Pippo Delbono ist ein Theatermacher, der aus dem Chaos seine Kreativität schöpft. Er arbeitet ohne fixes Konzept, gibt nur sporadisch Themen vor und verlässt sich zumeist auf die Improvisation seiner Schauspieler. Das Chaos zu Probenbeginn nützt: Was Delbono auf der Bühne zeigt, sind Begegnungen und Erfahrungen – ausgedrückt in starken Bildern, die in Erinnerung bleiben. So auch in seiner Produktion „Erpressung“, die er am Münchner Residenztheater mit Schauspielern des Ensembles erarbeitet hat.
Zu Beginn betritt eine junge Frau die Bühne, die durch ihren biederen Kleidungsstil und ihre strenge Frisur um Jahre älter wirkt. In ihren Händen hält sie ein Buch mit dem Titel „Die Frau“. Während sie dem weiblichen Teil des Publikums daraus Verhaltenstipps gibt, die jeglichen emanzipatorischen Geist missen lassen, erwächst im hinteren Teil der Bühne bereits die nächste Szene. Ein Flötenlehrer lässt seinen Schüler wieder und wieder eine Melodie üben, erst streng und sachlich. Dann aber beschimpft er ihn obszön, erniedrigt ihn verbal in massiver Weise. Der Junge beginnt bitterlich zu weinen, sein Schluchzen wird jedoch von Nina Hagens ohrenbetäubend eingespieltem Song „Unbeschreiblich weiblich“ übertönt. Wie Robert Niemann weint, wie er den seelischen Zustand ohne Druck in die Figur übersetzt, ist meisterhaft.
„Erpressung“ erzeugt Nähe. Die Schauspieler durchbrechen die unsichtbare vierte Wand in den Zuschauerraum, das Publikum wird mitgenommen auf eine Reise durch Italien, wie zu Beginn intendiert. Oder anders ausgedrückt: Es wird erpresst, mitzukommen. Delbono deckt wunderbare Facetten in seinen zusammenhangslosen Episoden auf, seine Figuren zeichnet er messerscharf in der kleinteiligen Dramaturgie, er lässt sie lakonisch in ihren rhetorischen Gesten sein und motiviert sie, große, echte Gefühle zuzulassen. Obwohl da keine stringente Handlung ist, nichts, an dem sich sein Ensemble längerfristig orientieren könnte. Auch Annelise Neudeckers Bühne bietet keine Anhaltspunkte. Die Machtspielchen, Eifersuchtsdramen, Liebesbekunden, Tanzelemente, all das findet in einer Art Hochsicherheitstrakt statt. Wände werden wie durch Geisterhand hochgefahren, um die vorherrschende Klaustrophobie nur noch weiter auszudehnen. Denn hinter einer Wand ist eine weitere. Wie Falltüren lauern die beweglichen Wände auf ihre Opfer. Wer in ihre Fänge gerät, wird von der grauen Trostlosigkeit verschluckt.
Delbonos Arbeit ist assoziatives Bildertheater. Selbst wenn Jürgen Stössinger bloß im Lichtkegel steht und von seinen Nachkriegserfahrungen im Waisenhaus erzählt, sind da sofort Bilder, so konkret ist die Sprache, die den Zuschauer mitnimmt ans Grab der Mutter oder in die kleine Schlafkammer des Bruders im Kinderheim.
Auffällig an all den rasch wechselnden Szenen ist Delbonos Bewegungsarbeit. Inspiriert von Pina Bausch und Ariane Mnouchkine, arbeitet er jede Geste der Schauspieler präzise heraus. Keine der Bewegungen wirkt willkürlich, jedoch trotzdem natürlich. Bis hin zum Schlussapplaus ist Delbonos Stück eine theatrale Choreographie, egal ob er männliche Soldatenpärchen Walzer tanzen lässt oder das alle Schauspieler kunstvoll miteinander rangeln lässt um den Platz ganz vorne an der Rampe.
In seinen bisherigen Arbeiten war der Regisseur ein konstanter Teil der Aufführungen. Am Residenztheater verzichtet er auf den persönlichen Auftritt, jedoch kommentiert er aus dem Off oder von Videoleinwänden. Als Vermittler zwischen Publikum und Geschehen auf der Bühne setzt er einen Moderator ein, der die Nummernrevue zur TV-Show macht. Dessen gewollt unlustige Gags ins Leere laufen und der das Publikum animiert, sich zu beteiligen, und dabei kaum auf Resonanz stößt. Arthur Klemt als Strahlemann im Goldanzug, das personifizierte Zahnpastalächeln, passt so gar nicht in die ansonsten düstere Szenerie, wenn er über die Bühne hechtet und sich in Überbrückungsversuchen übt. Und trotzdem fügt sich sein Part perfekt in den Reigen der choreographierten Gegensätze, die diesen Theaterabend so besonders machen.
Die Nachtigallszene aus Romeo und Julia lässt Delbono von zwei nackten Männern spielen. Selten hat man diese Szene so berührend wunderschön gesehen, selten konnte der Schmerz des Abschieds der beiden Liebenden so schlicht und eindrücklich dargestellt werden. Robert Schumanns „Im wunderschönen Monat Mai“ ist das durchgängige Musikmotiv des Abends. Es ertönt immer dann, wenn sich Schönheit und Schrecken begegnen. Der Lieblichkeit von Schumanns Melodie stellt Delbono Videoprojektionen von der Gedenkstätte des Konzentrationslagers Dachau entgegen. Inmitten der Anlage steht sein Schützling Bobó, ein Kasper Hauser der Jetztzeit, den Delbono einst aus einem Irrenhaus befreite und seitdem gemeinsam mit ihm seine Projekte verwirklicht. Bobó bewegt sich nicht, steht nur da im Schnee und blickt sich um. Und doch passiert in dieser Szene so viel. Ein Sinnbild für diese großartige Inszenierung. Für die Schönheit des Unfassbaren. Hanna Pfaffenwimmer