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Kolonialismus reloaded Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Lena Kettner  am  30. Dezember 2011

Je näher die Probleme rücken, desto ferner fällt der Blick: Gael Garcia Bernal. Foto: Piffl Medien

Der junge Regisseur Sebastián weiß genau, was er mit diesem Historienfilm erreichen will. Ein Werk für die Ewigkeit schaffen, die Wahrheit über Christoph Kolumbus, einen der bedeutendsten Persönlichkeiten der Geschichte, entlarven. Endlich wird die Welt über dessen Gier nach Gold, über die Gewalt der spanischen Eroberer an den Ureinwohnern und den von ihnen in Gang gesetzten Sklavenhandel erfahren. Kaum ist Sebastián jedoch am Drehort in der bolivianischen Stadt Cochabamba angekommen, gibt es bereits erste Probleme. Zu viele Angehörige der indigenen Bevölkerungsgruppe, die als Laiendarsteller in seinem Film mitwirken sollen, sind zu seinem offenen Casting gekommen. Auf Drängen seines Produzenten Costa wählt Sebastián schnell einige der Indios aus, bis die Situation zu eskalieren droht und Sebastián sich dazu entschließt, ihnen allen eine Chance zu geben. Auch wenn er die wahren Beweggründe für ihre Wut zu diesem Zeitpunkt noch nicht versteht.

Denn er und sein Filmteam nehmen die Realität zunächst nur durch die heruntergelassenen Fensterscheiben ihrer Autos wahr. Der auf Erfolg gepolte Costa hat bei der Wahl des Drehorts die historischen Fakten getrost außer Acht gelassen und sich für die bolivianische Stadt Cochabamba entschieden, weil er hier zu den günstigsten Kosten produzieren kann. Dass draußen soziale Unruhen drohen, weil die Wasserversorgung der Stadt an einen ausländischen Konzern verkauft worden ist, dass die Regierung den Indios sogar untersagt, Brunnen zu bauen, in denen sie ihr eigenes Regenwasser sammeln – was kümmert es das ausländische Filmteam?

Der Film „También la lluvia“ („Und dann der Regen“) der spanischen Regisseurin Icíar Bollaín zeigt durch die Verschränkung mehrerer Erzählebenen, dass sich seit ihrer Kolonialisierung durch Christoph Kolumbus nur wenig am Umgang der weißen Bevölkerung mit den Indios geändert hat. Während in einem Film-im-Film Kolumbus’ grausamer Eroberungsfeldzug dargestellt wird, filmt eine Mitarbeiterin aus Sebastiáns Team mit einer wackeligen Handkamera das, was die Indios in Cochabamba wirklich bewegt: der Aufstand gegen die weißen Politiker des Landes. Doch Produzent Costa untersagt ihr, einen Dokumentarfilm über diesen Konflikt zu drehen, der tatsächlich im Jahre 2000 in Bolivien stattgefunden hat und damals vom bolivianischen Militär brutal niedergeschlagen worden war.

Icíar Bollaín entlarvt in „También la lluvia“ vor allem die Filmbranche in ihrem naiven Umgang mit Laiendarstellern, ihrer bewussten Ausblendung der Realität und ihrer Doppelmoral. Und das, wo sie sich doch als Befreier der Indios sieht und mit diesem Film die Geschichte neu schreiben will. Ein Team, das verliebt in die Idee ihres Films ist, aber keine Bereitschaft zeigt, die darin propagierten Tugenden wie Mut und Menschlichkeit in seinem eigenen Leben hochzuhalten. Für den verträumten Regisseur Sebastián bildet Bolivien mit seinen tropischen Wäldern lediglich eine spektakuläre Kulisse für sein Projekt. Zwar hat er ein schlechtes Gewissen, als eine Gruppe Indios auf einem Feld ein Kreuz für eine seiner wichtigsten Szenen aufrichtet, doch er bricht ihre Arbeit nicht ab. Gael Garcia Bernals Sebastián spricht weder die Sprache der Indios noch versucht er, ihre Gefühle und Ängste zu verstehen. Seine Schauspieler sind eitle Selbstdarsteller, die Bärte wie zu Kolumbus‘ Zeiten tragen und glauben, durch ihr angelesenes Wissen die Wahrheit über die durch sie verkörperten historischen Personen zu kennen. Inszeniert sich der Darsteller des Bartolomé de las Casas – ein spanischer Bischof, der im 15. Jahrhundert bekannt war für seinen Einsatz für die Rechte der Indios – in einem Moment noch als Retter der Unterdrückten, steuert er im nächsten Moment einen Flughafen an, als die Situation in Cochabamba zu bedrohlich wird.

Mehr und mehr vermischen sich mit fortschreitendem Plot Historienfilm und Realität, bis sie in der eindrücklichsten Szene des Films vollkommen ineinander aufgehen. Daniel, Sebastiáns wichtigster Laiendarstellern und Anführer des Wasseraufstands der Indios, wird innerhalb und außerhalb des Films wie Jesus zum Märtyrer. Vor dem Dreh kaufen ihn Sebastián und Costa noch schnell für 2000 $ aus dem Gefängnis frei, um ihre wichtigste Szene vollenden zu können – unter der Auflage, dass er nach Drehschluss wieder der Polizei übergeben wird. Daniel stirbt im Film den Foltertod am Kreuz und ist in der Realität den Foltermethoden eines übermächtigen Staatsapparats ausgesetzt.

Icíar Bollaín zeigt mit „Tambien la lluvia“ vor allem eines in exemplarischer Art und Weise auf: dass ein gutgemeinter Film nicht immer gut für alle Beteiligten ist. So beeindruckend ihr die Demaskierung einer verantwortungslosen Filmbranche gelingt, die sich als neue Eroberer nicht bedeutend anders verhält wie der von ihnen an den Pranger gestellte Kolumbus im 16. Jahrhundert, so schwierig ist ihr Umgang mit den eigentlichen Protagonisten des Films, den indigenen Einwohnern Boliviens. Während der Regisseur Sebastián und sein wenig sensibler Produzent durchaus ambivalent gezeichnet sind, müssen die Indio-Laiendarsteller demütig ihre Rolle der ewig Unterdrückten spielen. Dadurch wirkt „También la lluvia“ zuweilen zu lehrstückhaft, besonders weil am Ende die Lösung aller Probleme in melodramatischen Begegnungen zwischen Spaniern und Indios liegen soll. „Sebastián. Einige Dinge sind wichtiger als dein Film“, sagt der Indio Daniel einmal zu ihm. Wasser zum Beispiel. Denn Wasser ist Leben. Lena Kettner

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