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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Schnee, der auf Zeitleisten fällt Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Lukas Wilhelmi  am  19. Mai 2012

Spion in Skihosen: Philipp von Mirbach auf Rollschuhen, Foto: Theater Augsburg

„Ich verstehe von Politik nichts“, sagt Ernst. Sein Blick ist der Wand zugewandt, einem hell bestrahlten Fleckchen Vertikale. In einem symbolleeren Raum steht und starrt er. Dorthin, wo alles zusammenkommt. Wo alles sich fügt, alles sich auflöst und verschwindet.

Weiß ist die Farbe des Abends im tim. Es ist 1945, wie eine Texttafel erzählt, wenig später ist es in gleicher Situation 1939: Der spätere Agent Ernst, dem Martin
Herrmann nie die Chance gibt, einmal wach zu werden, berichtet erschöpft von
seinen Kindheitserfahrungen. Kriegserfahrungen. Alles, was bisher passiert ist, alles, was noch passieren wird, in diesemweißen Raum, weitläufig von Abdeckfolien überspannt, fängt an diesem Punkt an. In “WE ARE CAMERA / Jasonmaterial”, einer Produktion des Theaters Augsburg, nach einer Vorlage von Fritz Kater und unter der Regie von Lilli-Hannah Hoepner, hängt alles mit allem zusammen.

Es ist 1969, Silvester. Das neue Jahrzehnt kommt und mit ihm die Veränderung: Eine Familie bricht nach Helsinki auf. Dass es ein Urlaub ohne Wiederkehr werden wird, weiß nur der Vater. Er ist Spion im Dienste der DDR, soll ein gewisses weißes, todbringendes Pulver über Skandinavien in den sozialistischen Staat bringen. Von diesem Tag aus springt das Stück werkgetreu auf der Zeitleiste hin und her: Weltkrieg, Nachkriegszeit, kalter Krieg. Alles an dem zeitlosen Thema Familie wird durchexerziert. Schlüsselmomente des subjektiven Erlebens werden chronologisiert, verbalisiert. Mal fliegt ein Videobild an die Wand, meist bleiben Erinnerungen nicht sichtbar.

Das Wort gehört nur den Figuren, nicht dem Zuschauer. Dem wird von einem Land erzählt, das es mal gab und einem, das es so nicht mehr gibt. Das Politische ist privat ist politisch ist privat – in dieser deutsch-deutschen Geschichte. Als Ehefrau Paula, von Ute Fiedler begriffsstutzig gegeben, von der doppelten Identität ihres Ehemanns erfährt, rennt sie, ziemlich direkt, in die Arme des Portiers. Weil der weibliche Seitensprung ja immer vom Auslösen der Zustände kündet; weil Frauen, so die dramaturgischeLogik, sich ihre Triebe aussuchen können. Das ist weder im Text nachvollziehbar noch eindrücklich inszeniert. Vielmehr steckt eine tiefe Befremdung in den Momenten menschlicher Nähe, wer sie hier auch wem geben mag. In diesem weitläufi gen Ambiente, wo ein paar Interieur-Kombinationen nacheinander besetzt und bespielt werden, ist Wärme etwas, dem man mit Skepsis begegnet. John, der Portier und auch Spion für die andere Seite, trägt meist Rollschuhe, spricht mal deutsch, mal englisch. Philipp von Mirbach weiß dabei nicht immer, ob er seine Figur mag oder ob er sie bloßstellen möchte. Häufig muss er in leeren Schlagwörtern sprechen, die aber super klingen, gerade in der Fremdsprache: „The truth is a wound, but the lie is a gun.“ Oha.

Überhaupt, Armin Petras, der unter Pseudonym diesen Text-Steinbruch angelegt hat, hat 2004 selbst sein Werk inszeniert – mit großem Erfolg. Der Text ist eine Assoziationsgewalt, schon der Titel, der von griechischen Mythen über Heiner Müller bis neuerdings sogar zum drohenden Post-9/11-Polizeistaat dem Zuschauer alles ermöglicht. Politische Schlagworte fallen wie die vielzähligen Lichtwechsel: Guillaume, Judenverfolgung, KZ, München ‘72, Tschernobyl. Aus diesem Wirrwarr könnte man heraustreten und den Text damit einem Ordnungsversuch unterziehen. Doch die Inszenierung fügt weitere Konfusion hinzu, ohne diese zum Stil zu erklären: Die Musik wechselt von hibbeligen Elektroteppichen über Popsongs mit Chanson-Einschlag bis zur grazilen Gitarrenfl äche des Films „Babel“. Lilli-Hannah Hoepner nimmt ihre Figuren zu ernst, wo sie doch vor allem Projektionsflächen sind, die nicht selten zum Klamauk neigen und für politische Gedankenräume und eben nicht für reale Personen stehen. Jedenfalls nicht im Theaterraum. Dabei sind die besten Momente die, in denen die Darsteller nicht die gesamte Altlast der BRD abtragen müssen. Als Sarah Bonitz  als Tochter Sonja auf eine Silvesterparty geht und von ihrer Mutter ein paar Kondome eingesteckt bekommt oder als ihr Bruder Mirko anschließend mit seiner Mutter tanzen muss und Alexander Darkow diesen Akt wunderbar verkrampft hinter sich bringt; das sind die guten Momente des Abends. Da wird es warm in all diesem kalten Weiß. Doch aufgrund der Seltenheit dieser Momente verhält es sich mit diesem Abend wie mit den abertausenden Federflocken, die über die gesamte Fläche verstreut sind. Sie werden aufgewühlt, zusammengepfercht und umhergestreut – aber sie ergeben kein atmosphärisches Ganzes. Lukas Wilhelmi

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