Das Paradies existiert nicht. Daran können auch papierweiße Strände und ein türkisfarbenes Meer nichts ändern. Neukaledonien im Südpazifik. Die Inselgruppe gehört zu Frankreich, seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Regelmäßige Revolten der Einwohner gegen die Besetzer prägen die gemeinsame Geschichte. Repression der Kanak, den indigenen Einwohnern, Verdrängung, Unterdrückung – eine klassische Kolonialisierungsgeschichte.
Mathieu Kassovitz ist ein unangenehmer Filmemacher. Zumindest für die Franzosen. Er steht für mutiges, politisch engagiertes Kino, das aufklären will. Schon mit „Hass“ zeigte er 1995 schonungslos das Leben in den Banlieus, den trostlosen Problemvierteln der Großstädte, wo es auch kein Paradies gibt. In „L’ Ordre et la Morale“ widmet er sich einem Kapitel der französischen Geschichte, das man tief in den hintersten Kammern des kollektiven Gedächtnisses verschlossen hat. Genauer gesagt: er widmet sich einen speziellen Moment dieser Geschichte.
Am 22. April 1988 fällt eine kleine Gruppe kanakischer Separatisten in einem französischen Stützpunkt auf der kleinen Insel Ouvéa ein. Es ist eine Reaktion auf ein an diesem Tag in Kraft getretenes Gesetz, das den politischen Einfluss der kanakischen Befürworter einer Unabhängigkeit Neukaledoniens beschneiden soll. Eigentlich ist eine friedliche Übernahme geplant, aber dann fallen Schüsse und vier französische Polizisten sterben. So verschanzt sich die Gruppe mit 27 Geiseln tief im Dschungel.
Der Film erzählt die zehn Tage dieser Geiselnahme. Er beginnt mit einem Anruf. Dieser gilt Philippe Legorjus, dem Kapitän einer französischen Spezialeinheit – von Kassovitz persönlich gespielt. Er soll zwischen den Geiselnehmern und der Regierung vermitteln. Minutiös rekonstruiert Kassovitz die Ereignisse: das massive Eintreffen der französischen Armee auf der Insel, die gewalttätigen Verhöre der umliegenden Stammesmitglieder zum Aufenthaltsort der Rebellen. Er zeigt die zähen Verhandlungen mit der Regierung und den Rebellen. Philippe steht zwischen den Fronten. „Wir reden uns ein, Terroristen zu jagen, so werden die Gegner weniger menschlich“, sagt er einmal. Sein Problem: In Frankreich sind gerade Wahlen und das unangenehme Thema soll aus den Zeitungen verschwinden. Und zwar so schnell wie möglich.
„L’ Ordre et la Morale“ ist ein Dokudrama. Kassovitz verzichtet auf eine Thrillerstruktur oder übertriebene Actionsequenzen, die Erzählweise ist ungeschönt. Im Verlauf dieser 136 Spielminuten werden die Ansichten der Rebellen klarer, die Sturheit der Franzosen wird unverständlich, ja unerträglich. Auf beiden Seiten gibt es keine Helden. Der Film ist spannend, aber er ist vor allem auch zäh – was in diesem Fall ein Qualitätsmerkmal ist. So ensteht ein Unbehagen. Die Zeit vergeht teilweise quälend langsam. Endlose Dialoge im Unterholz oder in den Büros ranghoher Militärs, das zermürbende Ringen um die richtige Taktik. Und als Philippe endlich Fortschritte macht, ein Ausweg in Sicht ist, befiehlt die Regierung den Angriff.
So klagt er an. Kassovitz lässt keinen Zweifel daran, wer letztendlich die Bösen sind. Die Wahlen daheim sind wichtiger, Neukaledonien, das ist das Ende der Welt! Also gibt es ein Massaker und selbst als die Geiseln befreit und die noch lebenden Rebellen verhaftet sind, schießt man auf sie. Auch Philipp ist keine Heldenfigur. Er hat zwar die größten Ideale und ist nicht ohne Pathos – doch all das nützt ihm nichts. Am Ende ist er der Mann, der die Rebellen betrogen und getäuscht hat, während er selbst getäuscht wurde. In Neukaledonien verzichtete der Verleih letztendlich darauf, den Film ins Kino zu bringen. Man befürchtete Unruhen.
Der Essayist Benjamin Korn hat Frankreich vor nicht allzu langer Zeit als Nation beschrieben, die die Kunst des Wegsehens perfekt beherrscht. Der kürzlich gescheiterte Versuch, ein Gesetz zu erlassen, das das Leugnen des mutmaßlichen Genozids der Türken den an den Armeniern unter Strafe stellt, wirkt im Angesicht von Kassovitz’ Film wie ein weiterer Versuch, von der eigenen Geschichte abzulenken. Aber das Paradies existiert nunmal nicht. Und Neukaledonien ist das Ende der Welt. Pierre Jarawan
Der Film ist am 5.7. um 15 Uhr im CinemaxX 3 nochmals zu sehen.