Irgendwann verliert man die Kontrolle. Irgendwann sieht man ihn nicht mehr, den drohenden Abhang, obwohl man direkt davor steht. Irgendwann merkt man nicht einmal, dass man bereits fällt. Irgendwann passiert alles von allein.
Skaten, Saufen, Kiffen, Rauchen. Der Alltag der Clique ist überschaubar. Hier in Meining, einem Münchner Vorort, ist das aufregende Leben scheinbar unerreichbar. Also trifft man sich an der Halfpipe, betrinkt sich, spricht über Mädchen und Sex und träumt vom Nervenkitzel. Eines Tages erfahren vier Jungs von einem leerstehenden Haus. Sie steigen ein und finden Geld. Viel Geld.
Philipp Mattheis, 32, Münchner Autor und Journalist, hat einen beeindruckenden Debütroman geschrieben, der teilweise autobiographische Züge trägt. Mattheis selbst stieg mit Freunden Anfang der neunziger Jahre in ein leerstehendes Haus ein, wo sie sehr viel Geld fanden. Die Geschichte hat er für das SZ-Magazin aufgeschrieben. Schon in seinem ersten Buch, „In Dingenskirchen – Geschichten vom Arsch der Welt“, das bei Rowohlt erschien, hat er sich mit dem Vorortleben auseinandergesetzt. Was dort allerdings noch auf sehr humoristische Art geschieht, findet sich in „Irgendwann passiert alles von allein“ in dramatisch zugespitzter Form wieder: Aus allen Ecken grinst die Langeweile. Die Eltern der Kinder sind meistens verreist, auf sich allein gestellt trottet die Jugend müde und perspektivlos durch das Leben. Der unglaubliche Fund von mehreren tausend Mark scheint alles zu verändern. Plötzlich scheinen sich Türen zu öffnen, die bisher verschlossen waren. Ein Ausweg ist in Sicht. Auf einmal wagen sie zu träumen, die vier Jungs, der Ich-Erzähler Johannes und seine Freunde Schenz, Leo und Sam. Ambitionierte Pläne werden geschmiedet, von einer Zukunft als Millionäre, von Autos, Frauen und von Indien. „Das mit dem Geld war ein Riesenglück“, sagt Johannes zu Beginn. „Nicht nur weil wir uns jetzt diesen ganzen Kram wie Feiglinge, Bier und solche Sachen leisten konnten, sondern vor allem, weil endlich mal was passierte.“
Mattheis schafft es, die zauberhafte Atmosphäre eines verlorenen Sommers zu kreieren, die einen völlig einnimmt und die stark an Rob Reiners Stephen-King-Verfilmung „Stand by me“ erinnert. Es ist eine kleine Zeitreise in ein Damals, das wir alle noch kennen. Das Rumhängen im Freien, die Hauspartys bei irgendwem, der gerade sturmfrei hat, das berauschte Pilgern in die Großstadt, wo das wahre Leben wartet. Doch wie der Sommer ist auch das Glück vergänglich. Aus den Planungen der Jungen wird Planlosigkeit. Um nicht aufzufallen, verprassen sie das Geld nicht mit großen Investitionen, sondern mit noch mehr Alkohol und noch mehr Drogen. Die blauen Scheine sind keine Austrittskarte aus dem festgefahrenen Vorortleben, sie ziehen die Figuren nur noch weiter hinein. Im Geldrausch wird die Freundschaft zur Nebensache. Teure Uhren oder Sonnenbrillen erzeugen eine Fassade, hinter der sich nichts als die Angst von Heranwachsenden vor dem Mittelmaß verbirgt.
Besonders deutlich zeigt sich diese Angst in der Sprache. Mattheis erzeugt einen Bruch zwischen der Alltagssprache der Jungen und den manchmal fast schon poetischen Beobachtungen des Ich-Erzählers Johannes. Wenn er über seinen Freund Sam spricht, klingen Sätze wie: „Es war nicht so schlimm, dass ihn alle verarschten oder so“ etwas unbeholfen, doch deuten sie letztendlich nichts anderes als das junge Alter des Erzählers an. Auf der anderen Seite, es ist der erwachsene Teil in ihm, reflektiert er die Geschehnisse und ermöglicht es dadurch dem Leser, Position zu beziehen. Die große erzählerische Kunst ist es, dass der Leser längst die Vorboten der Katastrophe erkennt, bevor sie eintritt, obwohl er sein Wissen von einer Figur bezieht, die selbst handelnd zu dieser Katastrophe beiträgt.
Neben der Geschichte der Jungen streut der Autor eine Nebenhandlung ein, die von Hilde Stetlow erzählt, der Frau, der das Haus gehört haben muss. War sie verrückt oder gar eine Hexe? Warum schreit sie in ihren Briefen, die die Jungen finden, nach Hilfe? Was verbirgt sich unter dem Schutthaufen im Keller?
„Irgendwann passiert alles von allein“ trägt Züge eines klassischen Coming-of-Age-Romans, geht aber gleichzeitig weit darüber hinaus. Philipp Mattheis verzichtet darauf, mit einer platten Moral den Zeigefinger zu heben. Die Aussage des Buches lässt sich nicht einfach auf „Geld verdirbt den Charakter“ reduzieren. Der Roman hält eine Lupe über das Leben von Jugendlichen, schildert ihre Träume, ihre Sehnsüchte und ihre Schwierigkeiten. Manchmal wünscht man sich zwar, die übrigen Figuren hätten mehr Tiefe, weil es ab und zu so wirkt, als seien sie eigens dazu konstruiert, am Leben abzuprallen; letztendlich überzeugt der Roman aber durch seine Form ebenso wie durch die Spannung, die er erzeugt. Das Gefühl und die Erinnerungen an verlorene Sommer jedenfalls werden nach dem Lesen noch lange anhalten. Pierre Jarawan
Philipp Mattheis: „Irgendwann passiert alles von allein“. DTV, München 2011. 220 Seiten, 12,90 Euro.