cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Die große Stille Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Marius Nobach  am  25. Januar 2012

Verpasst die Zukunft: Jean Dujardin. Foto: Delphi Filmverleih

Als der Stummfilm Ende der 20er Jahre starb, wurde er recht schnell und ohne viel Bedauern zu Grabe getragen. Gedanken, ihn als Kunstform zu erhalten, machte sich damals keiner. Warum auch? Schließlich hatte der Stummfilm immer nur wie ein Provisorium gewirkt. Dementsprechend wurde er im Tonfilmzeitalter als veraltete Form abgetan, um die es nicht schade sei. Obwohl sich das spätestens seit den 70er Jahren wieder geändert hat und der Stummfilm heute bei Filmexperten allgemein anerkannt ist: Ansätze, einen neuen Stummfilm zu drehen, gab es in den letzten 80 Jahren kaum und wenn, blieben sie ohne großen Nachklang. Seit Mai 2011 allerdings sorgt ein kleiner französischer Schwarz-Weiß-Film für Aufsehen: Ein Film, der seine Geschichte über seine Bilder, mit Zwischentiteln und Musik erzählt und fast ohne Geräuschuntermalung auskommt. „The Artist“ gewann zwei Preise in Cannes, wurde in Frankreich zum Kinohit und ist gerade dabei, einer der größten Favoriten für die Oscarverleihung zu werden. Ein überwältigender Erfolg, der ohne einen wahrhaft fanatischen Filmliebhaber wie den französischen Regisseur Michel Hazanavicius nie zustande gekommen wäre. Jahrelang war sein Vorhaben als Scherz abgetan worden, so unwahrscheinlich erschien selbst aufgeschlossenen Produzenten der Gedanke. Möglich wurde das Traumprojekt erst, nachdem Hazanavicius mit den beiden OSS117-Filmen, Hommagen an die billigen James-Bond-Imitationen der 60er Jahre, in Frankreich große Kassenerfolge gelungen waren.

„The Artist“ setzt 1927 ein, dem Jahr, in dem die Warner Brothers den „Jazzsänger“ in die Kinos bringen. Der Erfolg dieses Teiltonfilms wird dazu führen, dass alle Studios innerhalb der nächsten drei Jahre auf die reine Tonfilmproduktion umsteigen und den Stummfilm als veraltete Form beerdigen. Doch zu Beginn des Films ist noch alles in Ordnung in Hollywoods stummer Welt. In einem Kinopalast findet vor einem Riesenpublikum und begleitet von einem gigantischen Orchester die Premiere des neuesten Stummfilmabenteuers von George Valentin statt. Fasziniert hängen die Zuschauer mit den Augen an der Leinwand, fiebern mit, wie sich der draufgängerische Filmheld und sein treuer Jack-Russell-Terrier aus den größten Gefahren befreien und alle Schwierigkeiten spielerisch überwinden. Auch hinter der Leinwand, wo die wichtigsten Beteiligten an dem Film versammelt sind, herrscht nervöse Spannung. Auch George Valentin ist da, aber im Gegensatz zu den anderen wartet er nicht auf das Ende des Films und die Publikumsreaktionen, sondern blickt gebannt auf das Leinwandgeschehen. Ob George sein Image lebt oder sich in seinen Filmen so gibt, wie er wirklich ist – er entspricht jedenfalls äußerlich in allem seiner Filmfigur: Jungenhaft-beschwingtes Auftreten, hauchdünner Schnurrbart, leichtes Augenzwinkern, breites, optimistisches Lächeln. Und der Hund weicht auch im realen Leben nicht von seiner Seite. Sein Selbstbewusstsein verlässt George nur für einen Augenblick: Als sein Film endet, ist es kurz vollkommen still, bevor dann doch der erlösende Applaus einsetzt und er vor den Vorhang tritt, um sich feiern zu lassen.

