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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Nach chilenischem Reinheitsgebot Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Anabel Schleuning  am  3. Juli 2012

Foto: Filmfest München

Das Schmatzen eines Kusses, das Surren dieser umherflatternden Fliegen, das reißende Rauschen eines Flusses: Das alles ist so laut! Jede einzelne Gesichtspore der jungen Frau, jeder Bartstoppel des Motorradfahrers, jede Faser der Wassermelone: Das alles ist so nah!  All das, was hier zu hören, zu sehen, aber vor allem zu spüren ist, ist so direkt! So frontal, so klar, so rein, so schonungslos, dass es fast schon weh tut, gar abstößt.
Denn scheinbar hat sich der chilenische Regisseur José Luis Torres Leiva in seinem zweiten Film „Verano“ eines Reinheitsgebotes verschrieben, das man so  aus dem Kino nicht mehr kennt. Ein Reinheitsgebot, das das Leben so wahrhaftig, so realistisch zeichnet, dass es dabei schon wieder unrealistisch wie ein Gemälde erscheint, in seiner Verschwommenheit, in seiner Krisseligkeit. Man ist es nicht gewohnt, dieses Bild, es eckt an mit den gängigen Sehgewohnheiten im Kino, die auf gestochen scharfe, ästhetisch perfekt austarierte Bilder setzen. Das, was Leiva hier macht, ist anders. Denn sein Film drückt sich in einer Bildsprache aus, die man so nicht kennt, die herausfordert, die anstrengt, die geradezu herum spinnt, wie es ihr gefällt, ohne Konzept, ohne Idee, scheinbar ohne Sinn und Verstand. Doch es gibt Sinn, und auch Verstand, wenn auch die Stilmittel, derer sich Leiva bedient, einem fremd sind und daher befremdlich erscheinen.
Die Filmästhetik von „Verano“ lässt anmuten, das irgendeiner wild mit der Kamera herumspielt als wäre sie ein Spielzeug und dabei allerlei nur möglichen Effekte ausprobiert wie ein kleines Kind. So verliert sich eine gestochen scharfe Kamerafahrt durch karge Landschaften in einer verschwommenen Foto-Strecke von Gesichtern; düstere Aufnahmen mit einem Nachtsichtgerät vereinen sich  mit überblendeten Bildern des strahlenden Tageslichts. Und auch am Ton scheint ein wilder Freigeist herumzuschrauben, wenn ein Flüstern so aufgedreht wird, dass es beinahe in den Ohren schmerzt und vorbeirauschende LKWs sich  demgegenüber in der Lautlosigkeit verlieren.
Der Regisseur Leiva präsentiert anhand dieser eigensinnigen Bilderflut und Geräuschkulisse Gefühlswelten aus einem Sommer in Chile. Verano, zu deutsch: Sommer. Und Sommer ist vielleicht tatsächlich das einzige, was diese Geschichten, wenn man all das, was hier passiert, überhaupt Geschichten nennen darf, zusammenhält. Denn sie ereignen sich alle im Sommer. Es sind unterschiedliche Personen und Konstellationen, die auftreten, jedoch nichts weiter miteinander zutun haben, die sich zufällig an Bushaltestellen treffen und küssen, die eine Straße entlang spazieren, die ein Eis essen oder bei Nacht in Schwimmbäder einbrechen. Ansonsten stehen diese Begegnungen der Zwischenmenschlichkeit wie puzzleartige Fragmente nebeneinander.

Wenn also „Verano“ auf ganz eigensinnige Art viel erzählt, so doch nicht im gebräuchlichen Sinne des Geschichtenerzählens, des gesprochenen Wortes. Denn Worte werden hier nur wenige gewechselt. Es sind viel mehr diese besondere Bildsprache, diese inhaltlichen Puzzleteile, diese sinnlichen Reize, die „Verano“ so einzigartig machen. Sie brechen mit ästhetischen Gepflogenheiten, hinterlassen fetzenartige Spuren und damit einen Eindruck, den man nicht mit herkömmlichen Geschmackskriterien beurteilen kann. Dazu fehlt das Vokabular. Doch genau dazu wiederum sind Filmfeste wie das in München da: Neues zu bieten, das Publikum herauszufordern, die Sehgewohnheiten zu irritieren und damit filmisches Vokabular zu erweitern. Anabel Schleuning

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