Oft werde sie angesprochen auf den enormen Altersunterschied zwischen ihr und ihrem Freund, meint Brigitte. Kaum verwunderlich, schließlich liegt zwischen den beiden ein gutes halbes Jahrhundert. Aber nein, einen Vaterkomplex habe sie nicht, und die junge Frau weiß die indiskrete Frage auch stets mit einer schlüssigen Erklärung zu parieren: „Der Rolf ist doch in der Pubertät stecken geblieben.“
Peter Dörfler hat einen Dokumentarfilm gedreht über diesen Dauerpubertierenden, den in die Jahre gekommenen Playboy Rolf Eden, ein noch recht gut erhaltenes Fossil aus dem alten, längst untergegangenen West-Berlin. In „Achterbahn“ hatte sich Dörfler zuletzt der bitteren Familiengeschichte des Kirmes-Bankrotteurs Norbert Witte gewidmet: Der ehemalige Betreiber des längst verwaisten Treptower „Spreeparks“ versuchte vor einigen Jahren, durch Einnahmen aus einem Drogenschmuggel seine Schuldenlast zu tilgen. Als Bote erkor er seinen Sohn aus, die Sache flog auf, und während Witte nach wenigen Jahren wieder freikam, sitzt sein Sohn bis heute in peruanischer Haft.
Mit derart offenkundiger Tragik wird der Zuschauer in „The Big Eden“ nicht konfrontiert, dafür hat Eden eine Lebensgeschichte zu erzählen, die genügend Stoff für ein Bio-Pic von hollywoodesken Ausmaßen hergäbe. 1930 in Berlin geboren, emigrierten die Eltern mit dem jungen Rolf nach der Machtergreifung der Nazis nach Palästina. Mit achtzehn Jahren zog er für den soeben ausgerufenen Staat Israel in den Unabhängigkeitskrieg gegen die Araber. In der Einheit von Jitzhak Rabin war Eden bald für seine Furchtlosigkeit bekannt, wie seine alten israelischen Freunde, der Filmproduzent Menachem Golan oder der Schriftsteller Yoram Kaniuk, noch heute mit goldenen Augen berichten. Doch bereits damals galt Edens Interesse vornehmlich den Frauen. Bald wurde er zum ersten Mal Vater.
Nach dem Krieg ging er zunächst nach Paris, wo er sich als Musiker durchschlug, um schließlich wieder in seiner Geburtsstadt zu landen. Im West-Berlin der fünfziger Jahre eröffnete er mit dem „Old Eden“ seine erste Diskothek und gelangte bald ans große Geld – der entsprechende Ruhm wurde Rolf Eden aber erst durch seine Rolle als Playboy zuteil.
Sieben Kinder hat Eden, von sieben Frauen, versteht sich, manche Enkel sind viel älter als ihre Onkel und Tanten. Reflektiert erzählen seine Kinder, ausnahmslos Gegenentwürfe zum Vater, von der Last der Verwandtschaft mit dem Mann, der jeden Morgen die Zeitungen nach Fotos von sich durchsucht und die Wahl zum peinlichsten Berliner als Auszeichnung begreift. Nüchtern, aber ohne Bitterkeit berichten die Mütter von Edens Kindern davon, wie er die Nachricht von ihrer Schwangerschaft aufnahm: Wenn sie die Kinder haben wollten, sei das eine schöne Sache, doch müssten sie selbst damit zurechtkommen. Bevor er die Vaterschaft anerkannte und seine Kinder finanziell großzügig unterstützte, ließ er die familiären Bande jeweils mittels eines Bluttests überprüfen. Gleichermaßen misstrauisch gibt sich Rolf Eden auch vor der Kamera. Bei all den ausweichenden Harte-Männer-Floskelantworten, all der mit Bademänteln und Strandaufnahmen zur Schau gestellten Intimität lässt Rolf Eden nie einen Zweifel daran, dass er eben kein Exhibitionist ist, wie er immer wieder behauptet – jedenfalls sein Seelenleben entblößt er eben nicht. Zu seiner Berufung als Playboy gehört Entertainment schlicht dazu, und diese Rolle sollte man stets mitdenken, wenn man ihn etwa pauschal über Prostituierte sagen hört, dass diese doch lediglich ihr Vergnügen zum Beruf machten.
Mit manch ehemaliger Geliebter wie Ursula Buchfellner ist der gealterte Playboy noch freundschaftlich verbunden. „Ich glaube, der Rolf hat mich ausgesucht, weil ich seinem Idealbild einer Frau entspreche – entsprach“, stellt die längst aus dem Eden‘schen Beuteschema Gefallene schließlich fest. Jemand, der sich selbst liebt, der sich mit Menschen nur umgibt, damit sie ihn unterhalten, nicht herzlos zwar, doch ganz ohne Sinn für die traurigen Dinge des Lebens, einzig darauf bedacht, jede verbleibende Sekunde zu genießen. Als Yoram Kaniuk ihm vor einigen Jahren mitteilte, er habe Krebs, wollte Rolf Eden nichts von der Krankheit hören, überwies seinem Freund aber prompt Geld und rettete ihm dadurch das Leben.
Ob Rolf Eden in Dörflers Film nun bloßgestellt wird, ist eine müßige Frage, die man ebenso gut bejahen wie verneinen kann. Wo der Playboy sich selbst kompromittiert, hält Dörfler drauf, ansonsten vermeidet er die Konfrontation. Vergeblich sucht man in diesem Film trotz so vieler verflossener Liebschaften nach bösem Blut. Doch diese Blutarmut lässt den Film nie reizlos werden, denn der Regisseur merkt irgendwann, dass er an Rolf Eden scheitert, findet sich mit der Unenträtselbarkeit des Geheimnisses ab und lässt sich und den Zuschauer mit launigen Anekdoten berieseln. Und obwohl Peter Dörfler sich an seinem Protagonisten letztlich die Zähne ausbeißt, erreicht es der Film, dass man sich bei der Frage ertappt, was für ein Mensch dieser Rolf Eden wohl in Wirklichkeit sein mag – und zurückbleibt mit der Ahnung, dass in diesem Menschenverschleißer, den alle ihn Umgebenden als großzügig rühmen, auch etwas ungeheuer Grausames stecken muss. Arne Koltermann