Früher, ja früher ist man ganz anders aufgewachsen: Ohne Biowindeln und Hightech Babyfone, ohne durchgeplante Nachmittage mit musikalischer Früherziehung, Englisch-Sprachkurs und Kinder-Yoga, dafür mit vielen realen Gefahren und Ängsten, aber eben auch Freiheiten. Eltern von heute scheinen in allen Belangen informiert. Obwohl sie also wissen oder wissen müssten, wie wichtig es für die Kinder ist, eigene Erfahrungen und Fehler zu machen, mutieren viele von ihnen zu sogenannten Helikopter Eltern. Ähnlich wie Polizeihelikopter, die in Filmen über den Verdächtigen kreisen, dreht sich bei dieser Art von Eltern alles um den Nachwuchs. Am liebsten würden sie ihre Kinder rund um die Uhr bewachen und kontrollieren, weil sie ihnen nichts mehr zutrauen und ständig in Sorge um deren Wohlergehen sind. So auch Chris, eine erfolgreiche Psychologin, die ihre Tochter Kathi allein großgezogen hat. Kathi ist mittlerweile dreißig und als Resultat der Überbehütung ihrer Mutter ein typisches Bumerangkind. Als erfolglose Schauspielerin und ebenfalls Alleinerzieherin eines kleinen Sohnes, ist sie nicht nur ideell sondern auch finanziell von der Mutter abhängig, die diesen Zustand ausnützt, ihre erwachsene Tochter immer mehr zu manipulieren.
Hanna Doose zeigt mit ihrem Abschlussfilm „Staub auf unseren Herzen“ an der Berliner Filmakademie das komplexe Gefüge einer Mutter-Tochterbeziehung. Die Bestrebungen der jungen Kathi sich selbst zu finden, scheitern immer daran, dass ihr die eigene Mutter Steine in den Weg legt, weil sie meint den Lebensweg der Tochter mitbestimmen zu können. Susanne Lothar spielt die Mutter im Spagat zwischen eisiger Kälte und Bestimmtheit ihrer Tochter gegenüber und andererseits mit großer Sensibilität und einem Verständnis für das Schicksal ihres Kindes, das sie zwar nicht artikulieren kann, das sich jedoch stets in ihren traurigen Augen spiegelt. Der Drang das Leben von Kathi besser zu machen, ist eine Art Wiedergutmachung an ihre eigene Vergangenheit. Dass sie durch ihren normativen Einfluss die Tochter nur noch mehr unter Druck setzt, merkt sie viel zu spät, denn trotz ihrer Profession, kann Chris eines nicht: aktiv zuhören. Doose verdeutlicht dieses gestörte Kommunikationsverhältnis von Mutter und Tochter immer wieder in unmittelbaren Konfrontationen der beiden, sei es in einer fingierten Beratungssituation in der Praxis der Mutter oder im aggressiven Zweikampf, stets begleitet von der flexiblen Kameraführung von Markus Zucker. Er richtet sich nach den Belangen der Figuren anstatt Spielräume vorzugeben, was gerade den vielen improvisierten Szenen sehr zu gute kommt.
Von den Schubladen der Seelen brabbelt Kathis kleiner Sohn Lenni. Er ist sich sicher, dass jeder Mensch für jeden Gemützustand eine Schublade in sich trägt. Eine für Wut, eine für Freude und eine für Trauer. Seine Mutter ist dann wohl der Prototyp dieses Schubladensystems. Eine junge Frau, die auf der Suche ist; nach Erfolg, Anerkennung, Liebe und sich selbst. Kathi ist auf den ersten Blick unscheinbar und schwach, eine Mitläuferin im Leben, das oftmals nicht das ihre zu sein scheint. Stephanie Stremler in der Hauptrolle verleiht der Figur dank ihres eigenwilligen Sprechstils zusätzliche Nuancen. So, als würde sie sich die Worte noch überlegen, währenddessen sie sie ausspricht, ist ihre eigenwillige Aussprache eine irritierende, aber angenehme Nuance, die alle Kritiker der Sprechfähigkeit junger Schauspielern milde stimmen dürfte und ihrer Rolle eine Art von Reife verleiht, die zuversichtlich macht, dass Kathi es auch ohne ihre Mutter schaffen kann.
Zuflucht findet die junge Frau schließlich in der Musik und dem Puppenspiel. Gemeinsam mit dem chaotischen Lebenskünstler Fabian singt sie von nun an von Staub und dessen Gefährlichkeit für die Herzen der Menschheit. Ein schönes Sinnbild, wenn man bedenkt, dass uns von Seiten der Religion immer wieder eingebläut wird, dass der Mensch letztendlich aus Staub ist und zu Staub zurückkehren wird. Hanna Pfaffenwimmer