen und von ihrem Tanzpartner brutal weggestoßen wird. Doch steckt sie in dieser Aggressivität nicht zurück, und so schaukelt sich die Ansprache hoch zu einem energiegeladenem Quergerempel. Daneben treten Szenen elegischer Schönheit, in denen die Darsteller deutlich Flamenco-inspirierte Figuren tanzen. Von verstörender Anmut ist der Anblick, wenn einer der Männer, auf dem Rücken eine Pappmachéfigur – irgendwo zwischen mexikanischer Heiliger und afrikanischer Muttergöttin – janusköpfige Kreisel vollführt. Daneben steht die plumpe Affigkeit der Evolution, die durch Primatenmasken und geduckte Gangart vorgeführt wird.
Ist es ein Geist, ein Dämon, ein Marginalisierter? Stets randständig tanzt eine einzelne Figur in Florent Mahoukous „On the Steps“. Die hohen Lederstiefel trägt er offen, sie erzeugen ein bedrohliches Klappern. Die Beine nackt, den Oberkörper bedeckt ein langes Hemd, einem Kaftan gleich. Vor dem weißen Bühnenraum bewegen sich die vier anderen Tänzer in hipper Garderobe und zeigen eine Bestandsaufnahme kongolesischer Realität. Zu treibenden Electro-Beats vollführen sie eine enthemmte Party, in der sich immer wieder Paarbeziehungen bilden, während der spielerische Hatzjagden stattfinden, die aber schnell umschlagen in Gesten der Gewalt. Diese fallen deutlich drastischer aus, als es noch in „Oroboy, Stop!“ der Fall war. Der hedonistische Tanz der drei Männer und der einen Frau schlägt immer wieder um in Bedrohung und antizipierte Sexualität. Bis zum vollständigen Stillstand. Nur ein einzelner Tänzer bewegt sich, formt die Posen seiner Partner, als seien es Puppen, lässt sie in Bewegungen verharren, deren Brutalität ebenso offensichtlich wie ungreifbar ist. Dann entlädt sich wieder alles im Elektrogewitter, und zwischen den Vieren taucht wieder der Andere auf. Beständig tanzt er seinen einsam-ekstatischen Tanz. Es endet, wie es begann. An den Armen wird die Frau hinfort gezerrte, kehlig singt sie in einer afrikanischen Sprache, unverständlich und leidvoll.
Nichts ist afrikanisches Klischee an diesem Abend. Einzig der kehlige Klang der Sängerstimmen und die wenigen Sätze in afrikanischen Sprachen einigen die Fremdheit der Stücke. Ansonsten zeigt „Danse l’Afrique danse“ drei beeindruckende und selbstbewusste Performances zeitgenössischen Tanzes, in deren Thematik und Aussage immer wieder Tradition und Herkunft aufblitzen, ohne sich in diesen zu ergehen. Peter Sich