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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Festival der Filmhochschulen – Kurzkritiken – 17./18.11. Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Lena Kettner  am  19. November 2011

Clancy möchte einfach nur dazugehören; Foto: IFFH

Gerührt sitzt Clancys Mutter am chinesischen Neujahrsfest vor dem Fernsehen, fernab der  Heimat. Ein buntes Spektakel mit tanzenden Löwen und roten Knallkörpern, mehr sehen die Australier nicht in diesem für die Chinesen so bedeutsamen Feiertag. Dieses Land und seine Menschen sind Clancys Mutter fremd, deswegen vergewissert sie ihrer weinenden Mutter am Telefon, dass sie sich in Australien nur mit ihren eigenen Landsleuten umgebe. Ihren zehnjährigen Sohn Clancy würde sie am liebsten zu einem „All-Chinese boy“ machen. Doch Clancy möchte weder die chinesische Schule am Wochenende besuchen noch seine Muttersprache sprechen. Er will einfach nur dazugehören. Vor allem zu den coolen Jungs an seiner Schule, die ihn im Pausenhof kaum beachten. Und wie soll sich das jemals ändern, wenn er es nicht einmal fertig bringt, seine gestohlenen roten Knallkörper vor den Klassenkameraden zu zünden. Die „Wonderboy“-Knallkörper sind nämlich – wen wundert‘s – „Made in China“. Die in Taiwan geborene australische Regisseurin Corrie Chen kennt das Gefühl der Zerrissenheit zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen, das sie in ihrem Film „Wonderboy“ auf humorvoll-unsentimentale Art und Weise zum Thema macht. Beispielsweise, indem Clancy zusammen mit den anderen Kindern in der chinesischen Schule das populäre englische Kinderlied „Twinkle Twinkle, Little Star“ anstimmen lässt. Bald wird Clancy verstehen, dass es ein Privileg ist, ein Teil beider Kulturen zu sein. Lena Kettner

 

In der Zukunft nichts Neues. So knapp lassen sich Inhalt und Wirkung von “Karyukai.Inc”, dem einzigen indischen Beitrag auf dem Internationalen Festival der Filmhochschulen, zusammenfassen.  Die Menschen leben so isoliert, dass sie verlernt haben, miteinander zu kommunizieren und Gefühle zu äußern. Gut, dass es die Möglichkeit gibt, sich sein eigenes PSM machen zu lassen. Das Personalized Soul Mate, das wie ein Mensch aussieht, das komplett nach eigenen Wünschen gestaltet wird und das auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt ist. Die Idee an sich bietet schon wenig Neues, doch leider macht der Film selbst daraus noch zu wenig. Lanche, die männliche Hauptfigur, bleibt zu oberflächlich, um die Gesellschaft der Zukunft für den Zuschauer nachvollziehbar zu repräsentieren. Er sitzt den Film über auf einer Couch und gibt seine Bestellung für sein PSM auf – in einigen wenigen, sehr konstruiert wirkenden Dialogen mit der Protokollantin versucht der indische Regisseur Dominic M. Sangma Anspielungen auf die Zeit und die Gesellschaft der Zukunft unterzubringen. „Sie schreiben mit der Hand“, bemerkt Lanche verwundert, „die Leute schreiben nicht mehr.“ Leider bleiben diese Anspielungen zu vage beziehungsweise kommen zu kurz und so ergibt sich auch kein klares Bild davon, wie sich der Filmemacher die Zukunft nun genau vorstellt. So bleibt das Interessanteste an dem Werk die Sprache, Garo. Sangmas Film ist der erste, der je in dieser sino-tibetischen Sprache gedreht wurde. Pierre Jarawan

 

Im Zweifel gegen den Angeklagten; Foto: IFFH

Der Kurzfilm „Rausch“ beginnt wie eine gewöhnliche Polizeiserie: zwei gelangweilte Zivilfahnder sind auf Streife und überwältigen in lässiger Manier auf ihrer nächtlichen Patrouille einen schwarzafrikanischen Drogendealer auf der Straße. Nachdem sie ihn auf der Wache abgeliefert haben, ist die Lösung des Falls für den erfahrenen Polizisten Wolf und seinen jungen Kollegen Tito ganz einfach. Die beiden könnten längst schon wieder auf Verbrecherjagd sein, wenn der Schwarzafrikaner einfach die Drogen erbrechen würde, die er laut Tito kurz vor seiner Festnahme aus Angst vor den Zivilfahndern heruntergeschluckt hat. Während sie noch locker mit der Beweissicherungsärztin Dr. Angelika Thoma über deren letzten Urlaub plaudern, versucht diese mehrere Male ohne Erfolg, dem schwarzen Mann eine Flüssigkeit zu verabreichen, die ihm helfen soll, sich schneller zu übergeben. Schließlich führt sie eine Zwangsmaßnahme durch, versucht mithilfe eines Schlauches, dem Schwarzafrikaner das Abführmittel durch die Nase einzuflößen. Eine Prozedur, die in Deutschland tatsächlich erst seit 2006 verboten ist. „Warum fängt der nicht im Zirkus an? Ich meine: Mal ehrlich, der könnte doch irgendwelche Bälle runterschlucken, oder was?“ Es sind Sätze der Polizisten wie diese, die sich einbrennen und die einen schockierenden Blick in das Innere einer Behörde gewähren, deren Mitarbeiter ihre Macht auf unfassbare grausame Art und Weise missbrauchen. Verena Jahnke von der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg ist mit „Rausch“ ein Film gelungen, der den Zuschauer durch seine ungeschönte Darstellung in die Rolle eines Beteiligten zwingt. Ein klaustrophobisches Kammerspiel, in dem drei Menschen über das Schicksal eines Mannes entscheiden, der im Laufe seines Martyriums jeglicher Freiheit und Menschenwürde beraubt wird. Jahnkes Film bezieht sich auf zwei reale Fälle in Deutschland, von denen einer nicht einmal vor Gericht verhandelt wurde.

Plötzlich ist sich Tito nicht mehr so sicher, ob der böse schwarze Mann die Drogen tatsächlich geschluckt hat. Es gibt unerwartete Komplikationen im Behandlungsraum, der Mann atmet nicht mehr. Erst da wird sich die Ärztin ihrer lebensgefährlichen Maßnahme bewusst und bricht die Prozedur ab – doch jede Hilfe für ihren Patienten kommt zu spät. Schnell noch ein Protokoll geschrieben und einen Stempel drauf, dann kann dieser Fall abgehakt werden. Die Bilder in ihrem Kopf können seine Peiniger dadurch jedoch nicht loswerden. Lena Kettner

 

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