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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Pierre Jarawan  am  11. Mai 2012

Hauptsache, die Meerjungfrau bleibt feucht. Foto: HBO/Warner Bros.

In einem Hinterzimmer knallen die Sektkorken. „Auf diese wunderbaren, ignoranten Mistkerle“, sagt Nucky Thompson und hebt das Glas. Der Bürgermeister und die anderen Alphatiere der Stadt tun es ihm gleich. Es ist 1920 in Atlantic City, in weniger als zwei Stunden tritt die Prohibition in Kraft, das landesweite Verbot des Verkaufs und der Herstellung von Alkohol in Amerika. Die ignoranten Mistkerle, das sind die Kongressabgeordneten, die das Gesetz verabschiedet haben. Atlantic City aber, dieser mit Bars und Spielhöllen überflutete, stetig funkelnde Sündenpfuhl unweit des Big Apple, soll weiterhin „feucht bleiben, wie eine Meerjungfrau“.

Nucky Thompson ist der Stadtkämmerer von Atlantic City. Zumindest offiziell. In Wahrheit kontrolliert er das gesamte Wirtschaftsleben der Stadt. Er bewohnt die komplette achte Etage des Ritz-Carlton an der Promenade, hohe Politiker und niedere Polizisten stehen auf seiner Gehaltsliste und die Prohibition soll es ihm ermöglichen seinen Einfluss ins Unermessliche zu steigern.

„Boardwalk Empire“ heißt das momentane Flagschiff des amerikanischen Seriengiganten HBO. Der Sender, der mit den „Sopranos“ und „The Wire“ das serielle Erzählen im Fernsehen verändert hat, erweckt hier eine untergegangene Epoche wieder zum Leben.

Im Zentrum der Erzählung steht die korrupte Politikerfigur des Nucky Thompson, gespielt von Steve Buscemi. Der Mann, der über die Jahrzehnte hinweg, durch einprägsame Kurzauftritte im Arthouse-Kino zu einem der bekanntesten Nebendarsteller Hollywoods wurde, bekommt hier seinen verdienten großen Auftritt – für den er prompt mit dem Emmy ausgezeichnet wurde. In jedem Winkel seiner Falten scheinen die Abgründe von Nucky Thompsons Persönlichkeit sichtbar zu werden. Er ist ein Bilderbuchrepublikaner nach außen hin und hinter den Kulissen ein Mann, der unliebsame Redner zum Schweigen bringt und der die Stadt mit Bier, Wein und Schnaps versorgt, während der Rest Amerikas auszunüchtern droht. Es mag wie das Ende eines Zeitalters aussehen, doch es ist der Beginn. Die Prohibition ermöglichte es dem organisierten Verbrechen, zu einem der mächtigsten Wirtschaftszweige Amerikas aufzusteigen. Die Prüderie der damaligen Politik machte sich indirekt zum Geburtshelfer der Mafia in Amerika. In Atlantic City fließt der Alkohol in Strömen, da will man in Chicago und New York nicht hinten anstehen. Gruppen formieren sich, ein kleiner Wichtigtuer und Pöbler namens Al Capone macht da von sich reden, in New York will ein Lucky Luciano Teil des Puzzles werden. Dass man in „Boardwalk Empire“ zwei der größten Gangster der amerikanischen Geschichte dabei beobachten kann, wie sie langsam zu dem werden, was sie später sein sollten, ist jedoch nur ein Randaspekt dieser fesselnden Geschichte. Hier, vor den Augen der Zuschauer, wird nicht nur das organisierte Verbrechen geboren, auch das Frauenwahlrecht erlebt seinen Anfang. Hiervon profitieren Frauen wie Margaret Schroeder, die von Kelly Macdonald als eine stetig zwischen Schüchternheit und dem Bewusstsein um ihre weiblichen Reize schwankenden Dame gespielt wird. Interessante Figuren gibt es zuhauf in dieser Geschichte. Michael Pitt zum Beispiel spielt den Weltkriegsheimkehrer James Darmody, der in Nucky Thompsons kriminellem Schatten zu einer wichtigen Bezugsperson heranreift. Durch seine Person und die seiner Frau wird ein weiteres Problem dieser Zeit thematisiert: Das sich beginnende verschiebende Rollenverhältnis innerhalb der Familien. Die Frauen haben während der Abwesenheit ihrer Männer gelernt, sich und die Kinder selbstständig zu ernähren, eine bedingungslose Rückkehr an den Herd ist für sie schlichtweg keine Option mehr. Darmody ist ein verhinderter Intellektueller, der im Krieg das Töten gelernt hat und einsieht, dass er mit der Waffe deutlich mehr erreichen kann, als mit dem Geist. Dann ist da noch der scheinbar ehrenhafte Polizist Nelson Van Alden, gespielt von Michael Shannon, dessen persönliche Abgründe sich erst nach und nach offenbaren. Seine Stellung als Nucky Thompsons erbittertster Gegner ist eng verknüpft mit dem schrittweisen Aufgeben ehemals heiliger Prinzipien. In der ersten Staffel der Serie werden so viele Personen eingeführt, so viele spannungsversprechende Konfliktmöglichkeiten angelegt, dass es schwer ist, als Zuschauer die Augen abzuwenden.

