„Wenn Eisen auf Stein schlägt gibt es Funken“, lautet eine Zeile aus Christoph Nußbaumeders Familiendrama “Eisenstein”. Das gleichnamige Dorf in Niederbayern,
nahe dem Bayerischen Wald, ist Austragungsort für eine Geschichte, wie man sie bis dato nur aus einem Fernsehmehrteiler kannte. Um den Untergang des Hauses Hufnagel aufzuzeigen, spannt der Autor den Bogen von der Nachkriegszeit bis ins Heute. Nußbaumeder spart nicht mit den großen und kleinen Tragödien der Menschheit. Ob Intrigen, Geschwisterhass, Krebs, vermeintlicher Inzest, Liebes-kummer: Kein Schicksalsschlag wird ausgelassen. Sehr konstruiert das Ganze
– und nicht selten lächerlich. Jochen Schölch setzt dieser übertriebenen Fülle an kleinen Katastrophen eine sehr nüchterne Inszenierung entgegen. Die ländliche Atmosphäre ist nur noch in den Worten vorhanden, das Bayerische kann man, wenn überhaupt, nur an der Dialektfärbung der Schauspieler erkennen. Der Kontrast spiegelt sich auch in der Schauspielführung. Die Schauspieler sind die ganze Zeit über präsent, sitzen am hinteren Bühnenrand und dienen als Geräuschkulisse. Wenn sie spielen, treten sie vereinzelt nach vorn, um am Ende ihrer Episoden wie versteinert
zu verharren und unter sphärischen Klängen den Rückzug anzutreten. Der Form mag es auch geschuldet sein, dass es lange dauert, bis sich die einzelnen Episoden miteinander verweben. Zu viele Figuren führt der Autor zu Beginn ein, eine Übersicht schafft nur der Tod, der alle Viertelstunden ein Mitglied der Hufnageldynastie auslöscht.
Die Schuhe der Toten stehen bei Schölch verloren am Bühnenrand, die jeweiligen
Beerdigungen sind gleichermaßen Ende als auch Anfang eines Handlungsstrangs.
Und immer kommen die Trauernden mit Regenschirmen. Das emotionale Zentrum bildet dabei Nicola Nörgauer als Gerlinde Hufnagel. Sie ist die einzige Figur, mit der
man sich identifizieren kann, weil sie sich im Gegensatz zur Kälte; Schärfe und Egozentrik des Umfelds eine große Portion Menschlichkeit bewahrt.
Wie von außen blickt sie selbst auf ihr Leben, bestehend aus einer Reihe verpasster
Chancen. Ihre Jugendliebe Georg musste sie verlassen, weil ihr der Vater
weismachte, sie seien Bruder und Schwester: Das Produkt dieser verbotenen Liebe,
ihren Sohn, brachte sie heimlich zur Welt und gab ihn zur Adoption frei, um ihn
am Ende ihres Lebens wiederzufinden. Nörgauer spielt dieses verpfuschte
Leben so überzeugend ehrlich, ihre fragile Stärke trägt die Inszenierung. Fast russisch mutet dieses Landleben an, dem die Figuren entfliehen wollen, aber beim alleinigen Versuch nur noch tiefer in ihr Verderben schlittern. Innovative Geschäftsideen, Alkohol oder die Flucht vor der Monotonie ins Ausland erweisen sich nur als kurzfristige Lösungen, man kommt immer wieder zurück ins Dorf, um entsetzt festzustellen, wie wenig sich geändert hat.
Die Geschichte wiederholt sich: Aus den Fehlern der Vorfahren haben die Erben nichts gelernt. Die Zeit vergeht langsam am diesem Abend, wie auch im Leben der Hufnagels. Fassungslos stehen sie immer wieder am Friedhof. „Das Glück muss man aushalten können“, sagt Georg am Grab von Gerlinde. Das vorherrschende Unglück auch. Hanna Pfaffenwimmer