Die Zuschauer von „The Artist“ hören den Applaus nicht, denn Hazanavicius lässt sein Werk nun zum Stummfilm werden, der über die Form an sich reflektiert. Das Thema des Films liegt nahe: Der Übergang vom Stumm- zum Tonfilm und die Tragik eines erfolgreichen stummen Schauspielers, der die Zeichen des Wandels nicht erkennt und das Sprechen verweigert. Jean Dujardin, schon als OSS117 glänzend, belebt als George Valentin eindrucksvoll Douglas Fairbanks wieder, ist aber mehr noch der beste Fairbanks-Imitator seit Gene Kelly, dessen „Singin’ in the Rain“ in der Eröffnungsszene ausgiebig zitiert wird. George wird zwar als eitel und gefallsüchtig, aber auch durchaus sympathisch gezeichnet. So verhilft er der temperamentvollen jungen Schauspielerin Peppy Miller zu einer Rolle in einem seiner Filme und zeichnet ihr höchstpersönlich den Schönheitsfleck ins Gesicht, der zu ihrem Markenzeichen wird. Beim Drehen harmonisieren sie mehr, als der Szene gut tut, doch trennen sich ihre Wege einstweilen wieder. Peppy, für deren Charakterisierung Bérénice Bejo das Mary-Pickford-Image des süßen Mädchens mit der ausgelassenen Fröhlichkeit der Steptänzerin Eleanor Powell kombiniert, arbeitet sich langsam zu Hauptrollen vor und wird im Tonfilm zum Kassenstar. Peppys Aufstieg verläuft konträr zu Georges Abstieg – die Handlungsparallelen zu den diversen „A Star Is Born“-Verfilmungen sind offensichtlich: Erfolglos stemmt sich George gegen die neue Entwicklung an, bis ihn ein selbstinszeniertes stummes Abenteuerepos, das vor fast leeren Häusern spielt, und der Börsenkrach 1929 finanziell ruinieren. Arbeitslos und von seiner Frau verlassen, wird er zum Alkoholiker. Wenn er nicht trinkt, schaut er sich in einem privaten Vorführraum seine eigenen Filme an. Er wähnt sich allein in der Welt, nicht ahnend, dass Peppy nicht vergessen hat, wem sie ihre Karriere verdankt.

Hingebungsvoll beschwört Hazanavicius die Machart des Stummfilms herauf: Ludovic Bources Musik, wenn auch wesentlich dramatischer als die durchschnittliche Stummfilmuntermalung, schafft eine äußerst effektvolle Stimmung für die wechselhafte Geschichte von George Valentin. Der Kameramann Guillaume Schiffman versucht zudem mit Irisblenden, dunklen Einstellungsrändern und flackernden, körnigen Schwarzweiß-Bildern die filmische Ästhetik der 20er Jahre wiederzubeleben. Ganz gelingt es nicht, die – aus heutiger Sicht so sympathische – Unperfektheit von damals zu erreichen, dazu stammt der Film doch zu sehr aus der heutigen Zeit digital perfektionierbaren Materials. Auch ist es schade, dass Hazanavicius keinen Plot entwickelt hat, der über eine weitere Variante von „A Star Is Born“ hinausgeht. Dadurch verpasst er die Chance, zu zeigen, wie vielfältig der Stummfilm nicht nur ästhetisch, sondern auch inhaltlich war. Dennoch ist „The Artist“ ein einzigartiges Erlebnis, welches sich ohne Scheu zum emotionalen Kino bekennt. Ihm gelingt, was der 3D-Film so gern wäre und so selten schafft: Kino der Attraktionen zu sein, das gleichermaßen berührt wie begeistert. Und nebenbei hintersinnig klar macht, welche Bedeutung der Ton in Filmen eigentlich hat. Denn George Valentin scheint sich tatsächlich durch eine tonlose Welt zu bewegen: In einer witzig-verblüffenden Szene erlebt er – und mit ihm der Zuschauer – den Einbruch des Tons, zuerst durch den dumpfen Klang eines abgestellten Glases, dann durch Hundebellen, Straßenlärm, sogar durch eine Feder, die unnatürlich laut auf dem Boden aufschlägt. Nur seine eigene Stimme kann er nicht hören, so sehr er es auch versucht. Wo Hazanavicius sich bewusst nicht den Regeln des heutigen Kinos unterwerfen will, muss George Valentin lernen, dass er sich dem Neuen, dem Tonfilm, nicht länger verschließen darf. Marius Nobach

 

Share |


Einen Kommentar schreiben