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Das kleine Wörtchen oder Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Hanna Pfaffenwimmer  am  1. Dezember 2011

Mehr braucht Theater nicht. Foto: Spielart

Das kleine Wörtchen „oder“ kann die Welt verändern. Zumindest wenn es nach Claire Marshall und Richard Lowdon geht. Die beiden sind die Darsteller in „Tomorrow’s Parties“, der neusten Forced-Entertainment-Produktion, die nun erstmals in München zu sehen war.

Der Abend ist ein Was-wäre-wenn-Spiel für zwei Teilnehmer. Ein Mann und eine Frau stehen auf einer einfachen Holzkiste und versuchen sich 80 Minuten lang mit Zukunftsvisionen zu übertrumpfen. Jeder ihrer Sätze beginnt mit „Or…in the future“, ein verbaler Wettbewerb, durchgeführt in klarstem britischen Englisch. Die Idee ist genial, die Umsetzung simpel. Bis auf eine Lichterkette, die den Bühnenraum eingrenzt, ist da nichts, was den beiden bei der Imagination helfen würde. Diese Inszenierung kommt ohne Requisiten oder Bühneneffekte aus. Es sind die offensichtlich phantastischen Monologe, welche die Aufführung zu einem Meisterwerk des kreativen Minimalismus machen.

Marshall und Lowdon sind ein eingespieltes Team, nie fallen sie sich ins Wort, gegen die Statik ihrer Position agieren sie mit dynamischer Sprachgestaltung. Obwohl nicht viel auf der Bühne passiert, könnte man ihnen ewig zuhören, wenn sie ihre Prognosen anstellen. So spekulieren sie etwa auf eine Zukunft, in der Schwerverbrecher als Strafe lebenslang Teleshopping moderieren müssen, Babys per Expresspost ankommen, um den Eltern Zeit zu sparen, Pillen existieren, die Aggressionen nur am Wochenende aufkeimen lassen, Kriege saisonal begrenzt sind, alle Menschen im selben Körper wohnen oder Sexualität nur noch von alten Menschen ausgelebt werden darf.

Forced Entertainment zählt zu Recht zu den Pionieren des britischen Avantgarde-Theaters, ihre Kunst ist das Theater als gemeinschaftlicher Prozess. Kein Drama liegt ihren Arbeiten zu Grunde, sondern Improvisation und Diskussion, erprobt am Experimentierfeld der jeweiligen Theaterhäuser. Mit verspielten, intimen Performances lehnen sie sich gegen die Konventionen des Theaters auf, ihr Interesse gilt den Mechanismen von Texten und der Reaktion des Publikums. So ein lebendiger Theaterabend, in dem die Reaktionsfähigkeit der Beteiligten auf dem Prüfstand steht, ist auch „Tomorrow’s Parties“.

Während sich Lowdon eher die optimistischen, witzigen Zustände erhofft, sind die Visionen von Marshall ernsterer Natur: Was wäre zum Beispiel, wenn in der Zukunft Leben nur noch auf anderen Sternen möglich wäre, man Heimweh nach der Erde hätte und das Universum langsam schrumpfen würde? Oder noch schlimmer, wenn alles so bleibt wie es ist.

Mehrmals bekommt man während der Inszenierung den Eindruck, dass die beiden Schauspieler ihr vorgegebenes Textkonstrukt zurücklassen und zu improvisieren beginnen. Meist ist es Lowdon, der die Initiative zur Gestaltungsfreiheit ergreift, ohne sich dabei zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Allein sparsame Gesten deuten die spontan wirkenden Einfälle an. So offeriert das Duo laufend Utopien, wenn sie von salonfähiger Sodomie, Wahlberechtigung nach Bildungsgrad, menschlichem Klonen für alle Lebenslagen oder Beziehungen zu Außerirdischen schwärmen. Der Zuschauer kann daraus seine eigenen Vorstellungen über die Nachwelt entwickeln.

Es bleibt für die Zukunft zu hoffen, dass man nicht auf solch lebendige Performances verzichten wird müssen. Hanna Pfaffenwimmer

 

 

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