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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Lust auf Süßes Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Hanna Pfaffenwimmer  am  28. April 2012

Die ganz große Freiheit - bis zum nächsten Tankstopp, Foto: Matthias Horn

Ein Rucksack voller Träume. Das ist alles, was Maik und Tschick dabei haben, als sie sich kurzerhand mit einem geklauten Auto auf die Fahrt ins Ungewisse begeben. Dabei wollte Maik eigentlich nur Eindruck bei der Klassenschönheit Tatjana schinden, zu deren Party am letzten Schultag er nicht eingeladen wurde. Nun sitzt er mit Tschick, seinem Klassenkameraden, irgendwo in einem Kornfeld östlich von Berlin. Walachei nennt es Tschick, „Janz weit draußen“ ist es für Maik, die grenzenlose Freiheit ist es für beide. Viel mehr als eine seltsame neue Lust haben die zwei Jungs auf den ersten Blick nicht gemeinsam. Maik ist ein zurückhaltender Denker, der von seinen reichen, aber verantwortungslosen Eltern im goldenen Käfig gehalten wird. Tschick, der Junge aus Russland, ist hingegen ein impulsiver Draufgänger, der erst handelt und dann denkt, dafür aber für jeden Spaß zu haben ist. Er ist neu in Berlin und macht sich durch die Mischung aus selbstbewusster Arroganz und offensichtlichem Desinteresse an schulischen Aufgaben schnell zum Außenseiter. Und trotzdem ist es genau diese Konstellation an Gegensätzlichkeit, die dem Stoff Spannung verleiht. Autor Wolfgang Herrndorf hat mit Maik und Tschick zwar durchaus auch klischeebeladene Prototypen geschaffen, mit deren Eigenheiten man sich jedoch sofort identifizieren kann. Regisseur Jan Gehler greift dieses Identifikationspotential geschickt auf und präsentiert mit Benjamin Pauquet und Sebastian Wendelin ein Dreamteam in den Hauptrollen. Die beiden jungen Schauspieler nehmen ihre Rollen ein, als wären sie für sie geschrieben. Während Pauquets Maik stets damit beschäftigt ist, dem Zuschauer das große Abenteuer auf sehr amüsante Weise aus der Ich-Perspektive näher zu bringen, hat Wendelin die Lacher auf seiner Seite, wenn er währenddessen etwas unbeholfen die Bühne in ein Süßigkeitenschlachtfeld verwandelt – dann werden Smarties ganz schnell zu süßen Brombeeren. Zum Paradies. „Heaven is a halfpipe“ heißt es in einem Lied der Band OPM. Bühnenbildnerin Sabrina Rox hat den Figuren eine graue Rampe gebaut, auf der sie sich ihre Welt und ihren persönlichen Himmel konstruieren. Bis auf ein Radio, das den gestohlenen Landa symbolisiert und aus dem immer wieder das Best-of von Richard Clayderman tönt, gibt es auf dem Abenteuerspielplatz keine Requisiten, was dank Gehlers assoziativer Herangehensweise auch gar nicht nötig ist. Die große Freiheit, der grenzenlose Spaßliegt ohnehin hinter der Rampe und bleibt für die Zuschauer unsichtbar. Es kostet Mühe, sich auf die Spitze zu kämpfen, hat man aber einmal den höchsten Punkt der Konstruktion erklommen, tut sich dahinter eine Welt auf, die man nur sehen kann, wenn man die jugendliche Phantasie zulässt. Egal ob es sich dabei um Siedlungsgebiete, einen Bergsee oder eine Tankstellehandelt, wie aus dem Nichts tauchen daraus die Figuren auf, denen Maik und Tschick im Laufe ihrer Fahrt begegnen. Unter ihnen ist Isa, bei Lea Ruckpaul eine Jeanne D’Arc der Müllhalde, die durch ihren ruppigen Charme punktet oder Anna-Katharina Muck als überbesorgte Sprachtherapeutin. Der plötzliche Wandlung der Handlung vom Komischen ins Tragische begegnet Gehler mit einem feinfühligen Übergang, und plötzlich erhalten die vielen subtilen und oftmals übertrieben lustigen Dialoge der beiden Freunde eine neue Qualität. Ruhe, Bedenklichkeit, manchmal sogar Trauer erfüllt sie dann. Die Einsicht, dass die Freiheit doch nicht so grenzenlos ist, wie die Freunde dachten, und dass der Alltag, den sie zurückgelassen glaubten, voll mit gesellschaftlichen Zwängen ist, denen sie sich letztlich eben doch fügen müssen, wird ihnen zu einer schmerzlichen Erfahrung. Als Kinder sind sie losgezogen, als Erwachsene kehren sie zurück. Dramaturg Robert Koall hat aus Wolfgang Herrndorf Erfolgsroman „Tschick“ eine lebendige Bühnenfassung erstellt, in der die sprachliche Leichtigkeit des Romans erhalten geblieben ist. Nichts wird verschnörkelt. Einfache Sätze. Pointen. Jan Gehler schafft es, dass in den kurzweiligen zwei Stunden niemand an Jugendtheater denkt. „Tschick“ verhandelt Themen, die zwar aus der Perspektive zweier junger Menschen dargeboten werden, aber gewiss viele Menschen erreichen – welchen Alters auch immer. Denn nicht nur Freundschaft und Liebe werden in diesem Stück diskutiert, sondern der Zuschauer macht sich zusammen mit den Jungs auf die Suche nach dem (Un-) Sinn des Lebens. Eindrucksvoll appelliert Gehler an die Unvoreingenommenheit und Lebensfreude und zeigt die Vorteile der kindlichen Neugierde. Hanna Pfaffenwimmer
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