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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

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Geschrieben von Eva Mackensen  am  22. Februar 2012

Intime Kenntnis der Lebensumstände: Just the wind. Foto: Berlinale

Der programmatische Schwerpunkt auf politischem Film ist im Selbstverständnis der Berlinale tief verwurzelt. Im Wettbewerb liefen auch dieses Jahr wieder einige Filme, die sich Kriegen und ihren Auswirkungen zuwandten, die gesellschaftliche Missstände thematisierten oder die Verfolgung von Minderheiten. Letzteres zeigt der ungarische Beitrag „Just the wind“ von Bence Fliegauf. Ein inhaltlich und ästhetisch herausragender Film, der entgegen der Erwartungen vieler nicht mit dem Goldenen Bären bedacht wurde, immerhin aber mit dem Großen Preis der Jury. Im Rahmen von „Berlinale Spezial“ war „In the land of blood and honey“ zu sehen, das Regiedebüt von Angelina Jolie. Sein Schauplatz ist der Bürgerkrieg in Bosnien. Natürlich war das Politische auch in den anderen Sektionen der Berlinale vertreten, vor allem im Panorama. „Indignados“ von Tony Gatlif versuchte sich an einer filmischen Umsetzung des Essays „Indignez-vous“, mit dem der französische Philosoph Stéphane Hessel die politischen und gesellschaftlichen Zustände der Gegenwart anprangerte. „10+10“, ein aus zwanzig Kurzfilmen bestehendes Projekt, mit dem das letzte Taipeh Golden Horse Film Festival im November letzten Jahres eröffnete, hat indirekte politische Bezüge: gemeinsames Thema aller Filme ist die Einzigartigkeit Taiwans.

„Just the wind“ ist ein Film in beklemmender Stille. Er nimmt Bezug auf die Morde an Roma in Ungarn in den Jahren 2008 und 2009, entwickelt daraus aber eine eigenständige Geschichte mit fiktionalen Charakteren. Es geht um eine kleine Roma-Familie – eine Mutter mit einer Tochter und einem Sohn –, die in einem Haus im Wald lebt. Die Handlung setzt ein, nachdem mehrere andere Roma-Familien, die in der Nähe lebten, kurz hintereinander zu Opfern einer Mordserie wurden. Die Täter kamen nachts, mit dem Auto, drangen in die Häuser ein und erschossen die Familien mit Schrotflinten.

Der Film beginnt im Zwielicht des frühen Morgens, er endet in der tiefen Dunkelheit der darauf folgenden Nacht. Dazwischen ist es lange hell, aber diese Stunden sind nicht mehr als ein Aufschub. „Just the wind“ verzichtet darauf, den Mord zu zeigen, der sich schließlich ereignet, die Gesichter der Täter und ihrer Opfer ins Bild zu setzen. Es ist nicht notwendig, denn diese Auslassung ist stärker als jede Inszenierung. Davor lässt die Kamera ihre drei Protagonisten kaum einmal aus den Augen. Sie folgt ihnen durch den Tag, sie zeigt sie, wie sie kurz hintereinander das kleine Haus verlassen, sich auf den Weg zur Arbeit und zur Schule machen. Sie kommt ihnen dabei so nahe, dass ihre Umgebung zu einer unscharfen Fläche verschwimmt. Man sieht ihre abgewetzte, verschwitzte Kleidung, ihre ausdruckslosen Gesichter, den immer leicht gebückten Gang, den Blick auf den Boden. Obwohl Fliegauf völlig darauf verzichtet, das Milieu, in dem sie sich bewegen, plakativ auszuleuchten, entwickelt sich über die Dauer des Films eine geradezu intime Kenntnis ihrer Lebensumstände. Flüchtig kommen schmutzige Teller ins Bild, lose, kaputte Gegenstände, aufgetürmte Kleiderhaufen. Ein spärlicher Wortwechsel zwischen zwei Polizisten, den der Junge zufällig belauscht, bezeugt die Teilnahmslosigkeit der Gesellschaft, die heimliche Sympathie mit den Tätern. Die Szene ereignet sich am Tatort der Nacht zuvor, den der Junge aufgesucht hat, um nach Verwertbarem Ausschau zu halten. Er findet eine geschlossene Konservendose und eine Marienfigur. Das Blut der Erschossenen klebt noch an den Wänden.

