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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Der Führer war irgendwie lustiger Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Arne Koltermann  am  25. April 2012

Der Mond ist nicht genug: Diktator Kortzfleisch (Udo Kier) lechzt nach irdischer Macht. Foto: Polyband

Es ist das Jahr 2018, die Amis versuchen es mal wieder mit einer Mondlandung. Ging es bei Neil Armstrongs großem Schritt für die Menschheit noch ums Prestige, sollen nun die auf dem Erdtrabanten vermuteten Helium-3-Reserven die heimische Energieversorgung sichern. Doch eine Erkundungsmission schlägt fehl, die Mondfähre wird abgeschossen. Einzig der dunkelhäutige James Washington überlebt. Die Täter: Exilnazis, nach dem verlorenen Krieg einst mit der Reichsflugscheibe eingetroffen. Gemeinsam mit der sobald in ihn verschossenen Jungmädelführerin Renate wird Washington von den Mondnazis mit einer Erdenmission beauftragt. Dort sollen sie iPhones besorgen, damit Renates Vater, ein wahnsinniger Wissenschaftler, mittels einer modernen Computerwaffe den endgültigen Erdenendsieg vorbereiten kann. Alles kommt natürlich anders, die naive Renate wird bekehrt und der Nazispuk durch ein von Amerika geführtes Weltraumkriegskommando beendet.

Leider dachte sich Regisseur Timo Vuorensola offenbar, dass das Aufbrühen alter Reih-und-Glied-Klischees bereits die halbe Miete ist, wenn man einen lustigen Film über Nazis drehen will. Dabei ist es keinesfalls so, dass der Film nicht seine Momente hätte: Vergnüglich, wie die Finnen sich auf einer Uno-Konferenz eingestehen müssen, dass sie die einzigen waren, die sich an Abrüstungsverträge halten. Amüsant, wenn die Mondnazis den afroamerikanischen Gefangenen vermittels eines Albinisierers gleichsam weißzuwaschen versuchen. Nur kommen Nazis eben nicht wirklich vor, und politisch ist „Iron Sky“ ganz und gar nicht. Udo Kiers Führer ist, wenn überhaupt ein Nazi, dann ein extrovertierter Göring-Verschnitt. Ansonsten: Nymphomaninnen mit Uniform-Fetisch, Witzchen über Intimrasur, amerikanische Revolverhelden, markige Sprüche („Wir sehen uns in Walhalla“). Wer auf technisches Brimborium steht, mag sich an den effektvoll inszenierten Weltraumschlachten erfreuen – ansonsten ist „Iron Sky“, Trash hin oder her, unheimlich billig inszeniert.

Über allen Nazi-Komödien schweben seit gefühlten Urzeiten zwei große humoristische Filme: „Sein oder Nichtsein“ und „Der große Diktator“. Sie trieben ihre Scherze mit dem Führer, indem sie sich sein kurioses Äußeres zu Nutze machten oder ihn als größenwahnsinnigen Irren zeichneten. Dass es im Nationalsozialismus Konzentrationslager gab und Menschen verfolgt und getötet wurden, war bei Entstehung dieser Filme bekannt. Doch die planmäßige Vernichtung der europäischen Juden hatte noch nicht eingesetzt – und so wohnt den Werken von Lubitsch und Chaplin zwar eine gewisse Tragik inne. Doch diese wird durch eine spielerische Unschuld überdeckt.

Ob man die Nazis und ihre Führer nach Auschwitz noch als bloße Knallchargen verjuxen kann, sei einmal dahingestellt. „Das Leben ist schön“ hat vor einigen Jahren gezeigt, dass man dem Sujet noch würdevolle Komödien abringen kann – ein Vater verkauft dem Sohn das Lager als Spiel, dem er selbst zum Opfer fällt: Natürlich ein Märchen, aber kein Peinliches. Die Macher von „Iron Sky“ haben sich offenbar gedacht, dass man mit Nazis in der Unterhaltung nichts falsch machen kann. So wie mit Tieren, so wie mit Kindern. Doch ohne den Führer sind Nazis nicht einmal halb so lustig. Wer auf das humoristische Potenzial des Gröfaz verzichtet, braucht schon eine sehr gute Geschichte.

Zu allem Überfluss mutet uns „Iron Sky“ ein Ende zu, wie man es biederer selten gesehen hat: Die bekehrte Arierin Renate und der zurückgefärbte Washington überzeugen ungläubige Nazis mit einem leidenschaftlichen Kuss davon, dass Schwarze auch Menschen sind – nur damit wir Bescheid wissen. Jede Einstellung wirkt wie zwanghaft auf Kultfilm gebürstet. Ein besonderes Ärgernis sind die fast durchgängig schwachen Schauspieler: eine Ausnahme ist der extravagante Udo Kier, der herrlich funktioniert, nur eben nicht als Nazi. Zudem stirbt er allzu bald. Nun tritt Klaus Adler (arisch, aber annehmbar: Götz Otto) in seine Führerfußstapfen. Grauenvoll klischierte Figuren geben dagegen Julia Dietze als Renate und Tilo Prückner als verrückter Professor ab. Arne Koltermann

 

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