Sie streiten, sie keifen, sie knurren. Sie lachen, sie weinen, sie murren. Und sie
warten. Warten auf Godot. Wie lange schon? Das lässt sich nicht sagen. Zwei
alte Sessel stehen da vor einem schwarzen, die ganze Leere widerspiegelnden
Hintergrund. Links ein Baum mit herabhängenden Blättern. Über den beiden
Wartenden baumelt das fahle Licht einer Straßenlaterne. Sonst nichts. Spötter
nannten Samuel Becketts modernen Klassiker „das Stück in dem nichts passiert.
Zweimal“. Dass dies nicht stimmt, dafür sorgen die beiden Darsteller: Werner
Galas und Horst Schily verleihen Wladimir und Estragon, diesen vagen
Vagabunden, eine ungeheure emotionale Präzision. Mit großem stimmlichen Einsatz
tänzeln sie leichtfüßig auf der ganzen Bandbreite menschlicher Wesenszustände:
wütend, entnervt, entspannt, phlegmatisch. Zwei alte Käuze, die sich
anschreien, in den Arm nehmen, sich aufmuntern oder niedermachen. Es ist, als
würde man ein altes Ehepaar beobachten, dann wieder erinnern sie mehr an kleine
Kinder. Katja Ott, Intendantin des Theater Erlangen und Regisseurin des Stücks, inszenierte Becketts Stück sehr textnah und ohne große Regiegesten. Große Änderungen wären ohnehin schwierig: Beckett legte großen Wert auf eine textgetreue
Umsetzung seiner Werke. Es geht in dieser Inszenierung um die nicht beantwortbaren Fragen nach dem Sinn des Lebens und der menschlichen Existenz. Wir sehen: Das (Über-)Leben als sich stetig wiederholendes Ritual. Und die ganze Absurdität des Daseins bündelt sich in den Gesten und der Mimik der Darsteller. Becketts Text ist durchdrungen von einer großen Tragik, die besonders in den leisen
Momenten zum Tragen kommt. „Komm wir gehen“, sagt Estragon. „Wohin?“, fragt
Wladimir zurück und Estragon kann mit nichts als Stille antworten. Auch Pozzo
und sein Knecht Lucky, gespielt von Hermann Große-Berg und Robert Naumann,
scheinen die Last aller Tragödien der Menschheit auf ihren Schultern zu tragen,
so gebückt schleicht zunächst der eine, dann der andere über die Bühne. Zugleich
findet sich eine große Komik in Becketts Stück. Henri Bergson definierte diese
Komik einst in seinem Aufsatz „Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des
Komischen“ als mechanischen Prozess. Und an einen solchen erinnern die Figuren
tatsächlich in ihrem sich Immer-wieder-neu-erinnern, in ihrem stetigen Bemühen,
dem Warten Sinn zu verleihen. Am Ende ist Godot noch immer nicht gekommen.
„Also? Wir gehen?“, fragt Wladimir. „Gehen wir!“, entgegnet Estragon. Aber
nichts geschieht. Pierre Jarawan