Tropenatmosphäre empfängt das Publikum in der Schiffbau-Halle des Zürcher Schauspielhauses. Der kreisrunde Zuschauerraum wird an allen Seiten von einem Dschungel aus künstlichen Gummibäumen, Farnen, Lianen und Palmwedeln flankiert, die weit in den Saal hineinragen. Urwaldgeräusche sind zu hören. In der Mitte des Raums hat Bühnenbildner Stefan Hageneier eine Hängebrücke aus Bambus von einer Seite zur anderen gespannt, unter der, umgeben von moosigem Schaumstoff, ein Teichbecken angelegt ist, in dem eine trübe Flüssigkeit vor sich hinsuppt. Dieser Teich wird im Laufe der vierstündigen Aufführung von Tankred Dorsts “Merlin oder Das wüste Land” immer wieder geschickt genutzt werden, um Figuren daraus auftauchen zu lassen. Den Anfang macht in Christian Stückls Inszenierung die Titelfigur: Kaum hat seine Mutter ihn bei der Geburt von der Brücke aus ins Wasser plumpsen lassen, entsteigt Merlin dem Teich auch schon wieder triefend vor Wasser als erwachsener Dandy im weißen Anzug und mit gegelten Haaren. Sofort beginnt er mit der Umsetzung seines Plans, zum Wohle der Menschheit alle Ritter der Welt an einem Tisch zu vereinen – sehr zum Verdruss seines teuflischen Vaters, in Zürich eine Art Waldschrat im Trainingsanzug, der im Lauf des Abends regelmäßig am Rande des Urwalds entlang schleicht, seinen störrischen Sohn jedoch nicht zum Bösen bekehren kann.
Der Konflikt zwischen Vätern und Söhnen ist nur eines der vielen Themen, die Dorst in dem monumentalen Stück über die Artussage – eine ungekürzte Aufführung würde um die zwölf Stunden dauern – anschneidet. Das Überbordende der Vorlage mag auf Christian Stückl eher anregend als abschreckend gewirkt haben, ist Zurückhaltung für ihn doch bekanntermaßen ein Fremdwort.
Der Regisseur liebt es üppig und deftig, und so treibt er seine Schauspieler vor allem zu Anfang in einen Zustand des permanenten Aktionismus: Vor lauter Trubel, Geschrei, Verfolgungsjagden und überzogenem Spiel fällt es bisweilen schwer, der Handlung zu folgen, deren einzelne Szenen in irrwitziger Geschwindigkeit aneinander gereiht werden. Die Schauspieler jedoch haben merklich Freude an der wilden Hatz und nutzen die Gelegenheit, ihr Können zu zeigen. Das glückt vor allem dem wandlungsfähigen Merlin-Darsteller Jirka Zett virtuos, gleichgültig, ob er sich irre lachend einen Hügel hinab fallen lässt, sich mehrfach überschlägt und schließlich im Teich landet, oder sich Brüste umschnallt, um als Frau verkleidet zu prüfen, ob die Ritter gegen Versuchungen gefeit sind.
Trotz seiner Tendenz zum Klamauk beweist Stückl auch ein Gespür für die ernsteren Zwischentöne des Stücks. Vor allem Artus wird in der Verkörperung durch Lukas Holzhausen zur erstaunlich vielschichtigen Figur. Immer weiter scheint der König einzuknicken, als die Hilflosigkeit gegenüber seinem hasserfüllten Sohn Mordred und gegenüber der Affäre seiner Frau Ginevra mit Lancelot offensichtlich wird. Alles andere als ein strahlender Held, der ohne Merlin auch an die Idee einer friedlichen Gesellschaft nicht recht glauben mag und sich deshalb an das handfeste Symbol der Utopie klammern muss: Den runden Tisch, dem er regelmäßig lautstark huldigt, der für den Zuschauer aber ebenso wenig sichtbar wird wie die vielbeschworene Einheit der Tafelritter. An einem Strang ziehen sie nur, als der weltunkundige Parzival aus der Wildnis auftaucht und sie ihn gemeinsam verspotten. Die Darstellung des tumben Toren durch Nicola Fritzen ist ein weiterer schauspielerischer Bravourakt der Inszenierung: Zuerst ein agiler, bis auf einen rosa Slip nackter Spargeltarzan, der sich mit einem Affentempo fortbewegt, wandelt er sich alsbald zum blutverschmierten Ritter, der in seiner schweren Rüstung nur noch mühsam vorwärtskriecht. Ihm allein ist ein glückliches Ende beschieden, als er mit Merlins Hilfe gelernt hat, dem Leid anderer Menschen nicht länger gleichgültig gegenüber zu stehen: Gemeinsam mit der milchigweiß leuchtenden Blanchefleur entschwindet er in den Teich.
Für die Mitglieder der Tafelrunde bietet sich jedoch kein Ausweg aus dem Dickicht des Urwalds, aus dem sie kamen und das sie zu überwinden hofften. Alle Utopien scheitern, am Ende des letzten ihrer Kriege erschlagen sich die noch lebenden Ritter gegenseitig – mit pathetischen Gesten und Schwertstreichen in Zeitlupe. Ginevra, die schon die gesamte Inszenierung hindurch wie eine überirdische, schwebende Gestalt im golden glänzenden Gewand wirkte, schreitet als einzige Überlebende zu leisen Glockenspielklängen ein letztes Mal langsam über die Hängebrücke. Dann herrscht Schweigen im Walde. Marius Nobach