
Vom Feuilleton blieb er zunächst unbeachtet, gewann jedoch den Pulitzerpreis: Paul Hardings. Foto: Gary Ottley
Stecknadeln, Schere, Zwirn, Besen, Seife, Waschtrog, Tinte, Federn, Papier, Nägel, Murmeln, Angelhaken, Teppichflicken. Das hat Howard Crosby in den zahllosen kleinen Holzschubladen seines Fuhrwerks. Er ist ein Tinker, ein Kesselflicker. Er beliefert, verkauft, repariert, bessert aus. Sein Karren klappert, rumpelt, ächzt, quietscht, knirscht, kracht, wenn er über die Straßen und Felder fährt, wenn er in die Dörfer kommt oder zu den abgelegenen Gehöften, um seine Waren feil zu bieten.
Es ist der ferne Sound einer längst versunkenen Welt, der in Paul Hardings Debütroman „Tinkers“ erklingt. Es ist vielleicht auch der Nachhall der eigenen Kindheit, der leise durch die Seiten tönt. Wie Howard Crosby stammt auch Paul Harding aus dem ländlichen Maine, an der Grenze zu Kanada. „Tinkers“ erzählt, in aller dichterischen Freiheit, die Geschichte seiner Familie. Wie Howard Crosby war auch Hardings Großvater ein Kesselflicker, wie Howard fuhr er jeden Tag, außer sonntags, mit dem Maultierkarren seine Runde.
Harding schildert in seinem Roman ein ärmliches, entbehrungsreiches Leben. Zugleich ist größerer Reichtum, als Howard ihn besitzt, schwer vorstellbar. Im Herbst sieht er die Blätter sich leuchtend rot färben, nach der Schneeschmelze im Frühling erklingen tausende Stimmen aus dem tosend herabstürzenden Fluss. In den lichten, hellen Sommern streicht das hohe, biegsame Gras um den Bauch seines Karrens, das Howard manchmal mit Zweigen zu kleinen Figuren zusammenbindet. Manchmal zeigt sich in den Augen einer Frau, der Howard auf seinen Fahrten sein Kästchen mit dem billigen Schmuck unter die Nase hält, für einen Moment ein längst verloren geglaubtes Leuchten.
Als „Tinkers“ im Jahr 2009 in den USA erschien, wurde dem Roman zunächst kaum Beachtung in den Feuilletons zuteil. Selbst die New York Times musste später eingestehen, das Buch nicht rezensiert zu haben. Ein Jahr später erhielt Paul Harding für „Tinkers“ den Pulitzerpreis.
Mit diesem zunächst so unscheinbaren, äußerlich handlungsarmen Werk ist Harding etwas Einzigartiges, ganz und gar Unzeitgemäßes gelungen. Wie ein Lumpensammler trägt er unzählige kleine Augenblicke und Begebenheiten aus dem Leben Howards und seiner Familie zusammen, spürt ihren Gedanken nach, errät ihre geheimen Wünsche, und verflicht dies alles zu einem zarten Gebilde leuchtender Poesie. Beiläufig erzählt er von Howards Begegnungen am Wegesrand, und manche dieser kleinen Episoden sind so vollkommen, dass sie als in sich geschlossene Erzählungen bestehen könnten. Etwa die Geschichte von Gilbert, dem Einsiedler. Einmal im Jahr treffen Gilbert und Howard im Wald schweigsam aufeinander, der Einsiedler erhält Vorräte für ein Jahr: Tabak, Streichhölzer, Bindfaden. Niemand weiß, wie er den Winter in freier Natur überlebt, und so stellt Howard sich vor, er lebe geborgen in einer „Falte im Wald, einer Naht, die nur der Einsiedler erspüre und in die er schlüpfte, wo Eis und Schnee, wo der gefrorene Wald selbst ihn aufnahmen und wo er kein Feuer und keine Wolldecken mehr brauchte, sondern vielmehr von Schnee umhüllt, in Frost eingesponnen gedieh“.
Von Howard erzählt der Roman in zahlreichen Rückblenden. Howards Sohn George, in diesen noch Kind, ist nun selbst ein alter Mann. Auch er führt ein Leben der tausend kleinen Dinge: Er besitzt unzählige Uhren, die er instand setzt und wieder verkauft. Doch die winzigen Schrauben und metallenen Plättchen, die Muttern, Rädchen und Streben, die Gewinde und Verzahnungen unterliegen im mechanischen Uhrwerk ihrer eigenen, geheimnisvollen Ordnung, um deren Wiederherstellung George oft stundenlang ringt. Das vielstimmige Surren der Uhrwerke, das abrupte Schlagen der Pendel, das beharrliche Ticken der Zeiger, das die Zimmer des Hauses erfüllt, verkündet den unaufhaltsamen Ablauf der Zeit.
So ist es das Ende der Welt selbst, das sich zu Beginn des Romans ereignet. Als George auf dem Sterbebett liegt, sieht er die Decke über sich zusammenstürzen, das Dach herabfallen, die Ziegel bersten, Staub, Papier, Photographien durch die Luft wirbeln, die Sterne selbst und das ganze Firmament auf sich herunterregnen. Eva Mackensen
Paul Harding: „Tinkers“. Aus dem Englischen von Silvia Morawetz. Luchterhand Literaturverlag, München 2011. 192 Seiten, 19,99 Euro.