Allein die Geschichte des Begriffs füllt Bibliotheken. In Verbindung mit dem Wort christlich taucht er in den jüngeren Diskussionen über Europa im Allgemeinen und sein Verhältnis zum Islam im Besonderen in stupender Regelmäßigkeit auf. Den einen dient er als Rückzugsmythos zur Untermauerung der eigenen Herkunft, anderen gilt er als rückwärtsgewandtes Ausgrenzungssymbol zur Abschottung gegenüber fremden Kulturen: das „Abendland“.
Der österreichische Dokumentarfilmer Nikolaus Geyrhalter, hierzulande vor allem durch „Unser täglich Brot“ über die Abgründe der industriellen Lebensmittelerzeugung bekannt, hat sich nun in einer anderthalbstündigen Reflexion diesem mystisch aufgeladenen Topos angenähert und dabei selbst scheinbar profanen Situationen eindrückliche Bilder abgerungen. Wir sehen abgelehnte Asylbewerber, agressiv-ausgelassene Volksfeste und zerbrechliche Frühgeborene, werden Zeugen einer päpstlichen Freiluftperformance mit „Benedetto“-Stadiongegröle oder begleiten spanische Grenzer bei der hermetischen Abriegelung der Festung Europa. Das auf den ersten Blick bunt Zusammengewürfelte ist nur scheinbar unverbunden, das will uns Geyrhalter hier verklickern: Alles hängt irgendwie zusammen.
Was ist dieses Abendland eigentlich, eine Trutzburg des seinen Wohlstand mit Zähnen und Klauen verteidigenden Europa, mit Oktoberfest und Massenrave als willkommener Abwechslung für seine vergnügungssüchtigen Ureinwohner, die sich buchstäblich in die Bewusstlosigkeit hineinsaufen, um sich von den sie tagtäglich umgebenden Unmenschlichkeiten abzulenken? Kommentarlos brachial konfrontiert uns Geyrhalter mit seiner disparaten Bestandsaufnahme. Doch ist es wirklich dieses Abendland, von dem Geyrhalter erzählen will, drückt sich in seiner Arbeit nicht ein weit allgemeineres Unbehagen gegenüber der nunmehr weltumspannenden technisierten Moderne? Nun benötigt ein Film weder These noch Kommentar, doch ist es schon eine ziemliche Effekthascherei, wie Geyrhalter diesen aufgeladenen Begriff im Raum und den Betrachter im Regen stehen lässt. Seht her, so weit ist es mit uns gekommen: Diese konservative Lesart von der degenerierten Moderne ließe sich beim Betrachten der Bilder formulieren, doch die Beschäftigung mit Flüchtlingen und allen anderen, die beim exklusiven Happening „Abendland“ draußen bleiben müssen, sprechen eine andere Sprache.
Trotz aller Ungereimtheiten entfaltet der Film durch seine Bildergewalt eine gewisse manipulative Kraft: Sicherheitspersonal eskortiert die Hendl-Kellnerin durch die heillos überfüllten Zelte zu den hungrigen Gästen. Entrückt von den grölenden Massen, werden die Maßen gezapft, die Abfälle ent- und die Bierleichen versorgt. Die Mitarbeiterin des schweizerischen Migrationsamts rät dem Asylbewerber nach Erhalt seines Ablehnungsbescheids von der Berufung ab und verspricht ihm Annehmlichkeiten, wenn er sich ohne viel Gemurre in sein Herkunftsland abschieben lässt. Ein Poem nennt die Produktion diesen Film ganz unbescheiden, und da ist dank der Beobachtungsgabe des Regisseurs einiges dran. Die Abbildung wird dem Betrachter aufgenötigt, als sprächen Bilder für sich, als eignete sich der Film nicht zu Aufstachelung und Propaganda, als sei die Aussparung des Nichtgezeigten nurmehr bloße Redaktion, die Auswahl der Bilder nicht die Botschaft selbst. Was nicht bedeuten soll, dass dieser Mischmasch den aufnahmebereiten Rezipienten nicht inspirieren würde, nur dokumentiert er eben nichts, sondern überrumpelt den Zuschauer mit Schauwerten. Selbst wenn man diesen filmischen Ansatz mit all seiner zur Schau gestellten Schonungslosigkeit für zu plump und unreflektiert halten mag, der Sinn für einprägsame Bilder und skurrile Situationen wie die minutiös durchgeplanten Polizeimanöver oder die jede Nichtigkeit dokumentierende Londoner Videoüberwachung lässt sich Geyrhalter nicht absprechen. Wie sich die poetisch vor sich hin mäandernde Bildersprache jedoch mit dem moralischen und jedenfalls vordergründig aufklärerischen Ansatz des Regisseurs und seiner stummen Anklage gegen den vielbeschimpften Westen (dessen amerikanische Anteile im Film ausgespart bleiben) vertragen sollen, vermag nicht so recht einzuleuchten. Die Kommentarlosigkeit in ihrer ganzen vorgespielten Eindeutigkeit, die falsche Unschuld des Ich-zeig-euch-wie-es-ist hat etwas zutiefst Humorloses. Die intellektuelle Unbedarftheit Geyrhalters ist vergleichbar mit dem von ihm porträtierten Einsatzkommando auf der Suche nach einem Verdächtigen: Er nimmt die Fährte auf und sieht sich dabei immer wieder neuen Örtlichkeiten und Herausforderungen ausgesetzt. Was ihn jedoch von den Polizisten unterscheidet, ist seine Ziellosigkeit, die auch der sehr eindeutig geratene Titel des Films nicht verschleiern kann. Am Ende ist „Abendland“ einer dieser ungereimten Filme, die den Betrachter irgendwie unbefriedigt zurücklassen, ihn durch die brachiale Wucht seiner Bilder jedoch länger zu beschäftigen vermögen, als dies so manch routiniertem Thesenfilm gelingt. Arne Koltermann