Fliegaufs Bilder sind durchsetzt von Spuren der Bedrohung. Sie lauert hinter den rauschenden Blättern im Wald, sie kondensiert sich in der schwülen Luft. Sie erklingt in den leisen, beharrlichen Tönen leerer Seiten, die den Film instrumentieren: Als würde der Wind sie durchfahren. Die Sonne verschwindet langsam hinter den Bäumen am Horizont, und geht nicht wieder auf. Nachts ist das Motorengeräusch eines Autos vor der Hütte zu hören.

Erzählerisch völlig anders verfährt Angelina Jolies „In the land of blood and honey“. Während Fliegaufs Film die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was unsichtbar bleibt, sich außerhalb des Bildes befindet, nimmt Jolie das Grauen des Krieges schonungslos in den Blick. Bereits in einer der ersten Szenen wird die Ausgelassenheit eines Tanzabends von einer Bombenexplosion brutal zerrissen: der Krieg bricht mit aller Gewalt ein in das Leben ihrer Protagonisten Ajla und Danijel, und begräbt ihre schüchternen Annäherungsversuche unter schwarzer Asche. Fortan stehen die Bosnierin Ajla und der Serbe Danijel auf zwei verschiedenen Seiten, die nur der Hass aufeinander verbindet.

Gewiss hätte es sich Jolie in ihrem Regiedebüt leichter machen können, als einen blutigen Bürgerkrieg zu thematisieren, dessen Geschehen irgendwo am Rande des kollektiven Bewusstseins dunkel erinnert wird. Aus europäischer Sicht ist genau das perfide: Der übliche Beruhigungsmechanismus – ein großer zeitlicher und geographischer Abstand zu den Ereignissen – greift hier nicht. Man muss sich immer aufs Neue vergegenwärtigen, dass das, was auf der Leinwand zu sehen ist, im Europa der 90er Jahre stattfand. Dass das Gebiet des heutigen Staates Bosnien und Herzegowina für drei Jahre zu einem rechtsfreien Raum wurde, in dem jeder erschossen wurde, der sich auf die Straße wagte. Dass die militärisch weit überlegenen Serben an den muslimischen Bosniern einen gezielten Genozid verübten.

„In the land of blood and honey“ eröffnet ein weites Panorama des Schreckens. In quälend langen Szenen zeigt der Film die „ethnischen Säuberungen“, die im Verlauf weniger Stunden ganze Wohnblöcke entvölkerten, er zeigt die Internierungslager, in denen bosnische Frauen gefangen gehalten und Nacht für Nacht vergewaltigt wurden. Dort trifft Ajla als Lagerinsassin erneut auf Danijel, der einer der serbischen Schergen ist. Jolie, die auch für das Drehbuch verantwortlich ist, zeichnet ihre Beziehung als perverse Alliance der gegenseitigen Abhängigkeit. Für Ajla geht es ums nackte Überleben, für Danijel sind die gemeinsamen Stunden eine Flucht, eine Gegenwelt zur schrecklichen Realität. Mit der Figur des Danijel entwirft Jolie ein brillantes Psychogramm des Täters, der besessen ist von dem Wunsch, die Frau zu besitzen, der ihr gegenüber seine Macht ausspielen und anschließend kindisch Abbitte leisten muss, der emotional verwahrlost, der vom Krieg zum Krüppel gemacht wird. Das Erstaunlichste an „In the land of blood and honey“ aber sind die Augenblicke, in denen sich die Schönheit ganz unvermittelt ihren Weg bahnt. Einmal steht Ajla neben einem blassgrünen Fensterrahmen, das Licht des Tages fällt auf sie, und atmet den süßen Duft einer Birne ein, die ihr Danijel gebracht hat. Es ist ein extrem sinnliches Bild, das alles Furchtbare für einen Moment vergessen macht.

