Die Online-Ausgabe der Kulturzeitung der Theaterakademie August Everding

Der trojanische Krieg findet statt

Steven Scharf, Katja Bürkle. Foto: Arno Declair

Mitten in seiner pathetischen Rede bricht der griechische Heerführer Agamemnon ab. Gerade hat er noch den Siegerkuchen herumgereicht und wortreich versucht, den besiegten Trojanerinnen zu erklären, dass es ihnen eigentlich nicht allzu schlecht ergangen wäre: Gut, die Stadt sei zerstört, die Männer tot und die ein oder andere Vergewaltigung habe es auch gegeben. Aber das seien doch die erwartbaren Begleiterscheinungen eines Krieges, an dem ja überhaupt Troja schuld sei. Um das Rachepotenzial im Keim zu ersticken, soll nun nur noch Astyanax, der Sohn von Trojas größtem Helden Hektor, getötet werden. Auch das sei nur ein Ritual, das seine Männer verlangten, erklärt er, zuerst noch geduldig argumentierend, dann brüllend, weil Astyanax’ Mutter und Großmutter so gar kein Verständnis für seine Lage zeigen und nicht mal den Kuchen anrühren. Dann der Abbruch, als habe er plötzlich gemerkt, was er da rede, und dass er so nicht weitermachen kann: Agamemnon starrt seinen Schatten an der Wand an und sein Darsteller, der bullige Steven Scharf, scheint in sich zusammenzufallen. Das einzige, was er noch herausbringt, ist ein leises „Hallo?“ Unbeantwortet bleibt es eine Weile im Raum stehen, bis Agamemnon sich wieder gefasst hat.

Mit „Schlachten“, einer Bearbeitung von Shakespeares Königsdramen, und dessen Theatermarathon-Aufführung durch Luk Perceval wurde der belgische Autor Tom Lanoye Ende der 90er bekannt. „Schlachten“ wäre auch ein passender Alternativtitel für sein „Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas“, das Stephan Kimmig nun an den Münchner Kammerspielen inszeniert hat. Denn auch darin geht es um kriegerische Schlachten, genauer: um das Kriegsgewerbe des Abschlachtens. Und um die Rhetorik, mit der das Blutvergießen gerechtfertigt wird. Zum Meister beider Disziplinen wird Agamemnon, der bei Lanoyes moderner Version der Dramen von Aischylos und Euripides als einzige Männergestalt aus dem griechischen Mythos auftritt. Kimmig hebt das Barbarische des Heerführers hervor: Im zweiten Teil des Stücks ist der ganze Oberkörper von Steven Scharf, der anfangs noch wie ein ordentlich gekleideter Geschäftsmann daherkam, dermaßen mit Kunstblut verschmiert, als ob er darin gebadet hätte. Im gnadenlos leuchtenden Neonlicht eines bunkerartigen weißen Raums, bei dem hinten eine Rampe nach unten führt, überzeugt sich Agamemnon selbst davon, dass der Tod von Astyanax unabdinglich sei. Für die Bitten der Frauen um Gnade bringt er dann keine Geduld mehr auf – schließlich wisse er, wie es sei, ein Kind zu verlieren – und führt den Jungen die Rampe hinab, in den Tod.

Lanoye hat Agamemnon Rechtfertigungen für den Krieg mit Verweisen auf die eigene, bedrohte Kultur und ein übermächtiges Schicksal in den Mund gelegt, die er aus Reden von George W. Bush und Donald Rumsfeld übernommen hat. Der Zuschauer soll, wenn er Troja hört, immer auch den Irak mitdenken. Dass die Inszenierung trotzdem über vordergründige Aktualisierungen hinausgeht, ist Kimmig und Dramaturg Matthias Günther zu verdanken. Sie haben Lanoyes Hexameter-Verse geschickt mit alltagssprachlichen Passagen verbunden, mit denen das Pathos überwunden wird. Unter Kimmigs Anleitung laufen die Schauspieler der Kammerspiele zur Hochform auf und sorgen für aufregendes Theater: Scharf, scheinbar ständig unter Starkstrom stehend, macht meisterhaft sichtbar, dass Agamemnons schwerste Gefechte seine Gewissenskämpfe sind. Sein verlorenes Kind, die zu Beginn des Abends von ihm geopferte Iphigenie, spielt Katja Bürkle zwischen schwärmerischer Mädchenhaftigkeit und wildem Patriotismus. In dieser Figur manifestiert sich bei Kimmig der ganze Irrwitz der Kriegsrhetorik: Ausgestattet mit zwei Flaggen, wedelt Iphigenie so lange mit diesen in der Luft herum, bis sie bewusstlos in die Arme ihres Vaters sinkt. Der schleudert sie einige Male hoch und überwindet seine letzten Skrupel, ist seine Tochter da doch bereits mehr ein toter Gegenstand als ein lebendiges Wesen.

Der schlanke Körper von Wiebke Puls als Agamemnons Gattin Klytämnestra vibriert angesichts dieser Vorgänge vor fassungslosem Entsetzen. Sie ist die erste unter den Frauen, die sich dem Kriegstreiber entgegenstellen. Am heftigsten klagt Kassandra den griechischen Feldherrn an, der sie nach dem Sieg zur Geliebten macht. Ebenfalls von Katja Bürkle gespielt, ist sie quasi eine Wiedergeburt Iphigenies aus dem Geist des Krieges, die jede jugendliche Unschuld und ihre Selbstachtung verloren hat. Mit heftiger, mitunter obszöner Gestik und Körpersprache verhöhnt sie Agamemnons Rechtfertigungen und macht ihn sich gleichzeitig vollkommen hörig. Es sieht eine Zeitlang aus, als laufe das Stück auf die simple Geschlechterformel Männer gleich Täter, Frauen gleich Opfer hinaus. Stephan Kimmig wehrt das jedoch schon früh ab, da er Lanoyes Chor namenloser Frauen durch eine zweite männliche Figur ersetzt hat. Walter Hess hat als alter Soldat einige sehr effektive Auftritte, in denen er die Zerstörung Trojas beklagt und dabei seine Worte erst beschwörend in ein Mikrofon haucht, dann wütend herausschreit. Klytämnestra hingegen ist am Ende, wenn sie wieder hinter der Bühne hervorkommt, wo sie die gefangenen Frauen auf deren Wunsch umgebracht hat, genauso blutüberströmt wie ihr Gatte. Den lässt sie am Leben, einsam mit der toten Kassandra auf den Armen, und wankt davon. Nach Hause nimmt der Zuschauer die halb tröstliche Gewissheit mit, dass trotz allem ein Ausweg aus der Spirale der Gewalt denkbar ist: Es braucht einen, der damit aufhört. Marius Nobach

 

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