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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Messer und Fäuste Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Eva Mackensen  am  28. April 2012

Papa, wie hast du’s mit der Religion?, Foto: Moon Saris/Theaterinbeeld, Niederlande

Eine leere, schwarze Spielfläche, hinten begrenzt durch eine schwarze Wand.  Darauf zwei Männer – getrennt durch die Anzahl an Jahren, die zwischen ihnen  liegen, verbunden durch die Ähnlichkeit  ihrer Gesichtszüge, ihrer Statur, ihrer Bewegungen. „This is my dad“ heißt das Stück des jungen niederländisch-israelischen Regisseurs Ilay den Boer – und wie im Titel angekündigt, hat er seinen Vater mitgebracht, der in Jogginghose und weißem Unterhemd neben ihm auf der Bühne steht. Ein Zwei-Personen-Stück, ein persönliches, mitunter intimes Kammerspiel, das um die Lebensgeschichte des Vaters kreist, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Vater und Sohn, um verschiedene Blickwinkel auf die Wahrheit. Die Zuschauer sind aufgefordert, mitzumachen, Fragen zu stellen. Eine kleine Broschüre wird verteilt, in der sich, in chronologischer Reihenfolge, die wichtigsten Ereignisse im Leben Gert den Boers finden, des 1959 in den Niederlanden geborenen Vaters. Es sind Eckdaten, Stichworte, Randnotizen eines Lebens, die zu Ausgangspunkten für Geschichten werden. Spielerisch beginnt der Abend, mit einer Quasi-Performance, einem improvisierten Jonglieren mit Erinnerungsstücken, die, auf jeweilige Nachfragen aus dem Publikum hin, nach und nach aus kleinen Schubladen in der schwarzen Bühnenrückwand gezogen werden. Für kurze Zeit fasziniert der Gedanke, sich auf vielen verschiedenen Pfaden der Vergangenheit dieses Menschen nähern zu können, der dort oben auf der Bühne steht, und der, wie wir alle, in seinem Dasein von unzähligen Erinnerungen an gelebte Momente bestimmt wird, die untrennbar zu ihm gehören. Doch der Abend schlägt noch einmal eine andere Richtung ein. Ein wesentlicher Unterschied zwischen diesem Vater und diesem Sohn ist einer, der keine Rolle zwischen ihnen spielen sollte. Ilay ist Jude, weil seine Mutter jüdisch ist und die Religionszugehörigkeit im Judentum über die Mutter vererbt wird. Der Vater hingegen ist Christ. Ganz allmählich schiebt sich dieses Thema in den Mittelpunkt und der Weg dorthin führt, paradox genug, über das Redenüber Fußball. Auf Seiten des Vaters geht es um Leidenschaft, große Torhüter-Hoffnungen, die auf den Sohn projiziert werden, der seinerseits von Unbehagen und Elfmeter-Angst zu berichten weiß. Es geht, schließlich, um Beleidigung, Demütigung, um Messer und Fäuste. Antisemitische Übergriffe durch die Vereinskameraden, sagt Ilay. Mobbing durch hirnlose pubertäre Scheißkerle, sagt der Vater. So bricht ein Konflikt zwischen beiden los, der den Opferstatus Ilays bei den damaligen Ereignissen verhandelt. Längst folgen die beiden Akteure zu diesem Zeitpunkt festgeschriebenen Dialogen, einem Skript, das die Performance in dokumentarisches Reenactment verwandelt. Die Wahrheit muss irgendwo zwischen den Varianten oder Stilisierungen der Geschichte liegen. Zwischen der Dramatisierung der Geschehnisse durch den Sohn und ihrer Verdrängung durch den Vater. Seine überraschende Qualität erhält das, was auf der Bühne passiert, durch diesen Schwebezustand. Scheinbar im Affekt, in der Wut über das Unverständnis des Vaters gefangen, beginnt Ilay damit, weitere Schubladen in der Wand zu öffnen, versteckte Wände und Bühnenteile vorzuschieben, Papierblätter über die Bühne zu verstreuen. Was sich auftut, sind gespenstische Zeichen des Neonazismus und Judenhasses in den Niederlanden. Ein hakenkreuzbeschmierter jüdischer Grabstein, ein flammend rotes Doppel-S auf einer Gedenktafel, eine zerfetzte Israel-Flagge. Zugleich aber ist es doch nur tumbe Kulisse und die finsteren Gesellen mit Baseballschlägern und Sturmmasken, die Ilay hinter sich aufstellt, sind aus Pappmaschee. Es ist, trotz der Bezüge zum Realen, ein theatraler Akt der Selbstbeglaubigung, des Sich-Einrichtens in der eigenen Geschichte, der hier stattfindet. Zum nochmaligen Durchspielen der Ereignisse gehört auch, sich nackt und bloß zu machen, und so entledigt sich Ilay seiner Kleidungsstücke, um inmitten der stummen Zeugnisse des Fanatismus und des Wahns die Demütigungen noch einmal zu erleben. Anrührend und aufrüttelnd, lächerlich und erschreckend ist diese Szene – aus der ihn der Vater retten muss, der ihm etwas zum Anziehen bringt, und damit auch seine Identität als Person, seine Würde zurückgibt. Eva Mackensen

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