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Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Und wo man hinsieht, nur Leere Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Pierre Jarawan  am  3. Juli 2012

Diese Jugend kennt keine rosigen Aussichten. Foto: Filmfest München

Zwischen den Hochhäuserwänden gibt es nur Leere. Dies ist ein Unort, er hat keinen Namen, hier ist Nirgends. Hier könnte Überall sein. Jedenfalls überall da, wo man selbst lieber nicht wohnen würde. Sarah sitzt am Fenster und raucht.

Sarah und Charly sind dreizehn. Und in ihrem Leben finden sie keine Zuneigung, keine Liebe. Um begehrt zu werden stürzen sich die beiden Freundinnen in Körperlichkeit, Nähe durch Sex – und zwar so oft es geht und egal mit wem. Dazwischen: Chatten, Party, Alkohol und Drogen. Emotional verwahrloste Kinder sind das, für die die Treppe zum Erwachsenwerden unwegsam ist und nur hohe Stufen bereithält. Sie spielen Streiche im Spielwarenladen und klauen Unterwäsche, formulieren aber Credos wie: „Ficken, Vögeln, Bumsen – und zwar so lange bis einer sagt, ich bleib’ bei dir“ und auf die Frage, was sie später mal machen wollen, geben sie „nix. Harzen“ zur Antwort.

„Little Thirteen“ heißt der Diplomfilm von Regisseur Christian Klandt, Absolvent an der HFF Berlin. Auf dem Filmfest in München feierte er in der Reihe „Neues Deutsches Kino“ seine Weltpremiere. Die vielzitierte „Generation Porno“ will Klandt darin zeigen und dabei Erklärungen liefern. Er zeigt diese Jugend nicht als anarchistische, perspektivlose und faule Meute. Vielmehr sind diese Kinder Opfer ihrer Umgebung. Sarahs nymphomane Mutter treibt es vor den Augen ihrer Tochter mit dem schnauzbärtigen Maik auf der Couch und drängt die Tochter zum Dreier mit deren neuem Freund. Der heißt übrigens Lukas und dreht mit Sarah Pornos, die er dann verkauft, um an Drogen zu kommen.

Das alles könnte abschreckend sein, verstörend, ja mitleiderregend. Klandt will aufräumen mit einem Klischee: Diese Jugend ist nicht so, weil sie es so will, sondern weil sie dazu gemacht wird. Doch die Formel, auf die er das Geschehen abschließend bringt ist leider selbst ein Klischee: Wir sehen Familien, die aus dem RTL-2-Mittagsprogramm stammen könnten, Klandt verortet die Problematik in ebenjener Schublade, in die die meisten sie ohnehin stecken würden: Die Väter der Kinder sind fort, Doreen, Sarahs Mutter läuft meistens halbnackt durch die Wohnung und fragt die Tochter lüstern nach deren Sexleben aus. Charlys Mutter hängt den ganzen Tag auf der Couch und vernachlässigt sich selbst und erst recht ihre Kinder, was den kleinen Sohn dazu bringt auszubüchsen. So schwingt die Analogiekeule munter über die Leinwand. Wie die Eltern, so auch die Kinder, denkt man. Hier soll möglichst viel Elend gezeigt werden, dass Lukas aus gutbürgerlichem Hause stammt, erfährt man nur am Rande.

Großartig aber sind die jungen Darsteller, wie sie in ihrer Desorientierung durchs Leben taumeln. Muriel Wimmer als Sarah und und Antonia Putiloff als Charly entblößen sich auch seelisch. Und ab und zu gibt es sie, Momente von großer Zartheit, in diesem Film. Von Lukas erfährt Sarah zum ersten Mal Zärtlichkeit und Nähe, was sie völlig aus der Bahn wirft. Im Handstand stehend sieht sie die Hochhäuserwände auf den Kopf gestellt. Wand an Wand, Balkon an Balkon. Und irgendwo sitzt jemand am Fenster und raucht. Pierre Jarawan

 

 

 

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