cult:online


Die Onlineausgabe der Kulturzeitung der Bayerischen Theaterakademie

Der Papa wird’s schon richten… Diesen Artikel ausdrucken

Geschrieben von Hanna Pfaffenwimmer  am  4. Juli 2012

Der Rest ist Krise Foto: Münchner Filmfest

Seine Eltern kann man sich bekanntlich nicht aussuchen. Nicht die Mutter, die Tage verschläft, weil sie in der Nacht arbeiten muss und im Wachzustand eine Affäre mit dem Nachbarn pflegt, nicht den Vater, der sich als ambitionierter Chemiker in seiner Arbeit so verausgabt, dass er vergisst zu leben. Und irgendwann steht der Vater dann vor der Tür seiner Kinder, die alle mehr schlecht als recht in Berlin mit ihrem bürgerlichen Leben kämpfen, mit einer Botschaft, die deren Leben verändern wird.

Constanze Knoche erzählt in ihrem ersten Langfilm „Die Besucher“ von einer Familie, die schon seit Jahren mehr nebeneinander als miteinander lebt. Für die drei Kinder, die unterschiedlicher nicht sein könnten, sind die Eltern ohnehin nur die Geldgeber, die ihnen ihre Luxusprobleme finanzieren. Dem kaputten System Familie gibt die Regisseurin hier einen Spielplatz. Die Probleme sind nicht neu, die Sorgen des Mittelstands berühren zwar nur wenig, vor allem weil der Film einer klaren Dramaturgie folgt und am Ende der Anklang der heilen Welt nicht ganz zu dem passt, was die 90 Minuten zuvor passiert.

Was den Film sehenswert macht, sind die schauspielerischen Leistungen. Neben Uwe Kokisch als Vater und Corinna Kirchhoff als emanzipierte Mutter, überzeugen vor allem die jungen Darsteller.  Anjorka Strechel spielt das jüngste Kind der Familie, das weder mit den Lebensentwürfen der Eltern noch der Geschwister etwas anfangen kann. Ihr Leben findet in der Natur statt. Sie schwört auf harte Arbeit und macht sich deshalb im Gegensatz zu ihren akademisch-orientierten Geschwistern zum Außenseiter. Strechels Darstellung ist geprägt von einer fragilen Stärke. Sie kann erschreckend aggressiv sein, um im nächsten Augenblick die Welt durch sensible Kinderaugen zu sehen.  Anne Müller spielt mit Sonni das Sandwichkind. Sie will die Welt verbessern, hat aber bisweilen nur theoretisch Ahnung wie das gehen könnte. Das Studium will sie nicht so schnell beenden, weil ihr der Professor sehr am Herzen liegt, andererseits plagen sie die Gewissensbisse, dass der Vater die hohen Studiengebühren begleichen muss. Ihr Bruder Arnolt hat ähnliche Probleme, nur das er mit der Universität und den Fußstapfen des Vaters nichts mehr angefangen hat. Er lebt in den Tag hinein, finanziert von seinen Eltern, zum Leidwesen seiner Freundin. Jakob Diehl und die großartige Irina Potapenko spielen dieses ungleiche Pärchen, dem eine der schönsten Szenen des Films zukommt. Als Arnolt nachdem die Familie komplett zerrüttet ist, im Begriff ist, auch noch die Frau an seiner Seite zu verlieren, besinnt sich der Tagträumer und macht seiner Freundin die wohl unkonventionellste Liebeserklärung, die man seit langem auf der Leinwand gesehen hat.

Auch zwischen den Eltern gibt es immer wieder zaghafte Annäherungen, auch wenn man eher den Eindruck hat, das alles passiere aus Mitleid, denn aus erstgemeinter Zuneigung. Fassungslos müssen sie zusehen, wie sich ihre eigenen Fehler auf die nächste Generation übertragen. Man redet miteinander, aber grundlos. Man vermisst sich, obwohl man nah nebeneinander sitzt. Was nützt da der ganze Wohlstand, wenn letztendlich soziale Eiszeit herrscht. Der Vater, der bemüht ist, alles wieder in Ordnung zu bringen, muss erstmal sein eigenes Leben in den Griff kriegen – soviel steht fest. Hanna Pfaffenwimmer

 

Share |


Einen Kommentar schreiben