Das liegt vor allem an der Ausstattung. Wohl noch nie wurde einer Fernsehserie ein so üppiges Budget zuteil. Allein der Pilotfilm kostete rund 20 Millionen Dollar und mit Martin Scorsese wurde ein Regisseur verpflichtet, der im Mafiagenre reichlich Erfahrung vorweisen kann. Anschließend setzte Scorsese sich auf den Produzentensessel und verhalf „Boardwalk Empire“ zu einer der opulentesten Kulissen, die man in einer TV-Produktion je gesehen hat: Das Antlantic City der 20er Jahre ist hier eine glitzernde Stadt am Atlantik, das Las Vegas der Ostküste, mit bunter Promenade von der stetig der fröhliche Klang der Drehorgel her dringt und das Schnattern der Möwen die Luft erfüllt. Die Frauen tragen die schönsten Kleider, die Männer stolzieren mit Anzügen, Hüten und Zigarren durch diese Welt, die ganz und gar unwirklich daherkommt. Man muss Nucky Thompson, diesen verruchten und schmierigen kriminellen Großmeister einfach lieben und ihn deswegen hassen. Die ganze Atmosphäre dieser Serie ist durchtränkt von einer scheinbaren Oberflächlichkeit, einer Seichtigkeit die eigentlich unerträglich ist und die einen genau darum fesselt. Eben weil sie als Oberfläche angelegt ist, unter der die Konflikte brodeln.

Auf Dauer jedoch kann diese fantastische Ausstattung nicht ganz darüber hinwegtäuschen, dass die erste Staffel von „Boardwalk Empire“ nicht ganz an das herausragende Niveau anderer HBO-Serien heranreicht. Zu oft verliert sich das Gezeigte in reinen Schauwerten. Von der inneren Struktur her bietet die Serie nur alten Stoff in neuem Glanz und bedient sich der klassischen Handlungsschemata des Genres: rivalisierende Gruppen, die sich gegenseitig bekämpfen, ein ehrgeiziger Polizist, der nur schwer zu bändigen ist oder eine Frauenfigur die hauptsächlich darum Einfluss erlangt, weil sie eine Frau ist. Natürlich kann man nicht erwarten, dass das Genre neu erfunden wird, aber auch die Figurenzeichnung ist für HBO-Verhältnisse erstaunlich schematisch. Spaß macht das Ganze aber trotzdem und spannend ist es allemal.

Das liegt an dem Team, das hinter „Boardwalk Empire“ steht: Terence Winter, der talentierteste Erfinder in HBO‘s Geniestube, hatte die Idee zur Serie, auch wenn diese zu einem Teil auf Nelson Johnsons Buch „Boardwalk Empire: The Birth, High Times, and Corruption of Atlantic City“ basiert. Hinzu gesellen sich alte Weggefährten wie Tim Van Patten oder Steve Kornacki, die, gemeinsam mit Winter, schon die „Sopranos“ realisierten und die hier die Drehbücher für zahlreiche Episoden schrieben oder selbst Regie führten. Ebenfalls auf dieser Liste steht Mark Wahlberg, der sich – still und heimlich – von einem Unterwäschemodell, über einen mittelmäßigen Schauspieler zu einem der angehenden Top-Produzenten des Fernsehgeschäfts gemausert hat. Schon bei den HBO-Shows „In Treatment“ und „How to Make it In America“ zog er im Hintergrund die Fäden.

Während die „Sopranos“ den langsamen Untergang der Mafia an der Ostküste im Allgemeinen und in New Jersey im Speziellen beleuchteten, liegt das Augenmerk in „Boardwalk Empire“ auf ihrer Entstehung. Und wer sich erinnert, wie Tony Soprano am selben Boardwalk in Atlantic City stehend aufs Meer blickt, hinter ihm die rostenden, verrotenden Kulissen der Promenade, der kommt sich beim Zusehen wie ein Zeitreisender im HBO-Universum vor. Pierre Jarawan

 

 

„Boardwalk Empire“ – die komplette erste Staffel. Darsteller: Steve Buscemi, Michael Pitt, Kelly MacDonald, Michael Shannon. Warner Bros. Home Entertainment, 12 Episoden, 644 Min, 27,99 Euro.

 

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