„Wofür lebst du?“ , fragt die Mutter ihren Sohn, der nach der Eskalation eines Streites verdattert in der Ecke steht und nur noch verklärt über alles lächeln kann, was in seiner Welt so vor sich geht. Er, Erhard Borkman, ist der Hoffnungsträger der Familie. Ein verwöhntes Einzelkind, das noch als Erwachsener im Hotel Mama residiert und alles wieder richten soll, was seine Eltern falsch gemacht haben. Der Vater, ein ehemaliger Banker, wurde wegen Korruption eingesperrt und fristet seitdem den Hausarrest im oberen Stock des Hauses. Der Lebensinhalt der Mutter ist der erbitterte Machtkampf mit der Schwester, um den Mann und das eigene Kind. „Lasst mich doch mit euren Problemen in Ruhe, ich hab genug eigene“, sagt Erhard einmal. An den Münchner Kammerspielen ist diese Figur bei Lasse Myhr auf den ersten Blick ein verträumter Taugenichts, der stets betrunken die Zeit verstreichen lässt. In Wahrheit jedoch ein trauriger Clown, das Paradebeispiel der heutigen Jugend, der unter großem psychischen Druck steht, auch wenn er nicht weiß, woher dieser Druck kommt. Sein Ausweg ist die Flucht mit seiner um vieles älteren Geliebten Fanny, bei Hildegard Schmahl eine vornehme Lady, die mehr Jugendlichkeit versprüht als die meisten der anderen Figuren.
Der Regisseur Armin Petras siedelt das Geschehen in einer Mischung aus Bunker und Bergwerk an. Olaf Altmanns Bühne erinnert an unterirdische Maulwurfsbehausungen. In engen Gängen, aus denen es Papierbögen weht, können sich die Akteure kaum bewegen. Das Unglück der Familie wird zum Sinnbild für die Lage einer ganzen Gesellschaft. Die wirtschaftlichen Bezüge haben sich seit der Uraufführung von Ibsens „John Gabriel Borkman“ 1897 nicht geändert. Petras spielt sie aus; er zeigt, wie Menschen sich in Zeiten der Krise vermehrt auf die privaten, bürgerlichen Strukturen stützen, um den Halt nicht zu verlieren. Hierfür hat Petras gemeinsam mit dem Dramaturgen Malte Jelden eine Stück-Fassung erstellt, die zwar Ibsens Sprache ausdünnt, sie der Jetztzeit anpasst, ohne jedoch Strukturen des ursprünglichen Textes zu zerstören. Da wo Ibsen zu stark ausformuliert, hinterfragt Petras mit seiner Fassung das utopische Potential des Stücks und sucht nach Bruchkanten. Auf der Bühne äußert sich dies durch eine assoziative Sprache und Freiraum zur Improvisation für die Schauspieler.
John Gabriel Borkman bekommt von der zunehmenden Einsamkeit seiner Familie nichts mit. In Petras Inszenierung ist der grandiose André Jung an einem Karabinerseil an einem schrägen Schreibtisch festgebunden, wo er bis kurz vor Schluss verharren muss. Zugang zu seinem Gefängnis haben nur der gescheiterte Dichter Wilhelm, rührend kindlich dargestellt von Michael Tregor, und dessen musikalische Tochter Frida. Obwohl sich Petras auf eine herausragende Leistung des gesamten Ensembles verlassen kann, sind es vor allem André Jung und Michael Tregor, die der Inszenierung besondere Momente bescheren. Petras inszeniert die beiden Figuren als befreundetes Gegensatzpaar. Während Jungs Borkman ein gefühlskalter Egoist ist, der absolut nichts zu bereuen scheint und mit der Außenwelt abgeschlossen hat, wirkt Tregors Dichter beinah wie ein Phantasiefreund des Gefangenen, der sich unabsichtlich in diese Schattenwelt verirrt hat. Hanna Plaß als Wilhelms Tochter entpuppt sich in dem dreistündigen Abend als eines der aufregendsten Nachwuchstalente, die derzeit auf Münchens Bühnen zu sehen sind. Sie bereichert die Produktion nicht nur durch ihren neugierigen Charme und ihr facettenreiches Spiel, sondern auch durch wundervoll traurige Pianoballaden, die sich dank Sebastian Vogels und Thomas Kürstners Arrangements perfekt zu ihrer klaren Stimme fügen. Neben ihr ist Wiebke Puls die Leading Lady des Abends. Als todkranke Tante Ella, die sich von der einstig großen Liebe John und ihrem Ziehsohn Erhard zu verabschieden versucht, gelingt ihr das ergreifende Portrait einer zutiefst unglücklichen Frau, die fast manisch Phasen zwischen Stärke und Fragilität durchleben muss. Die Frage, wofür es sich zu leben lohnt, beantwortet Armin Petras mit der Vorherrschaft der Liebe. Auch wenn es für Ibsens Figuren vorrangig die Liebe zur Macht, zur Freiheit und zu sich selbst ist, so erscheint diese Inszenierung gerade auch wegen eines fulminanten Finales als Plädoyer für die Liebe zum Leben. Hanna Pfaffenwimmer