Nehmen Sie mal an, ein Weltstar würde Sie mit auf sein Hotelzimmer nehmen. Was würden Sie tun? Über diese Frage muss die junge Autorin Ada nicht lange nachdenken, als sie den alternden Schauspielstar Nino im Rahmen einer Lesung kennenlernt. Zunächst hält man nicht viel von einander, bis man nachts an der Hotelbar bei mehreren Whiskeys mit Cola ins Gespräch kommt. Und wie könnte man so eine Begegnung besser ausnützen, als mit spannenden Gesprächen? Eine Nacht haben die beiden Zeit, sich Fragen zu stellen und auf befriedigende Antworten zu hoffen. Lebenslügen, enttäuschte Liebe, sexuelle Vorlieben oder die Angst vorm Tod werden verhandelt, immer mit einem ironischen Augenzwinkern.
Regisseurin Lola Randl, die schon 2008 mit „Die Besucherin“ völlig neue Facetten der Mann-Frau Beziehung aufzeigen konnte, setzt bei „Die Libelle und das Nashorn“ auf großteils subtile Dialoge, mit dem Vorsatz eine Nähe herzustellen, die gewisse Grenzen und Wertigkeiten nicht überschreitet. Eine gemeinsame Nacht im Hotel komprimiert sie auf 100 unterhaltsame Filmminuten und lässt ihren Figuren trotzdem genügend Zeit, eine deutliche Entwicklung durchzumachen. Fritzi Haberlandt spielt Ada, die just in dieser Nacht von ihrem Freund verlassen wird und eigentlich nur zum Frustsaufen an die Hotelbar kam. Sie kokettiert von Anfang an mit frechem Charme, etwa wenn sie sich im Weitspucken mit Zuckerwürfel in der Hotellobby übt. Den selbstverliebten Nino spricht sie nur an, weil sie „am Verfall interessiert ist“. Nino, zunächst irritiert von der Neugierde der jungen Frau, geht ganz in seiner Paraderolle als geheimnisvoller Gentleman auf, bis er merkt, dass Adas Fragen, die ihn mehr und mehr aus der Reserve locken, echten Tiefgang besitzen. Mario Adorf bleibt trotz seiner Zerrissenheit zwischen väterlichem Mitgefühl und männlicher Begierde für die junge Frau hauptsächlich Mario Adorf, wie man ihn aus seinen unzähligen bisherigen Filmen kennt. Während Nino immer mehr die Maske des erfolgsverwöhnten Schauspielstars fallen lässt und von Adas Fragen nach dem Sinn des Lebens ehrlich ergriffen scheint, steigert sich die junge Autorin immer mehr in ihre Rolle der Fragenstellerin hinein, was der Figur den anfänglichen Liebreiz nimmt. Eine Wandlung, die zunächst irritiert, im Nachklang des Filmes jedoch schon beinah Vorbildwirkung hat. Haberlandt spielt eine Frau, die mutig ist, die zu ihrer unkonventionellen Art steht und riskiert, mit ihrer Offenheit anzuecken. Sie experimentiert in dieser Nacht, sie hinterfragt nicht nur das Leben des Gegenübers, sondern auch ihr eigenes. Wenn man eine Nacht hat, um einmal alles anders zu machen, dann sollte das Leben ein Spiel sein. Immer wieder verlagern die beiden ihr Gespräch auf die nächtlichen Straßen Dortmunds, mal um Kaugummi zu kaufen, mal um aus Hotelgästen Bankräuber zu machen und diese dann zu beschatten, weil der große Star Nino in den letzten Jahren dann doch öfter Spaghetti Werbung drehen musste, als Detektive zu spielen. Für Ada die Möglichkeit ihre ungestüme Kreativität auszuleben, für Nino die Chance noch einmal zu zeigen, was in ihm steckt. Es ist das gemeinsame Geben und Nehmen der beiden Figuren, das diesen Film so besonders macht und ihn davor bewahrt, sich vom gewöhnlichen Unterhaltungsfilm eines gemütlichen Fernsehabends abzugrenzen. Haberlandt und Adorf harmonieren so gut miteinander, dass man sich nicht großartig daran stört, am Ende relativ wenig über beide Figuren erfahren zu haben. Irgendwann endet auch die schöne Sechziger-Jahre Musik, dann geht alles ganz schnell. An Schlaf ist nicht mehr zu denken, schon wird es wieder hell.
Das Morgengrauen bedeutet Abschied nehmen; Abschied nehmen vom Fremden, das in dieser Nacht so vertraut schien. Ein neuer Tag bringt neue Fragen: War es der Anfang einer zarten Freundschaft oder doch nur ein schöner Winternachtstraum? Hanna Pfaffenwimmer