cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Bloß nicht zu komplex Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marius Nobach  am  6. Januar 2012

Foto: Archiv

Kinobesuche sind sowieso Glücksspiel. Mal sind die Sitze schlecht gepolstert, mal die anderen Zuschauer störend, mal die Getränke zu warm und mal das Popcorn zu trocken. Braucht man da wirklich noch das schlimmste aller Kino-Ärgernisse, mit dem man andauernd konfrontiert wird und gegen das man völlig wehrlos ist? Gemeint sind natürlich jene kleinen Ankündigungsfilmchen von zwei bis zweieinhalb Minuten Länge vor dem Hauptfilm: die Trailer. Zu Musik, die mit dem beworbenen Film fast nie etwas zu tun hat, zeigen sie Bilder, die im Film nicht vorkommen oder nur eine geringe Rolle spielen, was dann mit nichtssagenden Off-Kommentaren oder Inserts gefüllt wird. Irreführung ist ihr Ziel, Falschdarstellung und Fehlinformation sind ihre Methoden. Und ihr Erfolg ist geradezu erschreckend.

Denn viele Zuschauer vertrauen den Trailern blind. Das zeigte zuletzt das Beispiel der US-Amerikanerin Sarah Deming, deren Fall durch die Zeitungen und Internetforen dieser Welt wanderte. Sie hatte sich aufgrund des Trailers zu Drive auf einen rasanten Actionfilm mit spektakulären Autostunts im Stile von “The Fast and the Furious” eingestellt. Doch zu ihrem Entsetzen fand sie sich in einer kunstvoll stilisierten Mischung aus Gangsterfilm und Charakterstudie wieder – die in der Vorschau gezeigten Autoverfolgungsjagden machten nur ein Minimum der Handlung aus. Grund genug für die Dame, die Vertreiberfirma FilmDistrict wegen des irreführenden Trailers zu verklagen.

Sicher, die Begründung für diese Klage hört sich lächerlich an und dürfte keine Aussicht auf Erfolg haben. Doch hinter dem Verhalten dieser Amerikanerin verbirgt sich ein Frust, der keinem Kinogänger fremd sein dürfte. Denn eigentlich meint man ja, inzwischen alle Werbelügen der Filmindustrie zu kennen. Oder man verzichtet wegen eines Trailers auf einen Besuch, nur um später festzustellen, dass man wegen eines Vorurteils einen guten Film verpasst hat.

Natürlich: Es gibt andere Wege, sich über Filme zu informieren. Doch die Trailer liegen mittlerweile in der Rangliste der Gründe für einen Kinobesuch deutlich an der Spitze. Also werden sie mit all dem vollgestopft, an dem sich der Zuschauer nach Produzentenansicht niemals sattsehen kann: Humor, Liebe, Action, Stars. Ausgeklammert werden hingegen Ernst und Komplexität, die dem Publikum offenbar nicht zugemutet werden dürfen. Was hinter dieser systematischen Täuschung steckt, ist klar: Verleiher versuchen, möglichst viele Zuschauer anzulocken und möglichst wenige zu vergraulen.

So servieren einem Trailer tagsaus tagein denselben Einheitsbrei und klammern sich noch stärker an etablierte Formeln als die konventionellsten Unterhaltungsfilme. Der Wunsch, das Publikum nicht vor den Kopf zu stoßen, hat längst bizarre Erscheinungsformen angenommen und aberwitzige Faustregeln hervorgebracht: Komödien bewirbt man, indem im Trailer eine brüllkomische Szene an die andere gereiht wird. Wogegen im Grunde nichts spricht, außer dass viele Produzenten offenbar glauben, eine Komödie müsse insgesamt nur etwa zweieinhalb Minuten witziges Material enthalten, damit der Trailer gefüllt werden könne. Ein anderes Problem sind Filme in einer fremden Sprache(!), die untertitelt(!!) werden müssen. In vielen der dazu gehörigen Trailer werden die Dialoge deshalb einfach weggelassen, so dass niemand gegen seinen Willen im Kino lesen muss. Was passieren würde, wenn trailerhörige Briten und Amerikaner erfahren, dass in fremdsprachigen Filmen durchaus auch gesprochen wird – manchmal sogar nicht gerade wenig –, ist gar nicht abzusehen.

Ähnlich wie die Filmkritik stehen auch Trailer regelmäßig am Fan-Pranger, weil sie zuviel vom Inhalt des Films preisgeben. Hier offenbart sich die ganze Absurdität hinter diesen Filmchen: Die Trailermacher sollen den Hauptfilm so sehr anpreisen wie möglich, doch dabei bitte so wenig wie möglich von der Story verraten. Denn die Ansichten über Sinn und Notwendigkeit von Trailern mögen zwar geteilt sein – Einigkeit herrscht darüber, dass sie umso besser sind, je weniger sie zeigen. Die besten sind folglich die, die überhaupt nicht gezeigt werden.

Zumindest würde es gut tun, wenn man sich darauf besönne, woher der Name „Trailer“ eigentlich kommt. Die ersten Filmvorschauen in den 1910er und 1920er Jahren liefen nämlich nach dem Hauptfilm, wenn die meisten Zuschauer den Saal bereits verlassen hatten. Warum nicht auf diese Methode zurückkommen? Dann könnte endlich wieder jeder selbst entscheiden, ob er die Trailer sehen und sich ein – wenn auch höchstwahrscheinlich falsches – Bild von einem Film verschaffen möchte. Marius Nobach

Share |


Einen Kommentar schreiben

Autor: 

Abgelegt unter: Film

Schlagwörter dieses Artikels:

,