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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Regieren ist kein Kindergeburtstag Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marius Nobach  am  27. Dezember 2011

Drei sind mal wieder einer zu viel: Werner Wölbern, Britta Hammelstein, Stefan Konarske (v. li.). Foto: Tibor Bozi

In der aktuellen Schleierdebatte wird oft übersehen, dass die Verhüllung der Frauen nicht allein von bärtigen, konservativ-islamischen Männern gefordert wird. Viele der Betroffenen unterwerfen sich willig dem Verhüllungsdiktat, weil sie es für ein notwendiges Opfer für ihren Glauben halten und sich sagen, dass es Schlimmeres gibt, als Gesicht und Körper vor der Welt verbergen zu müssen. Britta Hammelstein spielt am Residenztheater eine solche Frau, die Königin Rhodope aus Friedrich Hebbels selten aufgeführtem „Gyges und sein Ring“. Sie trägt den traditionell verordneten, in diesem Fall goldenen Schleier mit Stolz. Da nur ihr Gatte sie unverhüllt sehen darf, erlaubt ihr der Schleier, eine distanzierte Haltung zu kultivieren, die sie dann später im Stück nicht mit ihm gemeinsam ablegen kann. Denn in Wahrheit ist Rhodopes Schleier – daran lässt die Regisseurin Nora Schlocker keinen Zweifel – nichts weiter als ein Ausdruck für das Gefängnis, in dem sie wohnt: Ein gewaltiger Silobau, den die Bühnenbildnerin Judith Rockstroh auf der Bühne errichtet hat. Mittels Drehbühne wird dem Zuschauer mal die teerschwarze Außenwand, mal die marmorhafte Innenseite präsentiert. Diesen Hort ihres Lebens der Einsamkeit kann Rhodope nie verlassen, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünscht: Als ihre Sklavinnen zu einer Feier gehen – aus dem Saal ins Foyer des Theaters, wo leise Volksfestmusik erklingt –, blickt die Königin ihnen eine Weile stumm hinterher. Dann schreitet sie langsam zurück in den Halbkreis ihres Gefängnisses, das sich zu drehen beginnt und sie wiederum vor den Augen der Welt verbirgt.

In intimen Momenten wie diesem ist die Inszenierung der jungen Regisseurin am überzeugendsten. Ihre Figuren sind stets auf der Suche nach zwischenmenschlicher Zuneigung, am allermeisten König Kandaules. Werner Wölbern spielt herausragend einen Machthaber mit fortschrittlichen Ideen, dem die traditionelle Vorstellung eines Herrschers mit harter Hand so fremd ist, dass er sie nur noch parodistisch auffassen kann: Kurz nimmt er die Haltung von jemandem ein, der mit tiefer Stimme und gekrümmten Händen bei einer Geburtstagsfeier als Kinderschreck auftritt, doch kann er diese Pose nur für Sekunden durchhalten, bevor er in Lachen ausbricht. Nicht jedem gefallen die modernen Ansichten des Königs: Von der Strenge seiner Gattin brüskiert, hält er sich lieber an Gyges, den Griechen, der zum Missfallen des Hofstaats sein bester Freund geworden ist. Bei Nora Schlocker geht das bis hin zu homoerotischen Andeutungen: Einmal sitzen die Gefährten an die Wand gelehnt da, ein Bier in der Hand, als der König seinen Gast auf den Mund küsst, woraufhin dieser dem Monarchen über die Haare streicht. Glücks- und biertrunken plant der König zum Beweis seines absoluten Vertrauens die Enthüllung seiner Frau, um Gyges deren Schönheit zu zeigen – wobei ein Zauberring, der seinen Träger unsichtbar macht, die Gefahrlosigkeit der Situation bewirken soll.

Der Plan geht tragödiengemäß schief, denn Gyges verliebt sich in die Königin, als er sie unverschleiert erblickt, und wird zum Rivalen seines Freundes. Stefan Konarske greift auf überdeutliche Mittel zurück, um Gyges’ unbehagliche Stellung als letztlich nur geduldeter Ausländer zwischen allen Fronten sichtbar zu machen: Mit fahrigen Bewegungen, zitternden Händen und einer Quengelstimme stellt er einen Zauderer dar, der selbst Hamlet wie einen blindwütigen Draufgänger wirken lässt. Die Unsicherheit des Ringmeisters reibt sich an der unerschütterlichen Kühle, mit der Britta Hammelsteins nun dauerhaft entschleierte Königin ihn zum Mord an ihrem Gatten auffordert, und er zieht den Kürzeren. Genauso wie Wölberns Kandaules, der am Ende seine Erneuerungsbemühungen aufgibt und sich doch wieder in den edlen Königsmantel hüllt, bevor er sich von seinem Freund erstechen lässt. Der wird daraufhin zum neuen Herrscher ernannt und richtet am Ende – nun doch zum Handeln, sogar zum Töten bereit – ein riesiges Königsschwert in Richtung der Feinde, die ins Land eingedrungen sind.

Auch wenn Nora Schlocker einige gute Einfälle zeigt, bleibt schleierhaft, warum die 28-Jährige ausgerechnet dieses kaum bekannte Werk von 1854 ausgegraben hat. Eine kritische Auseinandersetzung mit Hebbels konservativer Aussage, nicht an Traditionen zu rütteln, da die Ordnung sonst nur durch den Tod der Beteiligten wiederhergestellt werden kann, ist nicht erkennbar. Auch die Ansätze zur Aktualisierung, die das Stück durchaus besitzt, lässt Schlockers an der Vorlage klebende Inszenierung weitgehend ungenutzt, so dass fast die ganze Last des Abends auf dem Plot und den überzeugenden Schauspielern ruht. Und selbst die Wirkung des Bühnenbilds nutzt sich rasch ab und wird obendrein durch schwache Bebilderungen – beim Sündenfall von Gyges krachen halbe Apfelbäume auf die Bühne – vermindert. Im Endeffekt wäre es vielleicht doch besser gewesen, den Schleier des Vergessens, der über diesem Werk geruht hat, unangetastet zu lassen. Marius Nobach

 

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