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Jenseits der Vergeltung Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Hanna Pfaffenwimmer  am  26. Januar 2012

Jugend in der Zwischenwelt. Foto: Sanne Paper

Es hallt von den Bergwänden wider, als der junge Albaner Zef erschossen wird. Tot liegt er auf der Almwiese, über die er gerade noch lebensfroh lief. Jetzt blickt er hinab auf seinen toten Körper, sieht seinen Mörder fliehen und weiß, dass er das nächste Opfer der Blutrache geworden ist, von der seine Familie schon seit Generationen beherrscht wird.

Plötzlich steht da ein Mädchen neben ihm, in dieser Zwischenwelt, dem Jenseits. Es ist Anne Frank, die er selbst nur aus Erzählungen kennt und die durch ihr Tagebuch Berühmtheit erlangt hat. Beide sind sie fünfzehn, beide sind sie tot. Dies nimmt der niederländische Regisseur und Autor Ad de Bont zum Anlass, eine berührende Geschichte zweier Menschen zu erzählen, die das Schicksal zusammengeführt hat.

Gegenseitig erzählen sie sich ihr kurzes Leben.

Zef kann dabei über seine Vergangenheit nur sprechen, wenn er sie parodiert. Übertrieben komisch erzählt der großartige Floris Verkerk als Zef von seinen Eltern, die vor Jahren aufgrund des albanischen Gewohnheitsrechts Kanun Opfer der Blutrache wurden. Seitdem herrscht Feindschaft zwischen seiner und der Familie seines einstmals besten Freundes. Zu seinem Schutz durfte er zwei Jahre lang die Wohnung nicht verlassen, als er es aus Trotz und Neugier doch tat, wurde er von seinem Freund getötet.

Simultan zu Zefs witzigen Einlagen erzählen Peter van Heeringen und Rian Gerritsen als Zefs Eltern deren Sicht der Dinge. In diesem Parallelismus der Darstellungen entfaltet sich eine schaurige Wirkung, wenn man das Weinen der Mutter, um das verlorene Kind hört und gleichzeitig Zefs Versuche sieht, sein Leben in der „Das hätte doch jedem passieren können“-Manier Revue passieren zu lassen.

Den Erzählungen des fiktiven Zefs stellt de Bont die Erlebnisse von Anne Frank gegenüber. Dabei lässt er Laura de Boer nicht Annes bekannte Tagebucheinträge rezitieren, sondern hat den Weg von ihrem letzten Eintrag bis zum letzten Atemzug rekonstruiert. Wenn Anne also von den Erlebnissen der Deportation oder den letzten Stunden ihres Daseins berichtet, klingt das nicht neumodisch dazugedichtet, sondern fügt sich sensibel dem Stil der Tagebuchaufzeichnungen.

Laura de Boers Anne ist eine sehr reife Fünfzehnjährige von zarter Zerbrechlichkeit. Ihr Monolog, als sie von Annes letzten Stunden berichtet, ist beeindruckend. Gebückt geht sie über einen roten Teppich, auf einen Schornstein zu, den Renée Zonnevylle am Bühnenrand platziert hat. Mechanisch leiert sie ihre Worte, immer wieder bricht sie ab, um darauf umso geschwächter fortzufahren. Im grellen Scheinwerferlicht bekommt der Teppich etwas Monströses. Dort, wo man sonst Glanz und Glamour erwartet, sieht man nun nur ihren schwarzen Schatten, der sich mit dem rot vermischt und somit wirkt, als würde sie eine lange Blutspur hinter sich herziehen. Neben all der Schrecklichkeit, die der Text und die die kahle Bühne offerieren, bietet die Inszenierung jedoch auch kurzzeitig wunderschöne Momente. Obwohl Anne und Zef in ihren Dialogen wie zwei Erwachsene klingen, lässt de Bont immer wieder deren Teenager-Verhalten durchscheinen.

In pubertärer Überheblichkeit begegnen sie einander, ohne die offensichtliche Zuneigung zuzulassen, die sich dahinter verbirgt. De Boer und Verkerk lösen diese vorsichtigen, kindlichen Annäherungsversuche durch kurze Blicke und spielerische Gesten. Dabei harmonieren die beiden Hauptdarsteller so gut miteinander, dass aus dem ähnlichen Leidensweg der beiden am Ende doch noch eine Liebesgeschichte als Gegenkraft zur Vernichtung wird. Hanna Pfaffenwimmer

 

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