Filme mit politischem Anspruch können erfahrbar machen, was nur gewusst wird, sie können das Bewusstsein schärfen für bestimmte soziale und gesellschaftliche Konstellationen und deren verheerende Auswirkungen. Sie können Rückschau auf Vergangenes halten, es einordnen und verständlich machen. Tony Gatlif will mit seinem filmischem Essay „Indignados“ all das zugleich, und damit zuviel. Ähnlich wie auch „Indignez-vous“ ist sein Film als Zusammenschau angelegt. Leider emanzipiert er sich zu wenig von den Worten Hessels: Statt sie kritisch und klug zu ergänzen, liefert Gatlif nicht viel mehr als ihre größtenteils recht naive Bebilderung. Dort, wo der Film über Hessels schmales Manifest hinausgeht, beschränkt er sich auf schlaglichtartige, willkürlich aneinander gereihte Impressionen des Protests. In dokumentarische Aufnahmen der Aufstände des arabischen Frühlings mischen sich fiktionale Szenen um eine junge Frau aus Afrika, die Augenzeugin lärmender Mengen in Europa wird. Mit dieser überambitionierten Haltung, die in die Beliebigkeit mündet, betreibt Gatlif letztlich genau das, wogegen sich sein Film wendet: eine Politik der leeren Behauptungen.

Ein schönes Beispiel, dass das Zeitgeschehen im Film nicht nur reflektiert, sondern auch ausschlaggebend für seine Entstehung werden kann, ist „10+10“. Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Republik China auf Taiwan fanden sich 20 taiwanesische Regisseure zusammen, die zum Thema Taiwan jeweils einen 5-minütigen Kurzfilm schufen. Altmeister Hou Hsiao-Hsien beteiligte sich ebenso an dem Projekt wie junge Nachwuchsregisseure. Entstanden sind einhundert Minuten Film, die aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln von einem Land erzählen, dessen rechtlicher Status bis heute ungeklärt ist: Die Republik China auf der Insel Taiwan ist der letzte Überrest der alten Staatsform Chinas, die auf dem chinesischen Festland durch die 1949 gegründete Volksrepublik China abgelöst wurde. Taiwan versteht sich nicht als zur Volksrepublik China zugehörig, sondern als souveräner Staat, der von der Mehrheit der Staaten der Welt wegen des Konflikts mit Festland-China nicht anerkannt wird.

Vordergründig politisch sind die wenigsten der zwanzig Filme, in ihrer Summe aber sind sie ein facettenreiches Zeugnis der Befindlichkeit einer Nation. Kleine Banalitäten des Alltags werden ebenso aufgegriffen wie große, kontrovers diskutierte Themen. „The dusk of the gods“ von Sylvia Chang erzählt von der Erinnerung an einen zum Tode verurteilten jungen Mann. Der Film arbeitet mit stehenden Bildern, mit „eingefrorenen Momenten“, die sich im Gedächtnis festgesetzt haben. In Chu Jen-Pings „The Orphans“, dessen Sequenzen direkt aus einem Alptraum zu stammen scheinen, geht es um das furchtbare Schicksal einer geistig behinderten Frau. „The singing boy“ handelt von der Prügelstrafe in der Schule, die als nationales Trauma im Gedächtnis vieler Taiwaner verankert ist. „A grocery called Forever“ ist eine leise Geschichte über eine alte Frau, die sich weigert, ihr kleines Lebensmittelgeschäft aufzugeben. Ein wunderbar kauziger Film ist Wang Toon mit „The Ritual“ gelungen, mit dem „10+10“ beginnt: Zwei Brüder steigen, schwer bepackt, einen endlos hohen Berg hinauf. Lange weiß man nicht, wozu der Aufwand gut sein soll. Oben angekommen, wirft sich einer der beiden vor einem winzigen Schrein mit zwei geschnitzten Holzgöttern nieder, bevor die Aufbauarbeiten beginnen: Aus dem Gepäck schält sich ein Filmprojektor, mit zwei Stöcken und einem Leintuch wird eine Leinwand improvisiert. Die Götter dürfen nun, mit schicken rot-grünen Brillen ausgestattet, einen 3D-Film sehen. Eva Mackensen

 

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